Fuß in der Tür - DER SPIEGEL
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FLUGSICHERUNG Fuß in der Tür

Mit einem neuen Anlauf will Bonn den langjährigen Hickhack um die Luftkontrolle der Militärfliegerei beenden - wieder vergebens.
• aus DER SPIEGEL 8/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Amerikanische Luftwaffenstellen wollten den Deutschen eins aufbürden. Die Bundeswehr, eröffneten sie dem Partner letzten Dezember, möge aus Kostengründen einen Teil der bis dahin von der Air Force unterhaltenen Flugsicherung übernehmen.

Doch statt angesichts bevorstehender Zusatzbelastungen zu maulen, zeigten sich, wie die Amerikaner hinterher überrascht notierten, die deutschen Waffenbrüder »diesem Antrag gegenüber sehr empfänglich«.

Den Verband Deutscher Flugleiter hingegen konnte die Taktik der Deutschen nicht überraschen. Für den Lotsenverband (VDF) ist dergleichen nur »symptomatisch für die eigentlichen Absichten der Bundeswehr« -- nämlich bei immer mehr Bereichen der Flugsicherung »einen Fuß in die Tür« zu bekommen.

Der Lotsenkummer kommt nicht von ungefähr. Seit 1973 der Bummelstreik der deutschen Flugsicherungsbeamten für Monate den Flugverkehr lähmte, strebt das Verteidigungsministerium nach mehr Einfluß auf die Flugsicherung, »auf allen Ebenen« und aus verschiedenen Gründen.

Das Militär bangt um die stete Verteidigungsbereitschaft. Mit streikwilligen Zivilisten an den Schaltstellen, versprach sich jüngst ein Bundeswehrsprecher, wäre vielleicht »ein Übergang vom Frieden zum Spannungsfall gar nicht mehr möglich«.

Doch auch um Verkehrssicherheit geht es: Wegen zeitweise zunehmender Beteiligung von Militärflugzeugen an Beinahezusammenstößen wurde seit Mitte der siebziger Jahre mehr Integration der Bundeswehr in die allgemeine Flugsicherung gefordert.

In der Lenkung der jährlich vier Millionen Flugbewegungen über der Bundesrepublik teilen sich zwei Flugsicherungssysteme -- das Amt für Flugsicherung der Bundeswehr sowie die dem Verkehrsministerium zugeordnete Bundesanstalt für Flugsicherung.

Freiwillig mochte keines der Ämter Zuständigkeiten opfern, und auch auf Personalebene setzte es Animositäten; Integrationswünsche der Zivilen werden bei Bundeswehrkollegen als Machthunger ausgelegt. Ein Zuständiger in Uniform: »Die haben ein Integrationsverständnis, wie es der Katze vorschwebt, wenn sie die Maus frißt.«

Zivile Flugleiter frotzelten gegen Bundeswehruniformierte, mit denen sie verschiedenenorts den Arbeitsplatz zu teilen haben ("Trachtengruppe"). Kampflustig sperren sich die Lotsen gegen »Militarisierung« ihres Arbeitsbereichs. Das Gezerre auf allen Ebenen ging so lange, bis das Kanzleramt ("Der Kanzler hat es satt") eine Integration per Bundesgesetz bestellte.

Ein Gesetzentwurf liegt mittlerweile vor, der noch in diesem Jahr für Sicherheit und Betriebsfrieden sorgen soll. An Stelle der zwei Kontrollapparate setzt Bonn eine gemeinsame Bundesbehörde, das »Bundesamt für Flugsicherung«. Unter einem zivilen Präsidenten -- Vizepräsident: ein Soldat -soll es auch für die Steuerung großer S.62 Teile des Militärverkehrs zuständig sein. Soldaten werden in die Kontrollzentralen einziehen, in die Personalräte und in die Behördenspitze.

Doch ob das Gesetz sein Ziel erreicht, ist fraglich. Die Lotsen kritisieren schon jetzt; und das wichtigste Sicherheitsproblem, das unkoordinierte Dazwischenfliegen von Düsenjägern ("Luftverteidigungsflüge"), wird auch vom neuen Gesetz nicht gelöst.

Von den rund 600 000 jährlichen Militärflügen über dem Bundesgebiet, Hubschrauberverkehr nicht gerechnet, ist knapp ein Drittel »unkontrolliert« -- unter Führung militärischer Leitstellen, doch außer Kontrolle der Flugsicherung.

Zwar: Über die Hälfte der Unkontrollierten sind Jets, die im Tiefflug fern vom zivilen Linienverkehr operieren. Doch was bleibt, erwies sich in der Vergangenheit als gefährlich genug: Rotten auf dem Weg in Übungsräume, Alarmstart-Training, halsbrecherische Stippvisiten von Nato-Verbänden im deutschen Luftraum; fremde Flieger simulierten Abfangübungen gegen Airliner, gefährliche Begegnungen zwischen Passagierjets und Jägern häuften sich.

Mittlerweile sank zwar die Zahl dieser »Near-Misses« auf 50 im letzten Jahr. Doch Kollisionsgefahr durch die Irrläufer bleibt programmiert. Denn »der eigentliche politische Wunsch, das militärische Luftverteidigungsystem enger an die Flugsicherung heranzuführen«, klagt der Lotsenverband, sei »im Gesetz völlig außer acht« geblieben.

An praktischen Regelungen schreibt das neue Gesetz ohnedies nur fest, was schon ist. Die künftig einem Amt anvertraute Überwachung aller kontrollierbaren Flüge funktioniert seit Jahren, durch Zusammenarbeit der beiden Flugsicherungssysteme; und die künftige Amtsfunktion »Unterstützung der Planung und Durchführung unkontrollierter Flüge« (Gesetzentwurf) nimmt längst der »Informationslotse« wahr: Im Radarstand der Luftwaffe hilft ein Verbindungsmann der zivilen Flugsicherung den Soldaten beim Interpretieren der allgemeinen Fluglage. Über Draht steht der Abgesandte mit den Kontrollzentren der Bundesanstalt in Kontakt. Selbst das Radarbild der Zivillotsen kann im Leitbunker empfangen werden -- bis Ende 1982 in allen Luftverteidigungsstellen.

Weitere Einblicke in die Luftverteidigung erlauben die Militärs allerdings nicht. Unter Hinweis auf Nato-Verpflichtungen, Kampfauftrag und alliierte Vorbehaltsrechte wurden hier bislang den Flugsicherern noch alle Kompetenzwünsche versagt. VDF-Sprecher Hans Stang zürnt dem Gesetzgeber: »Es ist, als wenn man die ganze Zeit gesagt hat, man braucht ein Zimmermädchen, und am Ende kriegt man ein Mädchenzimmer.«

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