SPIRITUOSEN-PREISE Für harte Männer
Einige Hauptzutaten für den westdeutschen Wohlstands-Feierabend - Spirituosen und Schokolade - verbilligten sich während der vergangenen Wochen, ohne daß die Preisdrücker von der Bundeskartellbehörde sich anzustrengen brauchten. Den Schnaps ereilte es zuerst.
»Es breitete sich aus wie ein Steppenbrand«, klagt Weinbrenner Ludwig Eckes. Seinen mit 9,75 Mark preisgebundenen Chantré bot die Händlerkette Vivo am Montag vorletzter Woche für 7,38 Mark an. Am Donnerstag verhökerte ihn der Großfilialist Tengelmann in seinen Läden schon für 6,75 Mark.
Der Eckes-Edelkirsch rutschte von 12,50 auf zehn Mark, der klare Zinn 40 von 10,50 auf 7,88 Mark. Discount -Läden offerierten den Zehn-Mark -Steinhäger Schlichte ("Trinke ihn mäßig, aber regelmäßig") für 7,95 Mark.
Das gleiche Mißgeschick war wenige Tage zuvor den Branchenführern, der Firma H. C. König und der Doornkaat AG, widerfahren. Ihre Marken Schinkenhäger, Puschkin und Doornkaat fielen von 10,50 auf bis zu 7,50 Mark.
Das gab den harten Kartell-Männern in Berlin die richtige Handhabe: Sie konstatierten, die nach dem Kartellgesetz erforderliche sogenannte Lückenlosigkeit sei nun nicht mehr gewährleistet, und hoben die Preisbindung für Doornkaat, König und Schlichte auf.
Westdeutschlands organisierter Handel hatte damit erzwungen, was die Kartellbehörde seit Jahren ohne Erfolg versuchte. Anfang 1961 hatte das Berliner Amt 17 westdeutsche Spritbrenner aufgefordert, ihr lückenhaft gewordenes Preisbindungssystem »innerhalb von zwei Wochen nach Zustellung dieses Schreibens« aufzuheben.
Schon damals waren die hochprozentigen Erzeugnisse Asbach, Doornkaat, Dujardin und Schinkenhäger auf dem Grauen Markt bis zu drei Mark unter ihren festgesetzten Preisen angeboten worden. Die Firmen beeilten sich, die Löcher zu stopfen.
Mit Hilfe von schließlich 1500 Verfahren jährlich vor den Landgerichten Wiesbaden und Hamburg kämpften sie alle diejenigen Händler nieder, die ihrer Kundschaft andere als die vorgeschriebenen Preise eingeräumt hatten. Damit waren den Kartellwächtern wieder die Hände gebunden.
Als stabilste Marke erwies sich in der Folgezeit Hermann Asbachs »Uralt«. Mit dem exklusiven Ladenpreis von 15 Mark und strenger Auswahl der abnehmenden Händler sorgte der Rüdesheimer dafür, daß sein »guter Geist des Weines« nicht in falsche Hände geriet.
Freilich mußte er dabei auf eine Ausweitung seiner Produktion verzichten. Asbach-Kompagnon Albert Sturm: »Mit der Menge sind wir immer klamm. Preisbindung ist ein Unding, wenn man Überfluß in den Markt preßt. Wir haben relativ knappe Spannen. Unseren (Händler-) Kunden kann nicht jeder Hanswurst Konkurrenz machen.«
Mit dem entgegengesetzten Verfahren brachte sich die Steinhagener König -Gruppe in die Spitzenposition. Ihre fast drei Dutzend Firmen verschmähten auch die »Hanswurste« unter den Händlern nicht und setzten 1963 für fast 250 Millionen Mark Getränke ab. König-Produkte füllen die Regale von Edeka, Spar sowie vielen Discount-Läden in der Bundesrepublik.
