AUGUST 2006 Gefallene Stars
Elegant in einen schwarzen Anzug gekleidet und mit einem Lächeln um den Mund schneidet Jan Ullrich zusammen mit seiner Ehefrau Sara eine herzförmige Riesentorte an. Es ist seine Hochzeit in Lech am Arlberg in Österreich. Dann postiert er sich für ein Foto mit seiner Gattin im Arm vor einer Skihütte. Einen Monat später schnappen ihn Fotografen in Scherzingen, seiner schweizerischen Heimat nahe der deutschen Grenze, in Adidas-Schlappen und mit deutlich erkennbaren Speckringen an der Hüfte. Die Bilder aus dem Herbst 2006 zeigen einen Mann, der mit dem Sport abgeschlossen zu haben scheint.
Jan Ullrich, der deutsche Held, Olympiasieger, Tour-de-France-Gewinner, der Star stundenlanger Fernsehübertragungen und mehrmalige Sportler des Jahres, ist gefallen - und mit ihm geriet eine ganze Sportart so tief in den Dopingsumpf, dass ein schneller Neubeginn derzeit fast unmöglich scheint. Es sei ein »Flächenbrand« entfacht, »der nicht mehr zu löschen ist«, sagt der deutsche Radprofi Erik Zabel.
Einer der größten Skandale der Sportgeschichte begann im Frühjahr mit einer Durchsuchung der Guardia Civil bei dem Madrider Arzt Eufemiano Fuentes. Die Ermittler konfiszieren Blutbeutel, Wachstumshormone, Epo und Anabolika - das gesamte Potpourri, mit dem sich Radsportler schnell und kräftig machen können. Und was für die Öffentlichkeit noch viel brisanter ist: Die Fahnder stellen eine lange Liste mit Sportlern auf, die Kunden des zwielichtigen Doktors gewesen sein sollen. Insgesamt 58 Profis gelten fortan als dopingverdächtig.
Im Juni, wenige Tage vor dem Beginn der Tour de France, dringt dann an die Öffentlichkeit, was viele Sportfans erschüttert. Zu Fuentes' Mandanten soll auch Ivan Basso zählen, der Topfavorit aus Italien. Und: Jan Ullrich, der Deutsche mit den oft so unschuldig roten Bäckchen, dem Fachleute stets bescheinigt hatten, er habe das meiste Talent von allen, mehr noch als Lance Armstrong, der Amerikaner, der siebenmal die Frankreich-Rundfahrt gewonnen hat.
Die Indizien sind so belastend, dass die Ermittler keinen Zweifel haben, dass Ullrich zu den besten Abnehmern Fuentes' gezählt hat. Sie haben Telefonate abgehört, Dokumente gefunden und Zeugen befragt.
Demnach soll der Deutsche jährlich bis zu 120 000 Euro ausgegeben haben, um sich mit Vino, Niño, Ignacio und PCH - den Tarnbegriffen für manipuliertes Blut, Wachstumshormon, das Insulin-ähnliche IGF-1 und für Testosteron - behandeln zu lassen.
In seiner Not tut Ullrich das, was alle ertappten Dopingsünder zunächst tun: Er streitet ab, jemals manipuliert zu haben. Er spricht von »einer beispiellosen Hetzjagd« gegen sich, er droht mit Klagen auf Schadensersatz, und er jammert, »an der Ausübung unseres Sport gehindert worden« zu sein. Doch der gebürtige Rostocker unterschätzt, dass sich der Wind gedreht hat - gegen ihn und gegen eine ganze Sportart. Die Menschen sind es endgültig leid, von Athleten belogen und betrogen zu werden. T-Mobile, Ullrichs Arbeitgeber, schmeißt ihn raus. Im Herbst 2006 ermitteln auch zwei deutsche Staatsanwaltschaften gegen Ullrich und eine weitere gegen die deutsch-spanische Dopingbande, selbst Experten vom Bundeskriminalamt sind nun dabei, den Dopingsumpf trockenzulegen.
Und als brauchte es einen letzten Beleg dafür, dass die Tour de France Züge organisierter Kriminalität hat, da verbreitet sich Ende Juli die Nachricht, auch Floyd Landis, der Tour-Sieger 2006, sei während seiner Triumphfahrt gedopt gewesen. Analytiker in Paris haben im Urin des Amerikaners eine erhöhte Konzentration des Sexualhormons Testosteron nachgewiesen.
Seit 1960 hat es 22 Tour-de-France-Sieger gegeben, nur 3 davon wurden niemals positiv getestet oder ernsthaft des Dopings verdächtigt. Aber Landis wird wohl der Erste sein, dem nachträglich der Titel aberkannt wird - wenngleich die endgültige Entscheidung immer noch aussteht.
Landis jammert nicht wie Ullrich. Er erklärt wortreich, wie es zu seinem Dopingwert gekommen sei: Zwei Bier und mindestens vier Whisky, die er nach einer Touretappe eingenommen habe, hätten sein Hormonsystem durcheinandergebracht.
Aber dann tut Landis doch noch das, was alle tun, auch Basso, Ullrich: Er schickt seine Anwälte vor, die ihn aus der schäbigen Sache raushauen sollen. Es soll darum gehen, den Ruf wiederherzustellen. Doch wenn die großen Drei wieder gegeneinander antreten, wäre der Radsport endgültig zu einer Pharmashow verkommen. UDO LUDWIG