GEDUTSCHT
(Nr. 29/1967, SPIEGEL-Gespräch)
Fünf Seiten widmen Sie im jüngsten Heft einem Gespräch mit Rudi Dutschke. Eine hätte gereicht, um sowohl Dutschkes Programm als auch die Kritik des Interviewers zu bringen. Es ist bedauerlich, daß der SPIEGEL sich zur Plattform von Platitüden machen läßt. Die Thesen des Mini-Messias Dutschke können doch nur wirken bei Studenten, die Vater und Mutter erschlagen wollen, beziehungsweise es geistig schon getan haben. Wann drucken Sie das nächste Gespräch mit einem Neurotiker?
Wattenscheid GERT HULLEN
Herr Dutschke sollte sich nicht außerhalb dieser Gesellschaftsordnung stellen und in Fehleinschätzung der menschlichen Beeinflußbarkeit marxistischer Ideologie den eigenen Wunschvorstellungen abändernd angleichen. Sondern er sollte möglichst bald einen mit Verantwortung beladenen Posten im Staate übernehmen, um weniger verantwortungslos mit der Verantwortung spielen zu können.
Hamburg ELMAR RUHLIcH
Ist der Name Rudi Dutschke ein Pseudonym (nach ostzonaler Mundart dutschen gleich demütigen)? Gedutschte mögen zurückgeben, was sie erhielten: rücksichtslose Auflehnung gegen ethische Werte. Die Studenten aber, denen die ältere Generation mit Würde, Vertrauen und Einsatzbereitschaft begegnete, sollten uns ebenso gegenüberstehen und nicht würdelos werden, selbst wenn sie Änderungen bestehender Verhältnisse energisch durchsetzen. Die Gedutschten aber, die dabei sind, den eigenen Ast anzusägen, auf dem sie als Akademiker selbst einmal sitzen müssen, sollen sich nicht wundern, wenn sie auf die »Beppe« fallen.
Brühl (Nordrh.-Westf.) RUTH GRUBER
Man sollte die Donquichotterien solch spätmarxistischer Revoluzzer wie Dutschke überhaupt nicht ernst nehmen. Doch leider provozieren sie bei manchen Leuten den inneren SA-Mann. Der ist das Problem, nicht diese pittoresken Sektenprediger.
Stuttgart OTTO-WILHELM JAKOBS
Von einem Ochsen kann man im Höchstfall ein gutes Stück Rindfleisch erwarten, das wäre aber auch alles. Wieviel Ehre und publizierten Ruhm tun Sie jedoch diesem heiligen Einfaltspinsel an. Die Folge ist doch eine Steigerung der Tomatenschlachten, der Belästigungen des Publikums, der Obszönitäten und anderes.
Hannover RUDOLF PIOCH
Studiker Dutschke, vor der Verwirklichung seiner marxistischen Thesen aus Mitteldeutschland entlaufen, macht beim SPIEGEL Furore, indem er die Enteignung »Springers«, des lästigen Konkurrenten im Annoncen-Geschäft, empfiehlt.
Porz-Wahn (Nordrh.-Westf.) JOSEF HAHN
Phantasten, Anarchisten, Neurotiker, Renommierer und Spinner hat es zu allen Zeiten gegeben. Die Dutschkisten sind also so gesehen das Normalste auf der Welt und gehören zur Gesellschaft wie die Made zum Käse. Neu allerdings ist in unserer Zeit, daß ein Teil der Presse diese Dutschkisten als unüberbietbaren Aufmacher entdeckt haben, als Dernier cri der Journaille: Was dem einen sein Pin-up-girl, ist dem anderen sein Dutschke.
Hamburg CHRISTOPH FECHLER
Da gehen wir aber herrlichen Zeiten entgegen! Zu den Obszönen, Absurden und anderen Käuzen stoßen nun die Neurotiker. Sie alle wollen eines Tages die Macht ergreifen. Nun gehöre ich zu der Generation, die an einem kranken Führer und Verführer für immer genug hat! Leider hat uns vor 1933, als man noch alles schreiben und sagen durfte, niemand darüber aufgeklärt, daß Hitler an Paralyse litt. Heute wissen wir nun, wie die neuen Machtergreifer beschaffen sind. Ich werde mir den SPIEGEL zur Aufklärung aufheben.
Essen MARTA DUCHSTEIN
Ihr geschäftsführender Redakteur Manfred W. Hentschel hat den Studentenführer Rudi Dutschke aus Berlin befragt. Warum aber hat Herr Hentschel Herrn Dutschke nicht gefragt, weshalb er seine Heilslehre einschließlich der Eier- und Tomatenwürfe nicht in seiner Heimat Luckenwalde und größerer Umgebung verbreitet hat? Oder sind Frager und Befragter der Ansicht, daß drüben das Ideal von Rudi Dutschke schon erreicht ist?
