JUGOSLAWIEN Für eine Menge Dollar
Der Präsident benehme sich »wie Napoleon« und wolle eine Parallelmacht aufbauen, wetterte Serbenpremier Zoran Djindjic. Der Regierungschef verletze die Verfassung und gefährde den Staat, konterte Jugoslawiens Staatsoberhaupt Vojislav Kostunica die Vorwürfe seines DOS-Koalitionspartners.
Was die beiden führenden Staatsmänner im Land eineinhalb Jahre nach dem Sturz des Despoten Slobodan Milosevic noch verbindet, kommentieren jugoslawische Medien sarkastisch: gegenseitiger Hass, wechselseitige Putschvorwürfe.
Erst vor zwei Wochen soll der von Milosevic-Loyalisten unterwanderte militärische Geheimdienst Jugoslawiens versucht haben, die Regierung Djindjic zu stürzen, um Kostunica als neuen serbischen Premier an die Macht zu putschen.
Dazu wurde ein Spionagethriller wie aus den finsteren Zeiten der Milosevic-Ära inszeniert: Fünf Monate hatten die Agenten des militärischen Abwehrdienstes den ehemaligen Generalstabschef Momcilo Perisic ohne Kenntnis seines Chefs Djindjic observiert. Am 14. März schlug »Kobra« zu.
Die Kostunica unterstehende Eliteeinheit verhaftete den »Spion« auf frischer Tat: In einem Restaurant nahe Belgrad soll der 1998 von Milosevic gefeuerte General dem CIA-Balkanbeauftragten John David Neighbor geheime Militärdokumente übergeben und im Gegenzug den Erhalt einer »größeren Menge Dollar« bestätigt haben.
Ein Videoband über das konspirative Treffen wurde vergangene Woche von Staatspräsident Kostunica zwangsweise dem protestierenden DOS-Präsidium vorgeführt. Die Herren seien danach geschockt gewesen, berichtete die Zeitung »Blic«.
Sie legten dem Kompromittierten den Rücktritt als serbischer Vizepremier nahe - vorrangig wohl wegen ihrer eigenen Charakterisierung von »Affe« bis »Konservendosenspezialist«, die dieser dem Diplomaten als Zugabe vermittelt hatte.
Perisic trat zurück, sieht sich jedoch als Opfer böser Intrigen: Serbien stehe am Kreuzweg zwischen Demokratie und finsterer Nacht.
Wer das Land diesmal vorm Verderb retten soll, darauf wissen auch westliche Strategen keine Antwort mehr. DOS gegen DOS, dies sei kein Streit vor dem Familienrichter, warnt der Polit-Professor Djordje Vukadinovic und will im Machtduell zwischen Kostunicas Demokratischer Partei Serbiens (DSS) und Djindjics Demokratischer Partei (DS) sogar ein Blutbad nicht mehr aus-schließen.
Enttäuschung über die veruntreute Revolution macht sich im Land breit. Von einem besseren Leben ist bisher wenig zu spüren. Im Belgrader Klinikzentrum für Lungenkranke schleppen die Stationsschwestern ihre Patienten nach wie vor mühsam durch das Treppenhaus, der Lift ist seit zehn Jahren außer Betrieb. Die Schlangen vor Belgrads Suppenküchen werden länger; in Mülltonnen wühlen hungrige Rentner und Arbeitslose. »Wenn ich die Morgenzeitungen lese«, sagt der 32jährige Kriegsinvalide Bata, »finde ich statt Zukunftsperspektiven Sex-Skandale unserer Minister, angebliche Mordpläne unserer DOS-Führer und das Gerücht, unser Premier Djindjic sei Pate des berüchtigtsten Mafia-Clans von Belgrad und schütze die Attentäter des Milosevic-Regimes.«
Der Kalte Krieg der DOS-Hierarchie hemmt nicht nur Reformen. Zu registrieren ist zugleich ein Rückfall in Nationalismus und erneute Paranoia von Serbiens Kampf gegen den Rest der Welt.
Wochen vor seiner Festnahme war Perisic von den Agenten des militärischen Geheimdienstes bereits gedroht worden: »Wir werden Sie zum Schweigen bringen!« Laut »nacional« soll der General dem Haager Tribunal seine Zeugenaussage gegen Milosevic angeboten haben, wenn er im Gegenzug Straffreiheit für die »eigenen Kriegsvergehen« erhalte - unter anderem die Bombardierung der kroatischen Küstenstadt Zadar. Zweifellos wäre Perisic ein kompetenter Zeuge für die nach Belgrad führenden Kommandostrukturen während des jugoslawischen Erbfolgekriegs, zum Beispiel bei der Eroberung der bosnischen Enklave Srebrenica und dem Massaker an über 7000 Muslimen.
Doch seit in Den Haag Milosevic Punkte sammelt und sich widersprechende Zeugen kompromittieren, ist in Serbien von Schuldbewusstsein nicht mehr viel zu spüren. Fasziniert verfolgt die Nation »Slobo«, der sich erneut als Verteidiger verletzten Nationalstolzes präsentiert. Bis Ende März verlangt das Haager Tribunal die Auslieferung weiterer Kriegsverbrecher. Falls Belgrad nicht kooperiere, drohte Washington eine Einstellung aller Finanzhilfen an. »Unser Volk«, sagt Djindjic, »wird dies kaum noch verstehen.«
Dass die neue Sympathiewelle für den entmachteten Despoten ausgerechnet aus der Partei von Kostunica kommt, ist kein Zufall. Fast 100 000 Sozis wechselten ihr Parteibuch und suchten in der Demokratischen Partei Serbiens Zuflucht, um dort eine neue Karriere aufzubauen.
Nach der neuen Staatenvereinbarung zwischen Serbien und Montenegro herrscht Panik unter den Genossen. Denn der künftige gemeinsame Staatspräsident wird kaum Kompetenzen haben. Die Macht im Land konzentriert sich auf den prowestlichen Pragmatiker Djindjic - zumindest bis zu den 2003 vorgesehenen Neuwahlen. Bis dahin wird das DOS-Bündnis längst in neue Fraktionen und Koalitionen zerfallen sein. Die nächste Krise steht bereits vor der Tür: Sollte Kostunica den Chef des militärischen Geheimdienstes und Verantwortlichen für die Perisic-Affäre, Aleksandar Tomic, nicht auswechseln, will Djindjic jede Zusammenarbeit mit dem jugoslawischen Präsidenten einstellen. RENATE FLOTTAU