ENTWICKLUNGSHILFE Fünf vor zwölf
Ein Wort des deutschen Kanzlers war für zwei Staatssekretäre seiner Regierung Befehl, den Wald am Amazonas und am Kongo zu durchstreifen. Neun Tage lang untersuchte Hans-Peter Repnik, Parlamentarischer Staatssekretär im Entwicklungshilfeministerium, ob und wie dem tropischen Regenwald wirklich geholfen werden kann. Neun Tage lang erforschte sein CSU-Kollege aus dem Umweltministerium, Wolfgang Gröbl, Forstwirt vom Tegernsee, den Urwald von Zaire.
Beide traten im Namen ihres Kanzlers auf. Der war auf dem letzten Wirtschaftsgipfel in Paris mit dem Bekenntnis aufgefallen: »Ich glaube, es ist hier völlig klargeworden, daß es in der Frage der Regenwälder fünf vor zwölf ist« - zwar beuten Unternehmen aus den Industriestaaten den Urwald gerne aus, aber die Folgen der Abholzung für das Erdklima sind immens. Kohl versprach Geld und Schuldenerlaß für die Dritte Welt bei Verzicht auf Raubbau und Brandrodung.
Nach den Missionen der beiden Unionspolitiker sind keine Zweifel mehr erlaubt: Die Bonner Regierung und die westdeutsche Wirtschaft übernehmen sich, wenn ausgerechnet sie sich in der Dritten Welt als Vorbild im pfleglichen Umgang mit der Natur aufspielen.
Zaires Umweltminister Pendje amüsierte sich über das »besonders große Interesse« der Deutschen an seinem Urwald; Gröbl führt in diesem Jahr schon die dritte deutsche Mannschaft durch die Bäume. Repnik wurde in Brasilien gefragt, wieso eigentlich die Industrieländer die Schuld für die weltweite Klimakatastrophe am Amazonas und nicht bei den heimischen Abgasen suchen.
Dabei ist die Erste Welt durchaus auch dafür verantwortlich, daß in der Dritten geholzt und gerodet wird. Lang ist das Register deutscher Umweltsünden, die mit Geld aus Bonn oder von der Industrie finanziert wurden. In der »Fazenda Rio Cristalino« etwa hatte VW do Brasil, eine Tochter des Wolfsburger Konzerns, jahrelang auf einer Fläche von 140 000 Hektar, davon über ein Drittel gerodeter Wald, Rinder gezüchtet. 1987 stoppte VW die Zucht; die brasilianische Regierung wollte die üppigen Subventionen nicht länger zahlen.
Wie weit die Interessen zwischen Umweltschutz und Abbau von Bodenschätzen auseinanderklaffen, erfuhr Repnik im Gespräch mit dem Präsidenten der brasilianischen Mannesmann-Gruppe, Axel Wippermann. Als die Bonner Polittouristen Bedenken dagegen äußerten, daß Mannesmann mit Hilfe von Holzkohle aus Tropenholz Eisen verhütte, verbat sich der deutsche Unternehmer die Kritik. Seine Firma forste die abgeholzten Flächen wieder auf, dünge den Boden und baue rasch wachsenden Eukalyptus für die Holzkohleerzeugung.
Repniks Begleiter Dietrich Burger, Forstexperte der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), nannte diese Art von Holzproduktion »postkolonial«. Selbst ein »selektiver« Einschlag, bei dem nur ein bis zwei Bäume je Hektar gefällt werden, schade dem Wald, auch durch den Wegebau zum Holztransport.
Mit deutscher Hilfe wurde ein Projekt gefördert, Holzkohle aus den Tropenbäumen zu gewinnen und in einer Roheisenhütte in der Nähe von Maraba zu verfeuern. Eisen- und Köhlerhütten werden durch ein Projekt in den Urwald gelockt, für das auch eine deutsche Zwei-Milliarden-Bürgschaft gilt: das größte Eisenerz-Vorkommen der Welt von Carajas (18 Milliarden Tonnen Reserven).