Berlin MAX PIETACK
Bewunderung für die Geduld des Herrn Dutschke, für das ausgesprochen vegetarische SPIEGEL-Interesse an Tomaten. Wäre nicht aufgrund qualifizierter Fragen ein schärferes Bild über Möglichkeiten zur Opposition erzielbar gewesen?
Berlin CLAUS-W. KORTH
Nachdem ich die »Ausfragerei« des Herrn Hentschel zu Ende gelesen habe, kann ich nur ausrufen: Dutschke soll leben! und mit ihm alle progressiven Studenten.
Stuttgart LUTZ SCHENK
Mit großem Interesse habe ich, gerade von einer einjährigen Gastprofessur an der University of California in Berkeley zurückgekehrt, Ihre Artikel gelesen. Was Dutschke vertritt, ist eine fast wörtliche Kopie der »New Left« in Berkeley, deren ehemaliger Anführer in der »Free Speech Movement«, Mario Savio, freilich aus formellen Gründen nicht wieder immatrikuliert wurde und mittlerweile resigniert Berkeley verlassen hat, was Dutschke noch nicht zu wissen scheint. Die Situation in Berkeley und in den USA ganz allgemein unterscheidet sich in einem wichtigen Punkt von der in Deutschland: Dort ist die Professorenschaft in der überwiegenden Mehrheit in eine ernsthafte Diskussion mit den Studenten eingetreten, die in der demokratischen Verfassung amerikanischer Universitäten ohnehin viel größeren Einfluß haben zum Nutzen der Universität.
München DR. PETER HERDE*
Es ist zu hoffen, daß unsere Herrschaft den SDS nicht in die Illegalität treibt. Leider wird die Entwicklung unseres liberalen Kapitalismus zum Faschismus durch Notstandsgesetze beschleunigt.
Bremen HORST GRIESE
Ich höre aus den Gräbern von Mirabeau, Robespierre, Danton, Marat, Heine und Genossen ein vernehmbares Aufseufzen der Erleichterung: Endlich mehren sich jenseits des
* Privatdozent für historische Hilfswissenschaften und mittelalterliche Geschichte an der Universität München.
Rheines Anzeichen, die darauf hinweisen, daß unser Kampf gegen Restauration, tödliche Erstarrung und Philisterei möglicherweise nicht ganz vergebens gewesen ist.
Berlin KLAUS-YORK BöTZOW
Es war eine Freude und ein Genuß, das SPIEGEL-Gespräch mit Rudi Dutschke zu lesen. Bei der jetzigen Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik ist aber zu befürchten, daß bald »geeignete Schritte« gegen den SDS unternommen werden.
Siek (Nieders.) GÜNTER BRAKHOFF
Der SPIEGEL hat nach langer Zeit wieder ein politisches Gespräch geführt. Rudi Dutschke sagte dabei wohl das Beste, was nach Marx im Angesicht von Springer und Bonn gesagt werden kann. Hoffentlich sehen die Öffentlichkeit und deren »Vertreter« beizeiten ein, wie lächerlich sie schon geworden sind. Die linken Studenten von Berlin und anderswo haben sich die elementarste und vitalste Strömung unserer Zeit zu eigen gemacht. Sie leisten hier eine harte und konsequente Arbeit, deren Früchte wir in klaren politischen Aussagen finden.
Berlin ROLAND RUDOLF KRAUS
Auch mit 48 Jahren kann man sich fast gänzlich mit Herrn Dutschkes Ansichten einverstanden erklären.
Hannover O. PUHL
Vielen Dank. Es ehrt Sie und Rudi Dutschke, daß Sie dieses Gespräch geführt haben.
Lörrach (Baden-Württ.) PETER JENSCH
Wenn nach diesem Interview nicht die morschen Knochen der SPD-Rauschebärte und die Wände ihrer »Baracke« zittern, will ich Meier heißen. Mein Kompliment indes für Rudi Dutschke.
Das war gekonnt und durchdacht. Vor allem die zeitgemäße Modifikation und Interpretation des von Trotzki geprägten Begriffs der »Permanenten Revolution« finde ich großartig. »Ununterbrochene Fortführung der Revolution in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens«, das, scheint mir, sollte die unüberhörbare Forderung unserer Tage sein. In Deutschland allerdings ist es damit schon so eine Sache.
Hückeswagen (Nordrh.-Westf.) ERNST DITTRICH