Für wen läuten Glocken? - DER SPIEGEL
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STARTBAHN Für wen läuten Glocken?

Die hessische Landesregierung liegt mit der evangelischen Amtskirche im Streit. Die Kirche stützt die Gegner des Flughafen-Ausbaus.
• aus DER SPIEGEL 45/1981
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Die Verdammung war einhellig. Hessens Landeskirche, schimpfte Ministerpräsident Holger Börner (SPD), habe »ganz unchristlich ihren Gegenstand verlassen« und betreibe jetzt »Regionaltheologie«.

Kultusminister Hans Krollmann, ebenfalls Sozialdemokrat, polterte gegen die »Politiker im Talar«, die gefälligst »bei ihrem Proprium«, der »Verkündigung der christlichen Botschaft«, bleiben sollten. Auch Innenminister Ekkehard Gries von der FDP sah den »Anspruch seelsorgerischer Betreuung auf den Kopf gestellt«. Gries drohte mit der Aufkündigung des Staatsvertrages.

Die Regierenden in Hessen waren bei ihrem Reizthema - beim Streit um den Bau der Startbahn West: Die Evangelische Landeskirche in Hessen und Nassau hatte gegen die Landesregierung und deren strikten Kurs bei der Erweiterung des Frankfurter Flughafens Front gemacht.

Wenige Tage nach den gewaltsamen Auseinandersetzungen auf dem besetzten Gelände verurteilte die Kirchenleitung in einer Erklärung den »Einsatz staatlicher Machtmittel in unverhältnismäßiger Stärke« und stellte die Notwendigkeit der Startbahn in Frage. Seitdem S.71 ist das Zerwürfnis zwischen den Pastoren und den Politikern, wie ein hoher Wiesbadener Regierungsbeamter zugibt, »total«, der Dissens für das Land beispiellos. »Wir waren schon mal unterschiedlicher Meinung«, sagt Hessens Kirchenpräsident Helmut Hild, »aber so eine massive Konfrontation ist neu.«

Zwar hatte sich die Landeskirche auch schon in der Vergangenheit bei politischen Anlässen zu Wort gemeldet, etwa bei Kundgebungen gegen die Berliner Mauer oder den Neonazismus. In der Schulpolitik suchte Sozialdemokrat Börner bisher stets den kirchlichen Rat. Und erst unlängst, als die Pfarreien in Frankfurt Solidaritätsgottesdienste für die 2600 Beschäftigten der Adler-Werke feierten, denen die Entlassung drohte, hatten die Regierenden nichts dagegen.

Mit einem Mal aber hat das Wort der Geistlichkeit für Hessens Ministerpräsident Börner eine bedenkliche »staatspolitische Bedeutung«. Wie weiland Kanzler Schmidt gegen den Hirtenbrief der katholischen Bischöfe zur Bundestagswahl, so wettert der Wiesbadener Regierungschef jetzt gegen das Startbahn-Credo der Protestanten. »Die Kirche hat im Tagesgeschäft nichts verloren, die soll sich beim Startbahnbau raushalten.«

Innenminister Gries war über zwei Passagen der Erklärung besonders erbost. »Mindestens ebenso schwer wie körperliche Verletzungen«, schrieben die evangelischen Kirchenoberen, wiege nun »der Schaden in der Einstellung vieler Bürger zur staatlichen Ordnung«. Die Geistlichen fragten sich, »ob Enttäuschung und Vertrauensschwund in das Funktionieren der demokratischen Ordnung bei diesen Menschen in einem zu verantwortenden Verhältnis zur Durchsetzung der geplanten Baumaßnahmen stehen«. Und: »Es geht nicht an, wenn die Bewohner des Hüttendorfs generell als Asoziale und Chaoten bezeichnet werden« (SPIEGEL 43/1981).

Daß sie sich »so einseitig auf die Seite von Minderheiten stellt«, befand Hessens oberster Polizeichef, habe die Kirche »automatisch ins Unrecht« gesetzt: »Für wen läuten eigentlich die Kirchenglocken, nur für Demonstranten?«

Selbstverständlich »für alle«, konterte der stellvertretende Kirchenpräsident Helmut Spengler. Doch im Wald am Flughafen hätten prügelnde Polizeibeamte »Hoffnungen zerstört«, darüber könne »ein Christ nicht zur Tagesordnung übergehen«. Auch daß die Kirche nur »in Fragen des Glaubens zuständig« sein soll, wie Krollmann gefordert hatte, sei »irrig«. Spengler: »Die Kirche ist gefordert, wenn der Mensch berührt ist, das ist unser geistlicher Auftrag.«

Offenbar, befürchtet Spengler, habe »niemand in der Landesregierung die Erklärung zu Ende gelesen«. Tatsächlich hatte sich die Kirchenleitung für manche Pfarrer entschuldigt, die Börner und Gries bei Gottesdiensten vor Ort als »Umweltfrevler« gescholten hatten. Doch bei der Landesregierung kam die versöhnliche Geste nicht an. Ein Gespräch Spenglers mit dem Chef der Staatskanzlei, Staatssekretär Reinhart Bartholomäi, sagten die Wiesbadener ohne Begründung ab.

Wie sich das einstmals »traditionell gute Einvernehmen« (Hild) zwischen Landeskirche und Landesregierung wiederherstellen läßt, ist einem Mitglied des hessischen FDP-Landesvorstands eingefallen. Die Kirche dürfe sich, sinnierte der Liberale, ruhig politisch engagieren, am besten »für die Erhaltung der Arbeitsplätze am Flughafen«.

S.69Bei der Verleihung des Großen Verdienstkreuzes des Verdienstordensder Bundesrepublik Deutschland 1977.*

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