UNTERNEHMER Fußnote als Feigenblatt
Der Mann hatte alles, was man für eine erfolgreiche Polit-Karriere brauchte: Zeitungen, Verlage und viele Millionen Dollar. Das war 1905, und der Mediengigant William Randolph Hearst schickte sich gerade an, Bürgermeister von New York zu werden. Er scheiterte kläglich.
Als den Medienmanager Michael Bloomberg in diesem Sommer das gleiche Amt lockte, war ihm deshalb der Spott sicher. Er würde wie Hearst als »törichter alter Mann« enden, hämte das US-Magazin »New Yorker« noch Anfang November. Doch Bloomberg gewann die Wahl.
Die Überraschung war derart groß, dass Presse, Politikern und auch den Mitarbeitern von Bloombergs Medienimperium nun erst nach der Wahl auffällt, wie dubios ein milliardenschwerer Medienmacher werden kann, wenn er gleichzeitig Amerikas Finanzzentrum als Bürgermeister regiert.
»Wenn die Presse ein wenig genauer hingeschaut hätte, wäre Bloomberg nie Bürgermeister geworden«, glaubt John Fund, einer der Leitartikler des »Wall Street Journal«. Vor allem die eher den Demokraten zugeneigten Medien reiben sich nun verwundert die Augen: Wie konnte uns das nur passieren? Angriffsflächen hatte der Kandidat doch genug geboten.
Nicht nur, dass Bloomberg gleich in drei Fällen mit Vorwürfen sexueller Belästigung konfrontiert worden war. In der Zeit vor dem 11. September hätten allein die Spekulationen darüber ausgereicht, um den Milliardär chancenlos zu machen. Vor allem aber ist Bloomberg weiterhin Chef eines Medienkonzerns mit jährlich 2,5 Milliarden Dollar Umsatz, der mehr als 350 Zeitungen mit Finanznachrichten beliefert.
»Es ist alles sehr seltsam für uns - unser Chef ist der Bürgermeister«, sagt Matt Winkler, Chefredakteur von »Bloomberg News«. Das habe auch zu »Irritationen« in der Redaktion geführt. Während des Wahlkampfes hatte sie auf eine eigene Berichterstattung über ihren Chef weitgehend verzichtet. Doch sei es unvermeidbar, so Winkler, nun über Finanzthemen zu berichten, bei denen auch der Bürgermeister von New York als Akteur auftreten wird.
Für die »bislang ansprechendste Option« hält Winkler einen unabhängigen Ombudsmann, der bei der künftigen Berichterstattung über Fairness und Ausgewogenheit wachen soll. Eine Entscheidung sei jedoch noch nicht gefallen, so Winkler. Die Journalisten behelfen sich bislang mit einer Fußnote als Feigenblatt: »Michael Bloomberg ist auch Chef dieses Unternehmens.«
Vor allem taucht nun überraschend spät die Frage auf, ob die Ämterdopplung sich nicht auch in Bloombergs politischem Handeln niederschlagen könnte. Da ist zum Beispiel die Investmentbank Merrill Lynch, die einerseits 20 Prozent an Bloombergs Imperium hält, gleichzeitig aber auch einer der größten Geldbeschaffer der Stadt ist. Merrill Lynch verdient Millionen mit der Ausgabe von Anleihen für New York.
Aber auch fast alle großen Banken und Finanzdienstleister sind Kunden bei Bloomberg. Anders als sein Vorgänger ist der Medienmanager König in jener Region, in der sein Amtsvorgänger Rudolph Giuliani nie richtig zu Hause war: bei den Brokern und Financiers der Wall Street.
Genau diese Zielgruppe muss Bloomberg bearbeiten, will er eine seiner zentralen Aufgaben lösen: den Wirtschaftsstandort New York retten und die Banken und Händler von der Abwanderung abhalten.
Und dabei geht es stets um Geld, viel Geld. Denn Steuererleichterungen sind ein beliebtes Mittel der Politik, um Firmen zum Erhalt von Arbeitsplätzen oder zum Bau neuer Firmenhauptquartiere zu bewegen. Merrill Lynch etwa wurden 1997 angeblich für die Garantie von 9000 Jobs 28 Millionen Dollar erlassen. Und für den Bürgermeister stehen jetzt Verhandlungen mit Unternehmen an, die auch zu seinen Kunden zählen.
Den Posten als Aufsichtsratschef seiner Firma hat Bloomberg aufgegeben. Doch den Vorstandsvorsitz behält er - genau wie seinen 72-prozentigen Unternehmensanteil.
Inzwischen wird der Fall Bloomberg vom städtischen Ausschuss für Interessenkonflikte geprüft. Im Extremfall könnte das Gremium ihn zum Verkauf seines Imperiums zwingen, zumindest aber seine Handlungsfreiheit einschränken. Derlei würde den New Yorkern kaum gefallen: Gerade wegen seines Rufs als knallharter Geschäftsmann wurde Bloomberg gewählt. THOMAS SCHULZ