»Gefangene des Krieges und der Minen«
Pol Pots neuer Mensch ist tot«, erklärt der untersetzte Mann in dem hellen, kurzärmeligen Baumwollanzug mit Nachdruck, und auf die ungläubige Rückfrage wiederholt er noch einmal: »Ja, Pol Pots neuer Mensch ist tot.«
Ieng Sary muß es wissen. Er gehört zu jenen, die nach dem Fall der kambodschanischen Hauptstadt Pnom Penh im April 1975 versucht hatten, dem ganzen Land dieses neue Menschenbild aufzupressen. Er ist einer von den Roten Khmer, die, in schmucklosen schwarzen Uniformen, an den nackten Füßen Sandalen, auf Befehl ihres Führers Pol Pot die Bewohner der Städte aufs Land trieben, Radios, Kühlschränke und Fernseher auf die Straße warfen, Geld und Schulen abschafften und jeden liquidierten, der sich ihnen in den Weg stellte.
Noch immer ist Ieng Sary Außenminister der Regierung des »Demokratischen Kamputschea«, die erbitterten Widerstand gegen die 1979 von den Vietnamesen in Pnom Penh installierte Regierung Heng Samrin leistet und ihren Sitz als rechtmäßige Vertreterin Kambodschas in der Uno bis jetzt verteidigen konnte. Auf der Ministerliste dieser Regierung taucht Pol Pot nicht mehr auf - aber noch ist er Oberbefehlshaber ihrer Armee und Generalsekretär der Partei.
Nach dem Eingreifen der Vietnamesen sei »am unerträglichsten für uns« gewesen, daß die Armee der Roten Khmer vom eigenen Volk keine Unterstützung mehr erhalten habe, sagt Ieng Sary. Wir sitzen einander im politischen Hauptquartier der Roten Khmer gegenüber, einem im Dschungel versteckten Lager aus einem Dutzend Bambushütten in West-Battambang, nur 500 Meter von der thailändischen Grenze entfernt. Zwischen den Baumwipfeln ballen sich tiefhängende dunkle Wolken zusammen - wir sind mitten in der Regenzeit.
Damals, nach der »vietnamesischen Invasion«, fährt Ieng Sary fort, »waren wir nur noch 25 000 Soldaten und hatten uns in die Kardamom-Berge zurückgezogen. Wir aßen Blätter und Wurzeln, wir waren total gescheitert.« Also habe man ganz neu anfangen und die Fehler der Vergangenheit korrigieren müssen.
So hätten die Führer des »Demokratischen Kamputschea« auf einem Geheimtreffen in den Kardamom-Bergen jeder Art von sozialistisch-kommunistischem Modell abgeschworen und die Errichtung eines parlamentarischen demokratischen Regimes beschlossen.
Anfang September schließlich unterzeichneten die Führer der drei wichtigsten nationalen Gruppierungen, unter ihnen auch der frühere König Sihanouk, S.192 in Singapur eine »gemeinsame Erklärung«, in der sie sich zur Bildung einer Koalitionsregierung verpflichteten und gelobten, ihre politischen Differenzen zumindest so lange zu begraben, bis die Vietnamesen aus dem Land gejagt seien.
»Wir haben mit dem Kollektivismus und der Zwangsarbeit und der Familientrennung Schluß gemacht«, versichert der Außenminister. »Die Bauern dürfen wieder ihr eigenes Land zum eigenen Nutzen bearbeiten, und der Handel ist wieder frei wie früher.«
Und so unglaublich das alles zunächst klingt, ein gewisser Wandel ist tatsächlich unverkennbar.
Ich bekomme ihn zu spüren, als mich wenig später eine Gruppe von 30 Guerrilleros zu einem etwa 60 Kilometer landeinwärts liegenden Militärlager der Roten Khmer begleitet. Auf unserem Weg kommen wir durch ein paar Dörfer und sehen Bauern auf Papaya-, Tapioka- und Bananenplantagen arbeiten, offenkundig ohne jeden Zwang.
Wir sehen Handwerker und Händler und auch wieder Geld - allerdings nur thailändisches. Die Leute aus den Dörfern winken uns friedlich zu oder bringen uns etwas zu trinken und zu essen. Angst vor den Soldaten oder dem Fremden haben sie sichtlich nicht - ganz anders als jene Bauern, die ich vor knapp drei Jahren, ebenfalls in der Region von Battambang, sah. Damals wurden ausgemergelte eingeschüchterte Menschen bei der Feldarbeit von 14jährigen Khmer-Soldaten bewacht, die verbissen ihre Kalaschnikows umklammerten ...
