Furchtbare Angst, Brutale Einsicht - DER SPIEGEL
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Briefe

Furchtbare Angst, Brutale Einsicht
• aus DER SPIEGEL 18/1979
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Furchtbare Angst, Brutale Einsicht

(Nr. 15/1979, SPIEGEL-Titel »Alptraum Atomkraft")

Meine Schwester lebt in Philadelphia, das sind etwa 150 Kilometer von Harrisburg entfernt. Während der Reaktorpanne haben wir öfter miteinander telephoniert.

Meine Schwester hatte Angst, Angst, furchtbare Angst!

Da mein Schwager in der Stadtverwaltung von Philadelphia arbeitet, haben wir erfahren, daß selbst. für diese Stadt die Evakuierungspläne herausgeholt wurden und schon erste Maßnahmen unternommen wurden! Man hat also mit viel größeren Auswirkungen gerechnet, als es in der Presse zugegeben wurde!

Meine Schwester hat uns erzählt, daß viele ihrer Bekannten auch aus Philadelphia flohen und alle große Furcht vor diesen grauenhaften Folgen einer Durchschmelzung des Reaktors hatten. Auch ich denke jetzt ganz anders.

Köln SIBILLE BURAUEN

Schon bei Petrus 2. Vers 3, 10 steht zu lesen: »Dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden verbrennen.«

Man hat den Eindruck, daß die vermeintlichen, eigentlichen Sachwalter der Schöpfung wieder ihre Silberlinge kassieren, indem sie Verrat üben an der Allmacht Gottes.

Freudenstadt (Bad.-Württ.) HELMUT BRENNER

Am Montag, 2. April 1979, bat mich der Bundesminister des Innern, Herr Baum, um einen kurzen Bericht zum Unfall in Harrisburg. Aufgrund der bis dahin vorliegenden Informationen stellte ich dabei fest, daß es sich meiner Ansicht nach um den schwerwiegendsten bisher aufgetretenen Unfall in einem Kernkraftwerk handelte. Im Anschluß daran wurden die unterschiedlichsten Systemeigenschaften sowie das unterschiedliche Sicherheitskonzept der in der Bundesrepublik Deutschland betriebenen Druckwasserreaktoren diskutiert, wobei auch auf die umfangreichere sicherheitstechnische Ausrüstung moderner Kernkraftwerke hingewiesen wurde.

Aufgrund dieses Sachverhalts sah ich keinen Anlaß, sofortige Maßnahmen für die in der Bundesrepublik Deutschland laufenden Kernkraftwerke zu empfehlen.

München PROF. DR. A. BIREHOFER Lehrstuhl für Reaktordynamik und Reaktorsicherheit der Technischen Universität

Primärkreislauf, Primärpumpen, Sicherheitshülle und auch die Notkühlsysteme blieben in Harrisburg trotz schwerwiegender Bedienungsfehler intakt, ja, es ist nicht einmal zu der immer noch möglichen Niederdruckflutung gekommen. Die Ihren Mitarbeitern »rätselhafte« Entstehung von Wasserstoff war in die Auslegungsrechnungen einbezogen und ist das Resultat einer chemischen Reaktion zwischen Zirkon und Wasserdampf.

Überraschend war jedoch die Lokalisation des Gemisches sowie die Intensität des Phänomens. Eine Explosion des Gemisches in der Sicherheitshülle hätte zweifellos schwerwiegende Folgen gehabt, die dafür notwendige Voraussetzung, nämlich eine (mittlere) Wasserstoffkonzentration von mindestens vier Prozent, bestand aber in keinem Augenblick.

Wieso also die »Beinahe-Katastrophe«, die »Millionen am Abgrund« sehen will? Ich kann in guter Kenntnis des Unfallablaufs begründet behaupten, daß zum heutigen Tage niemand über schlüssige Daten verfügt, die Ihre Interpretation berechtigen.

Selbst wenn Sie recht hätten, wäre der Harrisburg-Unfall aber eher ein Beweis dafür, daß auch unvertretbare Bedienungsfehler und schwerwiegende Pannen nichts an der »Gutmütigkeit« des Systems ändern können. Denn wenn, wie Sie forsch behaupten, die »Brennstäbe ... geschmolzen« sind, dann muß man ein Reaktorsicherheitssystem beglückwünschen, das diesen schwerwiegendsten aller Störfälle ohne Verletzte oder gar Tote zu meistern erlaubt.

Aber was immer die späteren Ermittlungen ergeben mögen: Sie haben hüben und drüben die objektive Beurteilung eines lehrreichen Vorfalls erschwert, der für die Sicherheit der Kernenergieanlagen einer kühlen Analyse bedarf,

Wahrscheinlich ist der solcherart von Ihnen angerichtete Schaden größer als der des Reaktorunfalls von Harrisburg selbst. Denn ob man will oder nicht, der SPIEGEL ist ein gewichtiger Meinungsbildner.

Paris

DR. DR. H. C. HEIMO HARDUNG V. HARDUNG

Vorstandsvorsitzer der GEGOS -- 3 H

Seit seinem mutigen Rücktritt als Projektleiter bei der »Nuclear Regulatory Commission« im Jahre 1976 war Robert Pollard bei seinen Vortragsreisen darum bemüht, über die wahrscheinlichen Ursachen und Folgen eines Reaktorunfalls zu unterrichten.

Nach einer längeren öffentlichen Diskussion am Moravian College in Bethlehem mit einem Sprecher der Firma Westinghouse gestand mir Pollard im vergangenen Oktober seine Enttäuschung darüber, den Gang der Dinge letzten Endes nicht beeinflussen zu können.

Dieser intelligente und sensible Mann hinterließ den Eindruck eines erbitterten, resignierenden und leidenden Wissenschaftlers, eines entmächtigten Meisters, dessen behende Zauberlehrlinge ihr Unwesen verrichten. Als Beispiel eines besonders gefährlichen Reaktors verwies Pollard auf »Three-Mile-Island«. Den meisten Zuhörern war dieses Kraftwerk ein böhmisches Dorf, obwohl nur rund 100 Kilometer von Bethlehem entfernt.

Sechs Monate später dachte man ernsthaft an Evakuierungen, nicht nur im Raum Middletown.

Bethlehem (USA) DR. HANS M. WUERTH

Moravian College

Die Feststellung, die Beinahe-Katastrophe in den USA sei »entgegen aller Wahrscheinlichkeit« eingetreten, ist falsch. Dieses Ereignis ist durchaus im Rahmen der berechneten Wahrscheinlichkeit eingetreten. Die versuchte Verdeutlichung »nur einmal in einer Million Jahren« ist irreführend. Richtig dagegen ist, daß auch bei einer noch so geringen Eintretenswahrscheinlichkeit eines GAU nur vorhergesagt werden kann, daß er eintreten kann, nur nicht, wann und wo. Oder ist ein Sechser im Lotto vielleicht ein Ereignis »entgegen aller Wahrscheinlichkeit«?

Augsburg ALOIS HERBEI MANFRED NEUN

Wiso-Fachbereich der Universität Augsburg

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