LEBENSMITTEL Gefährliche Mast
Beim Abschied füllten sich die Augen der Ministerin mit Tränen. Barbara Stamm, bis Dienstag vergangener Woche zuständig für Gesundheit und Soziales im Kabinett von Bayerns Regierungschef Edmund Stoiber, fühlte sich zu Unrecht aus dem Amt gedrängt. Sie sei schuldlos an dem neuesten Tiermastskandal in Deutschland, klagte sie, »schwarze Schafe unter den Tierärzten« hätten das Unheil über Bayern gebracht.
Angeblich einziger Fehler ihres Ministeriums: Schon vor zwei Jahren hatte der Präsident der Landestierärztekammer konkret vor den kriminellen Machenschaften im niederbayerischen Schweinedorado gewarnt. Eine Arbeitsgruppe kümmerte sich zwar irgendwie um die Beschwerde, doch es passierte nichts.
Die Zeiten haben sich geändert. Nach dem jüngsten Schweinemast-Eklat musste Edmund Stoiber seine Lieblingsministerin ziehen lassen. Allzu sehr sind die Wähler inzwischen aufgebracht über Politiker, die jahrelang sträflich fahrlässig den Verbraucherschutz missachtet haben. Der ansonsten für seine Sturheit bekannte Ober-Bayer war machtlos.
Was in der vergangenen Woche in Bayern ans Licht kam, ist erst der Anfang neuer Enthüllungen über die chemiefreundliche Haltung großer Teile der deutschen Landwirtschaft. Überall in Deutschland stehen Bauern und Tierärzte unter Verdacht, in großem Stil Pharmazeutika an Schweine verfüttert zu haben, um sie so schneller mästen zu können. Und immer deutlicher tritt dabei das Versagen der Aufsichtsbehörden zu Tage: Dass tonnenweise illegal Arzneimittel in die Tröge wandern, ist nur möglich, weil Veterinäre und Bauern schludrig kontrolliert werden.
Auch in Berlin sind die gravierenden Folgen des Tierdopings spätestens seit Ende vorigen Jahres bestens bekannt: Eine Studie der Universität Göttingen für das Umweltbundesamt hat die Belastung von Böden durch Rückstände aus Tierarzneimitteln penibel beschrieben. Bei Untersuchungen in der Weser-Ems-Region, einem der größten deutschen SchweinemastGebiete, fanden Wissenschaftler »bedenklich hohe Werte« von Tetracyclinen, hochwirksamen Bakterienkillern. Allein von diesem Stoff sollen über die Gülle bis zu mehreren Kilogramm pro Hektar auf die Wiesen gelangt sein.
Anhand der im Boden gefundenen Spuren schlossen die Forscher auf die Menge an Medikamenten, welche die Tiere verabreicht bekommen hatten. Danach wurden in der Weser-Ems-Region die Schweine pro Jahr mit 150 bis 200 Tonnen Antibiotika und 112 Tonnen antibiotisch wirkenden Zusatzstoffen im Futter hochgemästet. Bis zu 80 Prozent der Arzneimittel scheiden die Tiere über den Kot wieder aus.
Dann nahmen sich die Wissenschaftler die Bücher der Tierarztpraxen vor und kamen auf eine verschriebene Gesamtmenge von nur 70 Tonnen. »Über tierärztliche Herstellungsaufträge«, resümierten die Biochemiker, werde »weniger als die Hälfte der gesamt eingesetzten Arzneimittel verabreicht«. Die Autoren erwarten sogar, dass sich »der Trend zu mengenmäßig nicht erfassbaren Direktabgaben fortsetzen wird« - zu Deutsch: Gigantische Mengen von Präparaten gelangen weiterhin ohne Kontrolle ins Fleisch der Schweine.
Woanders sieht es nicht besser aus. Die Staatsanwaltschaft Schwerin ermittelt seit 1999 gegen einen Tierarzt aus Herrnburg, der an 50 Landwirte aus Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern verschreibungspflichtige Medikamente verkauft haben soll. Allein in Schwerin waren im vergangenen Jahr 22 weitere Verfahren gegen Veterinäre und Bauern anhängig.