Angst brauchten die Kambodschaner jetzt allenfalls vor den Vietnamesen zu haben, hat mir Ieng Sary in seinem Hauptquartier versichert, bevor wir aufbrachen. Die 250 000 vietnamesischen Soldaten, die heute Kamputschea besetzt hielten, begingen regelrechten Völkermord an der einheimischen Bevölkerung und schreckten selbst vor dem Einsatz chemischer Waffen nicht zurück.
Zum Beweis hat er mir eine bräunliche Kugel aus Kunststoff von sieben bis acht Zentimetern Durchmesser entgegengestreckt - eine chemische Granate, die seine Leute im Juli 1981 an der Front von West-Battambang gefunden hätten.
Die Granate, die in der Sowjet-Union hergestellt wird - so Ieng Sary -, setzt bei der Explosion gelben Rauch frei, der bei Kontaktpersonen blutiges Erbrechen auslöst und dazu führt, daß sich große Hautlappen vom Körper lösen. Die Opfer erblinden teilweise oder ganz und sterben schließlich unter Qualen.
Doch trotz so schrecklicher Waffen sind die Vietnamesen heute in der Defensive, erklärt mir wenig später General Nikan, der Oberbefehlshaber des Militärlagers, das wir nach zweitägigem Marsch erreicht haben. »Wir liefern ihnen einen Guerillakrieg, und wir haben überall die Initiative.«
Der General, der erst 39 Jahre alt ist, hat 1979, in der für die Roten Khmer finstersten Zeit, das Kommando über die Region West-Battambang übernommen und kontrolliert nach eigenen Angaben heute einen Streifen von 150 Kilometer Länge und rund 80 Kilometer Breite mit etwa 300 000 bis 400 000 Einwohnern.
An der Bretterwand seines Befehlsstandes ist eine Landkarte angeheftet. Danach beherrschen die Vietnamesen heute das gesamte Gebiet von der vietnamesischen Grenze bis nach Pnom Penh. Die weiß-rot gepunkteten Zonen mit Ausläufern bis nach Laos und Thailand kennzeichnen die Regionen, in denen gekämpft wird. Und die grünen Flecken, die größten auf der Landkarte, sind jene Gebiete, welche die Vietnamesen angeblich schon nicht mehr zu betreten wagen.
»Wir haben den Krieg zwar noch lange nicht gewonnen«, erklärt der General, »aber wir haben ihn auch nicht verloren. Die Vietnamesen sind durch ihr Material unbeweglich geworden, sie sind heute in genau der gleichen Lage wie einst die Amerikaner in Vietnam.«
Überdies, so versichert man mir, sei die Moral der Vietnamesen miserabel.
Aus Briefen, die man bei Gefallenen gefunden hätte, gehe hervor, daß die S.194 vietnamesischen Soldaten pro Woche nur eine Dose Thunfisch und etwas Reis als Lebensmittelration bekämen, alles übrige müßten sie sich bei der Zivilbevölkerung selbst beschaffen. Inzwischen, sagen die Roten Khmer, gibt es so viele Deserteure unter den Besatzungstruppen, daß nur noch Nordvietnamesen nach Kambodscha geschickt werden.
Die Kombattanten im Lager des General Nikan sind nicht mehr jene zwölfjährigen Kinder, die ich vor drei Jahren bei den Roten Khmer gesehen hatte, sondern durchweg nicht jünger als achtzehn Jahre. Mein Dolmetscher erklärt mir, die Frontkämpfer bekämen alle drei Monate Urlaub, um ihre Familien zu besuchen.
Hier im Lager werden sie auf den neuen politischen Kurs der Bewegung gebracht; 500 von ihnen sitzen an hölzernen Schulbänken und lauschen der sanften eintönigen Stimme des Instrukteurs, der ihnen die Notwendigkeit einer »patriotischen Front« und der Reinigung von jeglicher Ideologie erläutert.
»Es ist nicht leicht, ihnen den Wandel des Systems zu erklären«, gibt mein Begleiter mit leiser Stimme zu, »aber ich glaube, sie haben es verstanden. Der beste Beweis ist, daß so viele Freiwillige kommen, wir haben heute eine Armee von 50 000 Mann ...«
Seit »unserem politischen Wandel«, sagt er, »kommen Freiwillige sogar aus Thailand zurück. Die Moral bei uns ist gut«.
