SCHWEIZ Für Gott und die Stasi
Spitzel des Ost-Berliner Ministeriums für Staatssicherheit kundschafteten jahrzehntelang kirchliche Einrichtungen in der Schweiz und die theologische Fakultät der Universität Zürich aus. So verdingten sich Berliner und Leipziger Theologen bei der Hauptabteilung 20, Unterabteilung 4 (XX/4) des MfS, in deren Aufgabenbereich die Observierung kirchlicher Institutionen und der Kampf gegen »politische Untergrundtätigkeiten« von Gottesmännern gehörte. Das Vordringen der Stasi in die neutrale Eidgenossenschaft während des Kalten Krieges hat jetzt der evangelisch-reformierte Zürcher Theologe und Pfarrer Jürgen Seidel in einer wissenschaftlichen Arbeit erstmals minutiös nachgezeichnet. Was bisher in helvetischen Kirchenkreisen höchstens vermutet wurde, belegt Seidel vor allem anhand einschlägiger Dokumente aus der Berliner Gauck-Behörde an drei Fallstudien: In ihrem Allwissenheitswahn verlangten die Stasi-Chefs von ihren Agenten detaillierte Protokolle über Einrichtungen wie das Zürcher Institut Glaube in der 2. Welt, in dem das religiöse Leben im Ostblock dokumentiert wurde. Über dessen Angehörige verfasste etwa IM »Hagen« genauestens Bericht: Augenfarbe, Alter, Größe, Haarfarbe, selbst die Körperhaltung beim Gebet waren erwähnenswert. »Auch auf Grund der Angaben von Hagen hätte Institutsleiter Eugen Voss bei einem Aufenthalt in der DDR sofort verhaftet werden können«, glaubt Seidel. Übergeordnetes Ziel des von Erich Mielke geführten Ministeriums für Staatssicherheit sei es gewesen, umfassendes Material über »ideologisch-politische« Tätigkeit kirchlicher Einrichtungen zu sammeln. Auch hätten die DDR-Agenten Kontakte zu renommierten Theologen wie dem Basler Professor Karl Barth geknüpft - allerdings, so stellt Seidel fest, sei die Ausbeute der DDR-Schlapphüte im Allgemeinen äußerst mager gewesen. »Die machten intern viel Lärm, hatten aber letztlich wenig in der Hand.« Manche der spitzelwilligen DDR-Theologen erhielten Gelder aus einem Stipendienprogramm - damit konnten sie sich ein Semester an der Universität Zürich als Gasthörer leisten. Einer der Informanten, ein inzwischen emeritierter Leipziger Professor, zeige bis heute keine Reue. »Der ist immer noch überzeugt, das Richtige getan zu haben«, sagt Seidel.