Auf eine Kleine Anfrage der Grünen zur »Verletzung der Umweltvereinbarungen« hatte Repniks Vorgänger Volkmar Köhler im März noch ganz vage eingeräumt, daß »der Umwelt abträgliche Entwicklungen nachfolgen können, die nur schwer kontrollierbar sind«. Aber intern liest es sich anders.
In einem Vermerk verurteilte die zuständige Fachabteilung das deutsche Engagement in Carajas:
Die Bundesregierung hat sich bi- und multilateral an der Finanzierung eines Großvorhabens beteiligt, das eine wirtschaftliche Entwicklung in der gesamten Region in Gang gesetzt hat, deren ökologische und soziale Folgen schließlich nicht mehr kontrollierbar waren. Sie trägt insofern eine gewisse Mitverantwortung für die Situation in Ostamazonien. Dies könnte ihrer Glaubwürdigkeit in der zur Zeit geführten Tropenwalddiskussion schaden.
Im Gespräch mit dem deutschen Staatssekretär erklärten sich die brasilianischen Erzmanager erstmals bereit, in einer von Bonn finanzierten UN-Studie zu prüfen, ob das Eisenerz von Carajas auch mit Steinkohle aus Kolumbien oder mit Erdgas aus dem Amazonas-Delta verhüttet werden kann.
Auch in anderen Wäldern der Welt trägt Bonn schwer an alten Lasten. Im Jahre 1981 schlug die indonesische Regierung, beraten von der bundeseigenen GTZ und gefördert mit einem deutschen Millionenkredit, eine 190 Kilometer lange Schneise in den Urwald von Ost-Kalimantan, »Straße des Fortschritts« genannt, über die Bewohner der übervölkerten Inseln Java und Bali auf das dünnbesiedelte Borneo umgesiedelt werden sollten. Die Umsiedlung löste die Übervölkerungsprobleme nicht, statt dessen wird neben der Straße der Regenwald gerodet.
In Zaire besitzt die »Siforzal«, eine Tochter der Reutlinger Karl Danzer Furnierwerke und der bundeseigenen DEG (Deutsche Finanzierungsgesellschaft für Beteiligungen in Entwicklungsländern), rund 40 Prozent der gesamten Holzkonzessionen samt Sägewerk. Auf rund 1,5 Millionen Hektar schlugen Schwarze im Auftrag der Deutschen 182 000 Kubikmeter Holz, erfuhr Forstmann Gröbl bei seinem Ausflug nach Afrika, freilich nur einen Stamm pro Hektar Wald.
Der Umweltstaatssekretär beobachtete, daß Schneisen und Wege schnell wieder zugewachsen seien; deshalb gebe es für den afrikanischen Urwald »keine Gefahr«, aber positive Wirkungen für 2500 Arbeitsplätze. Gröbls Erkenntnis: »Der größte Feind des Waldes ist die Armut der Menschen. Wer dem Wald helfen will, muß den Menschen helfen.«
Wie das geschehen soll, darüber gehen die Meinungen bei Repnik und Gröbl auseinander. Die Regierung von Zaire etwa übergab der deutschen Botschaft einen Wunschzettel zum Waldschutz, auf dem neben Walkie-talkies auch Hubschrauber und Flugzeuge für einheimische Förster auftauchen. Gröbl: »So dumm ist das gar nicht.«
Auch Brasilien hätte gern Hilfe zum Kauf einer Hubschrauberflotte zur Waldkontrolle. Doch Repnik sieht andere Prioritäten. Er möchte private Umweltinitiativen stärker, Regierungsstellen weniger mit deutscher Mark versorgen. Mit Produktions- und Absatzgenossenschaften für arme Bauern wäre auch dem Wald geholfen.
Den brasilianischen Unternehmern fehlt es noch an Einsicht in neue Erfordernisse. Der »Unternehmerrat von Amazonien« verabschiedete gerade eine »Amazonas-Charta«, in der »Mythen und Lügen« westlicher Umweltschützer verurteilt werden, es gebe ein »zerstörtes Land« oder eine »verwüstete Zukunft«.