Auch in Regensburg und Stuttgart ermitteln Staatsanwälte wegen Arzneimittelmissbrauchs in der Schweinemast. Die Tierärztekammer Nordrhein beschwert sich seit Jahren über die Untätigkeit der Behörden. Massenweise kommen dort Substanzen aus den Niederlanden ins Land.
Der in Straubing verfolgte Roland Fechter, Dienstherr über zehn Tierärzte, breitete sich zunächst nach Österreich aus und schaffte es im Sommer vergangenen Jahres, mit dem Verbund »Thüringer Qualitätsschweine«, in dem fast 40 Bauern organisiert sind, ins Geschäft zu kommen. Laut Erfurter Gesundheitsministerium verkaufte er an die Landwirte Medikamente, ohne zuvor deren Schweinebestand wie vorgeschrieben auf Krankheiten zu testen. Erst als sich auch die Landestierärztekammer bei den Behörden beschwerte, verlor Fechter seine Kunden.
Durch einen Zufall geriet der Tierarzt am Dienstag vergangener Woche auch in Sachsen in die Fahndung. Aus Waldenburg meldete sich ein Anrufer beim Landeskriminalamt in Dresden. Der Mann erklärte den Beamten, dass Fechter, den er im Fernsehen in einem Bericht über den Schweineskandal gesehen habe, kenne. Der Mann sei bei einem Ferkelaufzuchtbetrieb im Ortsteil Schwaben gewesen. Noch am Nachmittag durchsuchten zehn Beamte das Anwesen und stellten Medikamente, Lieferscheine und Rechnungen sicher.
Fechter selbst beteuerte in der vorigen Woche seine Unschuld. Doch gegen den Tierarzt haben inzwischen auch bei ihm zuvor angestellte Ärzte ausgesagt. Sie erklärten schriftlich, dass in dessen Klinik Antibiotika umetikettiert und für die Tiermast nicht erlaubte Präparate verkauft worden seien. Am vergangenen Freitag wurde Fechter festgenommen.
Humanmediziner halten den hemmungslosen Einsatz von Antibiotika in der Tierzucht vor allem deshalb für so gefährlich, weil sie die Heilungschancen von Kranken ernsthaft beeinträchtigen oder gar völlig zunichte machen können. Für diese Präparate gilt, was der griechische Philosoph Pythagoras schon vor mehr als 2500 Jahren erkannte: »Alles, was der Mensch den Tieren antut, kommt auf den Menschen zurück.«
Antibiotika werden in der Schweinemast zur Leistungsförderung eingesetzt, aber auch zur Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten wie Lungenentzündungen, die häufig als Folge der Massentierhaltung auftreten. In den Tieren können sich dabei resistente Keime bilden, die durch rohes Fleisch oder die Bauern auf die Bevölkerung übertragen werden.
Vor allem nach schweren Operationen, wenn das Immunsystem des Patienten geschwächt ist, kann die Infektion mit resistenten Enterokokken lebensgefährlich werden; die Antibiotika schlagen nicht mehr an. Prominentester Fall war der Schauspieler Günter Strack. Er wäre nach einem Schlaganfall in einer Münchner Klinik fast den gefährlichen Keimen erlegen. Auch leukämiekranke Kinder gelten als sehr gefährdet.
Die WHO hat bereits 1997 die Empfehlung ausgesprochen, Antibiotika als leistungssteigernde Beimischung im Futter generell zu verbieten - doch die Bundesrepublik ist dem Votum bislang nicht gefolgt. Nicht einmal auf Präparate, die auch beim Menschen angewendet werden, will die Mästerlobby verzichten. Laut der Göttinger Studie sind 60 Prozent aller Arzneimittelrückstände in der Gülle Tetracycline - Antibiotika, die zur Bekämpfung von Infekten in der Humanmedizin wichtig sind.
