Vietnam Gefährliches Gespann
Ein gealterter Playboy und Ex-Kaiser sollte Vietnam den Frieden bringen. Über vierzig Buddhistenführer, Journalisten und Studenten appellierten Mitte Oktober an Bao Dai, 60, aus seinem Exil an der Côte d'Azur nach Saigon zurückzukehren: Nur der Ex-Monarch -- 1945 als Kaiser von Annam zurückgetreten und zehn Jahre später auch als »Staatsoberhaupt Vietnams« abgesetzt -- könne den Vietnam-Konflikt noch lösen.
Doch Bao Dai, während seiner Regierungs- und Exil-Zeit mehr Lebemann als Politiker, wird sein Vermittlungsgeschick kaum auf die Probe zu stellen brauchen. Bereits Anfang des Jahres hat Thieu eine Rückkehr als »nicht opportun« bezeichnet.
Tatsächlich käme dem Staatschef eine Heimkehr des Ex-Kaisers ungelegen. Zwar spielen die Monarchisten nur noch in der alten Kaiserstadt Hué eine Rolle, in der die 84jährige Mutter Bao Dais residiert. Doch der Ex-Kaiser würde den nicht-kommunistischen Regime-Gegnern der Dritten Kraft Auftriel, geben, und gerade »dies will freilich Thieu um jeden Preis verhindern.
Denn nach Monaten des Schweigens sind die Neutralisten, die Dritte Kraft zwischen Regierung und Vietcong, erstmals politisch wieder in Erscheinung getreten:
* Anfang Oktober organisierte die prominente linke Rechtsanwältin Ngo Ba Thanh, 42, die erste Anti-Thieu-Demonstration seit Verhängung des Kriegsrechts vor eineinhalb Jahren. 200 Politiker, darunter Linke und Buddhisten, kamen in Saigons »Continental Palace Hotel«. > Wenige Tage später taten sich 18 Bonzen der militanten An-Quang-Buddhisten zu einem Konsultativrat zusammen. Das Gremium soll die Buddhisten in der Nationalversammlung auf Anti-Thieu-Kurs bringen.
* Mitte Oktober gründete Senatspräsident Nguyen Van Huyen die »Freiheitspartei«. Es ist die erste Oppositionspartei. seit Thieu mit seiner Dan -Chu("Demokratie")-Partei versuchte, aus Südvietnam einen Ein-Parteien-Staat zu machen.
Bislang waren die Thieu-Gegner in zahlreiche rivalisierende Cliquen zerfallen: Neben den An-Quang-Buddhisten. katholischen Sekten und den Thanh-Anhängern gab es noch die Sympathisanten des populären Generals Duong Van ("Big") Minh, der 1963 maßgeblich an dem Sturz des Diktators Diem beteiligt war, und die Gruppe des früheren Vizepräsidenten Ky.
Jetzt jedoch zeichnet sich zumindest ein Zusammengehen zwischen dem keineswegs linken »Big« Minh und Frau Thanh ab, die fast schon zur Befreiungsfront gehört. Mehrfach hat sich der General für die Rechtsanwältin eingesetzt, bis sie Mitte September nach jahrelanger Haft freigelassen wurde. Frau Thanh, eine furchtlose Regime-Gegnerin, die in den USA, Frankreich und Spanien studierte, erklärte sich ihrerseits bereit, mit allen Gruppen der Dritten Kraft zusammenzuarbeiten.
Ein Gespann Minh-Thanh könnte für Thieu tatsächlich gefährlich werden. Denn seit ihrer Entlassung verlangte die Rechtsanwältin »Wahlen unter Beteiligung aller Gruppen in Südvietnam«. Der Saigoner Regierung billigte sie unter Berufung auf das Pariser Vietnam-Abkommen nur noch begrenzte Vollmachten zu.
Die Dritte Kraft formiert sich trotz neuer Unterdrückungsmaßnahmen Thieus. Seit den Pariser Verträgen hat der Staatschef versucht, die Opposition auszuschalten. Mit allen Mitteln will er verhindern, daß sich der in den Verträgen vorgesehene Nationale Rat für Versöhnung und Eintracht bildet, in dem die Neutralen zwischen den Vertretern Saigons und der Kommunisten eine Schlüsselrolle spielen könnten.
So ließ Thieu Studenten und unabhängige Gewerkschaftsführer einkerkern. Mehr als 100 000 politische Gefangene sitzen nach Schätzungen von Amnesty International in südvietnamesischen Haftanstalten und Lagern.
Der Presse wurde verboten, Erklärungen der Dritten Kraft zu drucken. Thieu-Opponenten mußten sich bei Wahlen nahezu unerfüllbaren Auf lagen unterwerfen. Der populäre »Big Minh lebt in Saigon praktisch unter Hausarrest. Seine Erklärungen muß er ausländischen Journalisten auf Cocktail-Partys zustecken.
Jeder Schritt von Frau Thanh wird von dem Regime registriert. Nach der Anti-Thieu-Demonstration wurde ihr klargemacht, daß ihr Verfahren wegen Unterstützung der Kommunisten nicht eingestellt worden sei. Sie müsse jederzeit mit neuer Festnahme rechnen.