Galaxie der Qualität - DER SPIEGEL
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SPANIEN Galaxie der Qualität

Benidorm gilt als effizienteste Maschine des Massentourismus. Der Hochhaus-Moloch ist schwer im Trend - und dabei sogar umweltfreundlich.
• aus DER SPIEGEL 20/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn es Nacht wird an der spanischen Mittelmeerküste, bleibt ein zwölf Kilometer langer Streifen taghell. Darüber schwebt wie eine rosa Wolke der Widerschein von Abermillionen Lichtern aus Hochhäusern, Straßenschluchten, Disco-Gärten und von Restaurant-Terrassen. Gerade so, als läge Hongkong an der Costa Blanca: In Benidorm geht nie die Sonne unter.

Bis Anfang der fünfziger Jahre schmiegte sich das Fischerstädtchen an eine Felsenklippe, gruppierten sich kleine Häuser um die weiße Kirche mit der leuchtend dunkelblauen Keramikkuppel. Die 2700 Einwohner fuhren zur See oder bestellten ihre Felder.

Heute sind in Benidorm 62 000 Bürger gemeldet, und auf 3788 Hektar Stadtgebiet existieren 135 Hotels, Apartmenttürme und Campingplätze mit einer Kapazität von über 60 000 Gästebetten. An manchem August-Tag vergnügen sich 400 000 Touristen an den beiden nach Süden gerichteten Sandstränden, in Cafés und beim Shopping. Der Moloch verbuchte im vergangenen Jahr fast 10,2 Millionen Übernachtungen.

»Wir haben genau die Stadt, die wir wollten«, sagt stolz Bürgermeister Vicente Pérez Devesa, 58, der noch im alten Dorfkern residiert. »Wir möchten der breiten Masse gefallen.«

Das gelingt vor allem deshalb, weil Pedro Zaragoza, ein Vorgänger Devesas, schon 1956 einen Bebauungsplan durchsetzte, der die geordnete Expansion in die Höhe erlaubte und in seinen Grundzügen bis heute gilt. Inzwischen hat sich Benidorm zum europäischen Modell für intensive Gästewirtschaft entwickelt.

Zaragoza, jetzt 81, hatte verstanden, dass sein armes Dorf zum Erholungsparadies werden könnte. Eine sichelförmige Bergkette schirmt es ab, so dass selbst im Winter die Tagestemperatur kaum unter 19 Grad sinkt. Der umtriebige Bürgermeister fuhr auf dem Motorrad bis Madrid und beschwatzte den erzkatholischen Diktator Francisco Franco, an Benidorms Stränden Bikinis zu dulden.

Heute sind die Quartiere sogar im schlechtesten Monat Dezember zu drei Vierteln belegt. An einem kühlen Vormittag im Mai ziehen rothaarige Briten im Trainingsanzug, die gebräunte Brust mit Goldketten behängt, durch die Souvenirläden. Korpulente Muttis in Shorts lassen sich die Sahnetorte schmecken. Und im Unterschied etwa zu Teneriffa ist Benidorm keineswegs von Rentnern übervölkert. Es liegt im Trend, gerade auch bei jugendlichen Disco-Freaks. Schon haben die heißesten Londoner Nightclubs nicht nur auf Ibiza Dependancen, sondern auch in Benidorm. Im Sommer lassen sie Stars der Techno- und der HipHop-Szene einfliegen.

Noch sind 40 Prozent der Urlauber Spanier und 36 Prozent Briten. Aber auch immer mehr junge Deutsche wollen sehen, wo sich ihre Tante Anni schon in den sechziger Jahren vergnügte. Altbacken oder gar scheddrig wirken die Hotels aus jener Gründerzeit nicht, denn sie wurden rundum renoviert. Benidorm ist wieder chic.

Am Freitag wird das Gran Hotel Bali am Poniente-Strand eingeweiht. Der ursprüngliche Bau wurde völlig neu gestaltet; daneben haben die Besitzer einen spektakulären Turm aus grauem Beton und Rauchglas hochziehen lassen: 52 Stockwerke, 185 Meter, 776 Zimmer, das höchste Hotel Europas. Von der Seite sieht es aus wie der Stiefel eines Riesen, von vorn wie eine Pyramide.

Die an Manhattan erinnernde Wolkenkratzer-Silhouette Benidorms und das gepflegte Ambiente gefallen gerade Kleinstädtern. Geschwader von Müllmännern säubern den Sand zwischen den adretten blauweißen Liegen und Schirmen von Hand. 250 Dorfpolizisten in kurzen Ho-sen geben Fremden ein Gefühl der Sicherheit.

»Wir leben von der Mittelklasse«, sagt Pérez Devesa, und er möchte das Publikum nicht austauschen, höchstens »verbessern«. Sein Ziel: eine »Galaxie der Qualität«. Seine Zielgruppe: all jene Europäer, die sich den Traum von der weißen Villa in einer entlegenen Bucht nicht leisten können und stattdessen im Hochhaus-Dschungel von Benidorm und an vollen Stränden kontrollierbare Erlebnisse suchen.

Das Konzept geht auf. Die Gemeinde empfing im vergangenen Jahr elf Prozent aller Touristen Spaniens und kassierte 3,6 Milliarden Euro, ein Zehntel der im Land erzielten Tourismuseinnahmen. Dabei ist der Moloch umweltfreundlich. Nur 140 Liter Wasser verbraucht ein Gast pro Tag (in Orten mit Chalet-Bebauung sind es 600 Liter). 97 Prozent davon werden als Brauchwasser wieder verwendet. Die schmalen Hochhäuser müssen mindestens sieben Meter Abstand voneinander haben. So kommen Licht und Luft in alle Zimmer, was Strom spart.

Benidorm sei »die effizienteste Maschine des Massentourismus in Spanien«, befindet das renommierte Rotterdamer Architektenbüro MVRDV. Für den Soziologen José Miguel Iribas ist die Stadt ein Markenprodukt wie Coca-Cola: »industriell hergestellt und mit einem ausgeglichenen Preis-Leistungs-Verhältnis«.

Die Marke Benidorm biete seit 30 Jahren genau das, was die Massen suchen: »ein ständiges Bacchanal von Alkohol, Tanz und flüchtigem Sex«. HELENE ZUBER

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