Jetzt hat die Grüne Renate Künast, die neue Ministerin für Verbraucherschutz und Landwirtschaft, angekündigt, die Antibiotika weitgehend aus dem Stall zu verbannen. Nach Überzeugung von Wolfgang Witte, Professor am Robert-Koch-Institut in Wernigerode, wären die Mittel durchaus »verzichtbar«. Voraussetzung allerdings: Die Haltungsbedingungen für die bisher auf engstem Raum eingepferchten Masttiere müssten sich grundlegend ändern.
Doch das Dealen mit dem Stoff ist ein bombiges Geschäft. Tierärzte schließen pro forma Betreuungsverträge mit Mästern
ab. Dann liefern die Veterinäre die Medikamente häufig en gros an den Hof, ohne die Tiere zuvor auf Krankheiten geprüft zu haben. Der Landwirt spritzt die Arznei selbst. Öfter noch werden die antibiotischen Substanzen gleich kiloweise ins Futter gestreut. »Schon die Ferkel bekommen antibiotische Spritzen«, sagt Heinz-Wilhelm Selzer, Landwirt in Arolsen bei Kassel und Präsident des Bundesverbandes Tierschutz, »es gibt kaum einen Mäster, der nicht alle möglichen Medikamente selbst hat.« Häufig verdienen sich auch die Auslieferer von Futtermittelherstellern etwas dazu, indem sie nebenbei die Höfe illegal mit Arzneimitteln versorgen.
Als in den letzten Jahren die Schweinepreise rapide absackten, fielen offenbar bei manchem Landwirt auch die letzten Hemmungen. Das Geschäft der so genannten Autobahntierärzte boomt, aus dem Kofferraum verramschen sie ihre Arznei zum Dumpingpreis an willige Bauern, ohne lange zu fragen.
Am vergangenen Freitag trafen sich in Stuttgart Vertreter des Landesverbandes praktizierender Tierärzte, der baden-württembergischen Tierärztekammer sowie von Bauernverband und Landwirtschaftsministerium zum Schweine-Krisengipfel. Die Veterinäre verlangten von der Regierung endlich eine härtere Gangart gegen die schwarzen Schafe. Schon im Februar 1998 hatte der Tierärzteverband einen Ministerialdirektor auf die Zustände aufmerksam gemacht. Offiziell heißt es aus der Regierung, die Hinweise seien zu vage gewesen, um reagieren zu können. Inoffiziell sagen die Beamten, man wisse schon, was abgeht im Stall. Doch immer, wenn sie einem konkreten Fall nachgegangen seien, so ein Ministerialer, »greift man nur in einen Teich«.
Die meisten Veterinärämter in der Bundesrepublik sind weder personell noch fachlich in der Lage, die verbotenen Mittel aufzuspüren. Laut einem Schreiben der bayerischen Landestierärztekammer an das Gesundheitsministerium in München verfügen die Autobahntierärzte über profunde Kenntnisse des Arzneimittelrechts und frisieren die Bücher derart geschickt, dass der Kontrollbeamte »nie oder nur schwer« die illegale Abgabe beweisen könne.
Schlimmer noch: Nicht mehr als 0,5 Prozent aller Schweine werden überhaupt getestet. Und die Fleischbeschau übernehmen nicht selten die niedergelassenen Tierärzte selbst - das ist so, als würde der wegen Dopings gesperrte Sprinter Ben Johnson zum Dopingkontrolleur ernannt.
Vor zwei Jahren stellten die EU-Veterinäre nach Prüfung der deutschen Praxis ein vernichtendes Urteil aus: Die Lebensmittelüberwachung sei »schwerfällig«, »unzulänglich« und »mangelhaft«. Fleischproben etwa seien in den Kühlschränken der Veterinäre vergammelt.
MICHAEL LOECKX, UDO LUDWIG,
CONNY NEUMANN, SYLVIA SCHREIBER
* Mit dem Grünen-Chef Fritz Kuhn.