Geburt eines Mediums
SPIEGEL: Mr. Grove, selbst Microsoft-Chef Bill Gates hat die explosionsartige Entwicklung des Internet nicht kommen sehen. Wurden auch Sie überrascht?
Grove: Ja, sehr. Und ich staune noch immer. Jeden Tag entdecke ich neue Dinge auf dem Internet.
SPIEGEL: Wie kann es sein, daß der Chef eines Technologieunternehmens wie Intel auf diese Entwicklung nicht vorbereitet war?
Grove: Das Internet ist ja keine technologische Neuigkeit. Es existiert schon lange. Neu sind die Ausbreitung und das enorme Interesse von Unternehmen wie privaten Nutzern an diesem Netz. Wir erleben gerade die Geburt eines neuen Mediums. Das ist das Überraschende. Das Internet ist ein soziologisches Phänomen, kein technologisches.
SPIEGEL: Ist Intel auf das Internet-Zeitalter vorbereitet?
Grove: Natürlich. Wir verstehen eine Menge davon. Wir müssen aber besser werden, wenn es darum geht, die vielen Internet-Teilnehmer zu finden, die bisher gar nicht unsere Kunden waren.
SPIEGEL: Intel steht für die Mikroprozessoren, die den Kern der PC bilden. Experten sagen, diese Technologie habe im Internet keine Zukunft mehr. Steven Jobs, einer der Urväter des Personalcomputers, behauptet sogar, diese Technologie sei tot.
Grove: Steven Jobs hatte einen schlechten Tag, als er das sagte. Diese Vorhersage wird sich als falsch erweisen, und wir werden alle darum konkurrieren, den Desktop-Computer weiterzuentwickeln, um ihn für die Nutzer interessant zu machen und um eine Bildqualität zu erzeugen, die besser ist als beim Fernsehen.
SPIEGEL: Aber heute machen Firmen Furore, die speziell Hardware oder Software für das Internet entwickeln, wie Netscape oder Sun Microsystems. Firmen wie IBM, Intel oder Compaq finden weit weniger Interesse.
Grove: Die erste Gruppe von Internet-Server-Computern kam weitgehend von Sun. In einem Jahr, da bin ich sicher, wird die überwältigende Mehrheit dieser Server auf der Intel- und Windows-Architektur beruhen.
SPIEGEL: Fachleute glauben, das Internet werde die Intelligenz vom Tischcomputer weg und ins Netz verlagern, so daß für den Nutzer einfache, billige Terminals völlig ausreichend seien. Wenn das so kommt, ist der Kern des bisherigen Intel-Geschäfts betroffen.
Grove: Wir werden in der Zukunft keinen dümmeren Computer brauchen, wir benötigen vielmehr ein intelligenteres Telefon, das die Datenkommunikation übernimmt.
SPIEGEL: Wie werden Sie auf die Herausforderung reagieren?
Grove: Wir machen weiter Mikroprozessoren. Punkt.
SPIEGEL: Bisher haben Intel und Microsoft in der Computerindustrie den Standard besetzt. Wird das in der Zukunft noch möglich sein?
Grove: Wir werden sehr hart arbeiten, um das zu schaffen. Unsere Chancen sind ausgezeichnet.
SPIEGEL: Sun-Chef Scott McNealy sagt, was Intel und Microsoft lieferten, sei die Technologie der achtziger Jahre.
Grove: Scotts Fähigkeit, zwischen Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden, ist nicht so gut, wie sie sein sollte.
SPIEGEL: Es gibt dicke Studien, die der Personalcomputerindustrie schrumpfende Wachstumsraten vorhersagen.
Grove: Ich glaube das nicht. Ohne die Vernetzung hätte die Branche wahrscheinlich ihren Wachstumsschwung verloren. Das Internet wird die gesamte Computerindustrie stimulieren.
SPIEGEL: Über das Internet wird viel geredet und geschrieben. Was davon ist realistisch, und was ist pure Phantasie?
Grove: Mit dem Internet ist das so wie mit den Karl-May-Romanen, die ich in meiner Jugend gelesen habe. Karl Mays Nachfolger schreiben heute über das Internet. Ich ignoriere die atemlose Berichterstattung darüber, wie das Internet unsere Welt verändern wird. Dieses Gerede wird verschwinden. Das wird langweilig.
SPIEGEL: Wird das Internet die Welt denn nicht verändern?
Grove: Natürlich. E-Mail hat die modernen amerikanischen Firmen schon verändert. Das kann man gar nicht übertreiben. Diese Entwicklung hat sich in den vergangenen fünf bis zehn Jahren abgespielt. Ich könnte diese Firma notfalls ohne Licht, Klimaanlage oder Heizung führen, aber nicht ohne E-Mail. Das kam einfach so, ganz ohne aufgeblasene Ankündigung.
SPIEGEL: Die europäische Wirtschaft funktioniert weitgehend ohne E-Mail.
Grove: Bei der Nutzung der elektronischen Post hinkt Deutschland Amerika um fünf bis zehn Jahre hinterher. Das ist sehr gefährlich. Selbst die konservativen japanischen Manager nutzen E-Mail.
SPIEGEL: Sie stammen aus Europa. Warum, glauben Sie, sind die Europäer so zurückhaltend?
Grove: Das ist mir ein Rätsel. Es liegt nicht an den Menschen, es liegt an den Firmen. Unsere Mitarbeiter in Europa nutzen E-Mail extrem stark. Die schlagen sich ständig damit herum, daß sie unterwegs in Hotels ihre Computer nicht anschließen können. Die europäischen Firmen haben sich noch nicht angepaßt. Möglicherweise muß die jetzige Generation von Managern abtreten und jüngeren Platz machen, die mit dem Computer mehr vertraut sind.
SPIEGEL: Warum ist diese Zurückhaltung für die Europäer gefährlich?
Grove: Sie verlieren den Kontakt zum Rhythmus des globalen Marktes und können aus dem Tritt geraten. Meine Papierpost ist praktisch Null, es gibt Tage, an denen ich keinen einzigen internen Anruf bekomme.
SPIEGEL: Wie wird das Internet die Wirtschaft verändern?
Grove: Das Internet wird sich vorwiegend in der Telekommunikations-, der Computer- und der Softwareindustrie auswirken. Vor allem aber wird es die Werbebranche verändern.
SPIEGEL: Warum?
Grove: Firmen wie Coca-Cola können ins Internet statt wie bisher ins Fernsehen gehen. Die Werbeetats der Markenartikel-Hersteller halten Fernsehanstalten, Magazine oder Werbeagenturen am Laufen. Das Internet eröffnet neue Wege. Die Firmen können ihre Anzeigen auf die am meisten genutzten Internet-Seiten geben. Der Computer kann sogar exakt zurückmelden, wie viele Leute eine bestimmte Werbung sahen. Das Internet wäre ein viel verläßlicheres Werbemedium als das Fernsehen oder Zeitschriften.
SPIEGEL: Wird es groß genug sein?
Grove: Die weltweite Werbeindustrie umfaßt heute 350 Milliarden Dollar. Wenn wir zehn Prozent dieser Summe in das Internet bekommen, wäre das schon mehr als der Umsatz von Intel und Compaq zusammen. Um dieses Geld wird es einen bisher nicht gekannten Wettbewerb geben.
SPIEGEL: Bisher fehlt es aber noch weitgehend an überzeugenden Inhalten.
Grove: Der Medieninhalt für das Internet wird rasend schnell entwickelt werden, weil das Geld dorthinstrebt. Dieses neue Medium wird in der alten Medienindustrie zu verheerenden Auswirkungen führen.