Um den Absatz anzufeuern, fütterten die Steinhagener ihre Händler mit Spannen, die ebenso hochprozentig waren wie der Flascheninhalt. Das Verfahren funktionierte, solange Großhandel und Einzelhandel noch klar zu unterscheiden waren. Der Detaillist bekam 20 Prozent vom Endverkaufspreis und der Großhändler, der ihn belieferte, 15 bis 20 Prozent vom Großhandelspreis.
Viele Einzelhändler, die sich zu freiwilligen Einkaufsketten und Genossenschaften zusammenschlossen, kassierten die Großhandelsspanne und Mengenrabatte gleich mit. Ohne Schaden konnten sie davon einige Prozent als Preisnachlaß an ihre Kunden weiterreichen.
Inzwischen gibt es in der Bundesrepublik rund 150 000 organisierte Einzelhändler und Großfilialisten, aber nur noch 13 000 unabhängige Lebensmittelkaufleute.
Während die Weingeistfabrikanten noch rätselten, wo zwischen Einzel- und Großhandel die Grenze zu ziehen sei, entschlossen sich die freiwilligen Handelsketten und Einkaufsgenossenschaften im April dieses Jahres zur offenen Attacke auf den festgenagelten Preis: Sie offerierten den mit 9,75 Mark preisgebundenen Weinbrand Attaché der Düsseldorfer Brennerei Stromburg Siegert & Co GmbH zu 7,90 bis 7,50 Mark.
Auf einen solchen Fall von durchlöcherter Bindung hatte das Bundeskartellamt gerade gewartet. Anfang Mai hob es die Attaché-Preisbindung auf. Die Markenartikler verkannten die heraufziehende Gefahr gründlich, als sie diesen ersten Schlag als eine »Bereinigung« auch noch »begrüßten«.
Das Handelsketten-Hausblatt »Rewe -Echo« bohrte weiter, die Bundesregierung sei zu lau und »beschränkt sich darauf, das Problem der Preisbindung mit der Feile anstatt mit dem Vorschlaghammer anzugehen«.
Darauf griffen die Händler selbst zum Hammer und brachten das Doornkaat -Preisgebäude eigenmächtig zum Einstürzen. Präsident Günthers Kartellamt zog erfreut nach: Anfang Juni verfügte es die Freigabe der Doornkaat -Preise, kurz danach kam auch die Preisbindung von H.C. König unter den Hammer.
Nun bemächtigte sich der Schluckbranche erhebliche Unruhe. Die Firmen Noris in Nürnberg und Stück in Hanau paßten eilends die bei 9,75 Mark gebundenen Preise ihrer Weinbrände der veränderten Marktlage an und reduzierten sie auf 8,35 Mark. Vergangene Woche senkte Dujardin gleichfalls den Preis - von 14,50 auf 12,90 Mark -, um auf niedrigerem Niveau die Preisbindung halten zu können.
Auch Fabrikant Ludwig Eckes weiß nicht mehr, wie er den Einbruch abriegeln und seine Preise weiter binden kann: »Wir müßten Tausende von Einstweiligen Verfügungen gegen die Preisbrecher beantragen. Das nimmt uns doch kein Gericht ab.«
Von den Einbrüchen an der Ladenfront wird die Preisbindung der ganzen Spirituosenbranche bedroht. Um mit der billigen Konkurrenz mithalten zu können, verkaufen immer mehr Einzelhändler unter dem gebundenen Preis. Alle diese Fälle wiederum sammelt das Bundeskartellamt und benutzt sie, um den Herstellerfirmen die Preisbindung zu verbieten.
Dieselbe Automatik wird den westdeutschen Verbrauchern jetzt auch billigere Schokolade bescheren. Nachdem in der vergangenen Woche die Chocolat Tobler GmbH für ihre Schokolade die Preisbindung aufgehoben hat, verkaufen 29 400 von Tobler belieferte Einzelhändler die Tafel statt für 1,30 für 88 Pfennig.
Puschkin-König
Steinhäger-Schlichte
Chantré-Eckes
Schaufenster einer Hamburger Spirituosenhandlung
Spirituosen-Hersteller, Spirituosen-Preise: Wie ein Steppenbrand