Für ein Linsengericht - DER SPIEGEL
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Briefe

Für ein Linsengericht
• aus DER SPIEGEL 26/2005
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Für ein Linsengericht

Nr. 24/2005, Gesundheitskosten: Warum die Barmer Ersatzkasse Ärzte und Apotheker belohnt

Vor Einführung der Chipkarte bekam der Patient am Anfang eines jeden Jahres zwei Krankenscheinhefte: eines für den praktischen Arzt und ein zweites für den Zahnarzt. Jedes Heft enthielt vier Krankenscheine, für jedes Quartal einen! Wollte der Patient einen Facharzt konsultieren, so bekam er eine entsprechende Überweisung. Aber das war ja alles viel zu einfach und vor allem - viel zu billig.

SCHÖNENBERG-KÜBELBERG (RHLD.-PF.)

ELKE BUSCHMANN

Bekanntermaßen war ja der Versuch, den Patienten selbst zum Lotsen im Gesundheitssystem zu machen, kein Erfolgsmodell. Wem könnte man diese Aufgabe noch anvertrauen? Einer neuen Behörde vielleicht, den Gesundheitsämtern oder gar dem TÜV? Der Barmer Ersatzkasse nacheifernd, bieten jetzt auch die anderen Ersatzkassen (zumindest in Hessen) Verträge zur hausarztzentrierten Versorgung an. Gesucht werden dafür interessierte hausärztliche Internisten, Allgemeinmediziner und Praktiker, von Ihnen (zurück zu den Wurzeln!) Wald-und-Wiesen-Doktores genannt. Wenn bloß mehr Professoren Hausbesuche machen würden ...

KASSEL DR. WALTER WEISE

Warum will die Barmer ihren Versicherten das Menschenrecht der freien Arztwahl für ein Linsengericht abkaufen? Zur Begründung wird immer auch der Begriff »unnütze Doppeluntersuchungen« genannt, die mit dem Hausarztmodell eingespart werden könnten. Das ist wissentliche Desinformation, denn die Arzthonorare werden von der »Kopfpauschale« beglichen. Ob ein EKG oder 100 EKGs pro Patient: An den Kosten der Krankenkassen ändert sich nichts, die »Kopfpauschale« bleibt konstant. Ziel der BEK wird sein, dass die Verwaltung langfristig einen direkten Durchgriff auf den Kugelschreiber des Doktors bekommt. Dafür wird jetzt richtig investiert. Wer es gut findet, kann sich ja mit dem Linsengericht abspeisen lassen.

ARNSBERG (NRDRH.-WESTF.) DR. LUDGER HARTMER

Guter Artikel zur richtigen Zeit! Selbst bei Privatkassen macht sich diese Art Modell breit. Eine »Primärarztvereinbarung« lässt mich zwar im Monat etwa 35 bis 40 Euro weniger Beitrag zahlen, hindert mich aber eindeutig daran, bei akuten Problemen eine schnelle Linderung herbeizuführen. Wieso sollte ich beispielsweise bei einem mir bekannten Meniskusproblem erst den Weg über den Hausarzt wählen? Mit meinem habe ich Glück und einen loyalen Partner gefunden, aber Wehe den Patienten, die an solche Wald-und-Wiesen-Doktoren geraten.

BERLIN SÖNKE MÖHRING

Sicher müssen Barmer, Apotheker und Hausärzte hart daran arbeiten, um zu zeigen, dass sich der Vertrag ökonomisch rechnet. Die Skepsis gegenüber einer Lotsenfunktion des Hausarztes in den Köpfen von einigen Politikern und Funktionären ist jedoch größer als bei Versicherten und Patienten. Andere europäische Länder (Dänemark, Holland et cetera) machen uns seit Jahren vor, dass der hausärztliche Arbeitsansatz vor Fehlversorgung und Überdiagnostik schützt und dem Patienten nutzt. Auch die BKKs werden bald dafür dankbar sein, dass überhaupt noch jemand »im Wald und auf der Wiese« eine wohnortnahe Versorgung der Bevölkerung macht.

HEIDELBERG PROF. DR. JOACHIM SZECSENYI

UNIVERSITÄTSKLINIKUM HEIDELBERG

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