Funken fielen - DER SPIEGEL
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ITALIEN / VERBRECHEN Funken fielen

• aus DER SPIEGEL 49/1970
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ich war gerade dabei, im Hof Geschirr abzuwaschen«, erinnert sich die Bäuerin Margherita Maroni, »als ich plötzlich einen Feuerschein am Himmel sah. Dann hörte ich eine Explosion. Funken fielen herunter, wie kleine Kometen.«

Signora Maroni war Zeugin einer Flugzeugkatastrophe, die Italien schockte -- und über deren Ursache die Nation noch immer rätselt. Denn bei dem Unglück -- am 27. Oktober 1962, nahe bei Mailand -- kam der italienische Erdgas- und Ölkönig Enrico Mattei, 56, ums Leben (SPIEGEL 45/1962).

Und weil Mattei, laut »New York Times« der »mächtigste Italiener seit der Zeit des Kaisers Augustus«, viele Feinde hatte, tauchten sogleich Gerüchte auf, er sei einem Sabotage-Anschlag zum Opfer gefallen.

Die Untersuchungsbeamten fanden damals dafür zwar keine Beweise. Doch jetzt, nach acht Jahren, erhalten die Mordspekulationen immer mehr Nahrung; die Attentats-Hypothese gewinnt an Wahrscheinlichkeit, und es schälten sich gleich zwei mögliche Täter-Gruppen heraus:

* Der Ex-Geheimdienstler Thyraud de Vosjoli erklärte, Mattei sei auf Betreiben des französischen Spionagedienstes SDECE beseitigt worden -- weil der am Sahara-Öl interessierte »Signor Petroleum« die algerischen Rebellen der FLN unterstützte.

* Der sizilianische Journalist Mauro De Mauro, der Material über die letzten Tage Matteis sammelte, wurde am 16. September entführt und vermutlich von der Mafia umgebracht -- weil er offenbar zuviel über Matteis Gegner wußte.

Daß die sizilianische Mafia den modernen Manager Enrico Mattei zu beseitigen wünschte, wäre nicht verwunderlich. Denn der dynamische Präsident des Staatskonzerns ENI (Ente Nazionale Idrocarburi) und Mitbegründer des italienischen Wirtschaftswunders wollte dem rückständigen Sizilien Industrie und Arbeitsplätze bringen. Das hätte den Einfluß der »Ehrenwerten Gesellschaft« (Bezeichnung der Mafia) gefährdet.

Die in Palermo veröffentlichten Mauro-Notizen stützen den Attentats-Verdacht: Sizilianische Gangster haben möglicherweise in Matteis Flugzeug vorn Typ »Morane Saulnier 760' eine Zeitbombe installiert.

»Der Tod Enrico Matteis«, erkannte die Zeitschrift »Panorama«, »steht wieder im Mittelpunkt eines wirtschaftlich-politischen Kriminalfalles, der weitreichende Konsequenzen haben kann.«

Freilich: Italien hat sich nachgerade daran gewöhnt, daß Mafia-Manöver weit häufiger vertuscht als aufgeklärt werden. Und überdies gibt es Anhaltspunkte dafür, daß Matteis radikalste Feinde -- mithin auch seine potentiellen Mörder -- außerhalb Italiens zu suchen sind.

Bereits Im Januar 1962 verübte die französische Terror-Organisation OAS einen Anschlag auf das Flugzeug des ENI-Chefs. Denn Mattei, dem auch die AGIP-Tankstellen unterstanden, hatte mit algerischen Nationalisten über 01-Lieferungen verhandelt und aus Geschäfts-Interesse die FLN finanziert.

Der Sabotage-Versuch (ein Schraubenschlüssel war in das Antriebsaggregat der Maschine geschmuggelt und dort mit Heftpflaster befestigt worden) schlug fehl. Doch die Franzosen bemühten sich offenbar weiter. Wie -- das schilderte Frankreichs einstiger Spitzen-Geheimdienstier in Washington, Thyraud de Vosjoli, jetzt in der Zeitschrift »L'Europeo":

Als alle Anstrengungen, den ENI-Boß von seinem ehrgeizigen Algerien-Kurs abzubringen, nichts halfen, schickten rechte französische Ultras

~ SPIEGEL 32/1958.

dem Italiener Mord-Drohungen ins Haus. Mattei blieb hart, wenngleich er (nach Aussagen .seiner Frau) nun »oft voller Sorgen war«. Schließlich gab der Geheimdienst SDECE der Gruppe »Action« die Order, den Widerspenstigen zu beseitigen.

Als »Action« -Handlanger arbeitete laut Vosioli ein auf Sabotage gedrillter Korse namens Laurent. Er verdingte sich 1962 auf dem Flughafen Fontanarossa der sizilianischen Stadt Catania. Am 27. Oktober 1962, dem Tag des Mattei-Flugs von Catania nach Mailand, schlich sich Laurent in den parkenden ENI-Vogel, hantierte an den Fluginstrumenten herum und setzte Teile ein, die er mitgebracht hatte.

In einer knappen Viertelstunde, behauptet Vosjoli, war der Job erledigt. Die Maschine, mit dem Piloten Bertuzzi, dem US-Journalisten McHale und Mattei an Bord, startete gegen 17 Uhr. Zwei Stunden später stürzte sie ab.

Für die Pariser Geheimdienst-Zentrale, resümiert Vosjoli, »galt der Fall Mattei somit als abgeschlossen. Für die Killer der 'Action'-Gruppe war der Mord bloße Tagesroutine.«

Viele Italiener suchen die Killer indes doch lieber in den Mafia-Reihen. Italo Mattei etwa, Bruder des toten Industriekapitäns und Links-Parlamentarier in der Region Marken, ist überzeugt davon, daß zwischen »Enricos Ermordung« und dem Verschwinden des Mafia-Spezialisten De Maure ein enger Zusammenhang besteht. Er verweist zudem auf neue Zeugenaussagen und verlangt eine neue, offizielle Untersuchung des Mattel-Todes. Ein Inspektor im Range eines Carabinieri-Generals hat denn auch bereits eine »Voruntersuchung« begonnen.

Am vorletzten Samstag erhob Ugo Moretti, Schriftsteller und Chef der Zeitschrift »Le Ore« bei der Mailänder Staatsanwaltschaft Anzeige gegen Unbekannt -- wegen »Ermordung« von Enrico Mattei.

Morettis Wochenblatt glaubt beweisen zu können: im Privatflugzeug des Ölkönigs explodierte eine kleine, etwa 50 Gramm schwere Sprengstoffladung und zerstörte die Steuerung.

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