JAPAN Furchtbarer Stoß
Solange das Feindbild stimmte, war für Tokios Massenmedien die Welt noch in Ordnung.
Am Donnerstag vorvergangener Woche war der Frachter »Nissho Maru« im Chinesischen Meer gesunken -nach einer Unterwasserkollision mit »einem U-Boot unbekannter Nationalität«, wie ein Sprecher des japanischen Verteidigungsministeriums vermutete. Zwei japanische Seeleute ertranken.
Prompt klärten die Fernsehstationen des Landes ihre Zuschauer über die S.143 Herkunft des Störenfrieds auf: In immer neuen Graphiken wurden die Marschrouten sowjetischer U-Boote zwischen dem Fernoststützpunkt Wladiwostok und der Südsee dargestellt. Und tatsächlich führt nach den TV-Erkenntnissen die Hauptroute genau an der Stelle vorbei, an der die »Nissho Maru« versenkt wurde, nur 35 Kilometer vor der japanischen Insel Shimokoshiki. Die in Tokio so oft beschworene Bedrohung Japans durch die Sowjet-Union schien plötzlich sehr real.
Doch 36 Stunden später kam die offizielle Enttarnung des unterseeischen Geisterfahrers von unerwarteter Seite: Die amerikanische Marine erklärte, zur fraglichen Zeit in den angegebenen Gewässern sei das Atom-U-Boot »George Washington« mit einem Überwasserfahrzeug kollidiert. Das 8250 Tonnen große Polaris-Boot sei nur leicht am Turm beschädigt; wie schwer der zweite Havarist mitgenommen wurde, habe die Bootsbesatzung im dichten Nebel des Ostchinesischen Meeres nicht ausmachen können.
Die Erklärung jedoch verschleierte mehr, als sie aufdeckte. Denn weder wußten die Amerikaner eine Antwort auf die peinliche Frage, warum sie den Vorfall erst mit einer Verspätung von anderthalb Tagen der japanischen Regierung meldeten, noch wußten sie plausible Gründe anzugeben, warum das U-Boot den schiffbrüchigen Japanern nicht geholfen hatte.
Japans Außenminister Masayoshi Ito zitierte US-Botschafter Mike Mansfield zu sich und forderte eine rasche Aufklärung des Zwischenfalls. Brav übermittelte Mansfield vorab schon mal Präsident Reagans »tiefes Bedauern«, er selbst werde überdies für die bei dem Unglück umgekommenen japanischen Seeleute beten.
Und Ministerpräsident Zenko Suzuki bemühte sich, die Kollision herunterzuspielen. Er habe »Zuversicht in die Aufrichtigkeit der Amerikaner, keine dunklen Schatten auf die bilateralen Beziehungen zu werfen«.
Die Schatten freilich waren längst heraufgezogen. Denn die 13 Überlebenden der »Nissho Maru« berichteten Seltsames über das Verhalten der Amerikaner. So hatte der Rudergast Tsukasa Takeshima unmittelbar nach dem »furchtbaren Stoß des Zusammenpralls« von der Brücke aus ein schwarzes U-Boot beim Auftauchen beobachtet, keine 500 Meter achtern des 2350 Tonnen großen Frachters.
Laut Takeshima war die See ruhig, es regnete nicht mehr, und die Sicht war auf »zwei bis drei Meilen klar«.
Doch weder das U-Boot noch ein über der Unglücksstelle kreisendes Flugzeug der U. S. Navy kümmerte sich um die in die Rettungsboote gegangenen Männer. Noch Stunden später wollen die Schiffbrüchigen ein U-Boot-Sehrohr in der Nähe gesichtet haben. »Kapitän und Erster Offizier« -- beide vermißt -- »hätten bei rascher Hilfe wohl gerettet werden können«, erklärten die Seeleute.
Nach 18 Stunden erst wurden die Treibenden aufgefischt -- von zwei japanischen Zerstörern, die »zufällig vorbeigekommen« waren, wie Tokios Verteidigungsministerium meldete.
Japanische Militärexperten halten diese Erklärung allerdings für »zu gut, um wahr zu sein«. Wahrscheinlicher sei, daß japanische Flottenverbände mit amerikanischen Atom-U-Booten Manöver abgehalten hätten -- peinlich für die Regierung in Tokio, die seit Jahren behauptet, in japanischen Gewässern operierten keine atomgetriebenen Einheiten der USA und US-Kernwaffen würden nicht in Japans Nähe gebracht.
Die »George Washington« aber ist mit 16 Atomraketen des Typs »Polaris« ausgerüstet.
Eine »unangenehme, unglaubliche Sache« entdeckte denn auch der konservative Parlamentarier Shintaro Ishihara in der »Fahrerflucht« ("Mainichi Shimbun") des US-Boots. Und der japanischen Marine unterstellte der Abgeordnete unwidersprochen, sie habe schon früh über den Vorfall Bescheid gewußt, ohne eine Rettungsaktion zu starten. Die Wahrung militärischer Geheimnisse ist für Ishihara der Grund für die widersprüchlichen Kollisions-Erklärungen.
Da die Japaner Hiroshima noch nicht vergessen haben, empörten sie sich über die nun erwiesene Tatsache, daß die See um Japan zu einem »Meer nuklearer Kräfte« geworden ist, wie die Zeitung »Tokyo Shimbun« schrieb.
Experten in Tokio schätzen die Stärke der amerikanischen U-Boot-Flotte in Japan nahen Pazifikgewässern auf 46 Einheiten, die der Sowjets auf rund 130 -- die Hälfte davon Atomboote.
Aber als nach dem Untergang der »Nissho Maru« ein sozialistischer Abgeordneter im Parlament forderte, »den grundsätzlichen Verzicht auf Kernwaffen auf Japans gesamte 200-Meilen-Zone« anzuwenden, sträubte sich die Regierung.
So etwas sei, erklärte Außenminister Ito, eine »unzulässige Einmischung in die Aktivitäten anderer Länder«.