Davon kann ich mich überzeugen, als General Nikan mich an die sogenannte Front begleitet, die, wie er einräumt, noch nicht eigentlich eine Front, sondern vielmehr eine Zone befestigter vietnamesischer Stellungen ist.
Nach mehrstündigem Marsch erreichen wir ein weiteres Lager mit rund tausend Kämpfern. General Nikan hält eine Rede, in der er die Lage im Kriegsgebiet erläutert, und wird mit begeistertem Beifall belohnt.
Die Männer im Lager gehören zu einer Nahkampf-Spezialeinheit und haben nur leichte Ausrüstung, lediglich AK-47-Gewehre und Radios. Ihr Durchschnittsalter ist zwanzig Jahre, ebenso wie das der Kolonne weiblicher Soldaten, die uns an die Front begleitet. »Ohne die geht nichts«, sagt General Nikan.
Die jungen Frauen transportieren Lebensmittel, Waffen und Ausrüstung an die im Dschungel versteckten Stellungen und an die Front: 60- und 120-Millimeter-Mörser; rückstoßfreie 75er Kanonen; 12,7-Maschinengewehre, AK-47-Gewehre und Panzerabwehrgranaten RPG-7, fast alles chinesisches Material.
Am ersten Tag unseres Marsches an die Frot haben drei Elefanten uns begleitet, ideale Lastträger für das schwere Kriegsmaterial. Als der Dschungel zu dicht für sie wird, verteilen die Frauen die Last untereinander und marschieren nun, eine Packung Dynamit oder eine Tellermine auf dem Kopf balancierend.
Es ist lebenswichtig, auf den Trampelpfaden zu bleiben, denn rundum ist alles dreimal vermint - einmal von den Roten Khmer im Jahre 1979, dann von den Vietnamesen und nach dem teilweisen Rückzug der Vietnamesen wieder von den Khmer. Hin und wieder erinnert uns eine explodierende Mine daran, wie vorsichtig wir sein müssen. Meist ist zwar nur ein Affe oder ein Wildschwein das Opfer, aber es erwischt auch zwei Männer aus unserer Kolonne: eine Mine reißt ihnen die Unterschenkel ab.
Wir kommen in einem Lager an, das nur zwei Kilometer von den vietnamesischen Stellungen entfernt ist und von Brigadegeneral Tschea Rom, 37, kommandiert wird. Tschea Rom kämpft seit 1969 bei den Roten Khmer und ist vom Guerrillero zum General aufgestiegen. Unterwegs hat mir mein offizieller Begleiter Long Norin so viel von den Bravourstücken des Generals erzählt, daß ich das Gefühl habe, ihn schon lange zu kennen, als ich ihm schließlich gegenüberstehe.
Er trägt eine schlichte Uniform und Sandalen, keine Waffen, und niemand steht vor ihm stramm. Seine Uniform ist übrigens die alte schwarze Uniform der Roten Khmer. Später frage ich, warum er als einziger sie noch trägt, und er antwortet mit einem kleinen spöttischen Lächeln: »Ich werde immer Schwarz tragen.« Und in perfektem Französisch fügt er hinzu: »Ich verabscheue die Vietnamesen bis in den Tod und über den Tod hinaus.« Zumindest einer, der sagt, was er denkt.
Von Tschea Roms Camp aus schwärmen die Kommandos für Sabotageaktionen innerhalb der vietnamesischen Stellungen aus. Beim Abendessen mit dem General sehe ich von Zeit zu Zeit die Feuersalven der vietnamesischen Kanonen hinter uns, doch Tschea Rom zerstreut meine Befürchtungen: »Keine Angst, Sie werden ruhig schlafen, es S.196 passiert nichts.« Er hat recht. Bald ist außer dem schweren Rauschen des Regens nichts mehr zu hören.
Morgens um fünf rüttelt Long Norin mich wach, um mir zu sagen, daß wir in einer halben Stunde aufbrechen, um hinter die vietnamesischen Linien zu gelangen. 30 schwer bepackte Männer stehen schon bereit. Diesmal marschieren wir nicht, sondern wir schlittern durch den Schlamm. Nur mühsam können die Männer unter dem Gewicht von Gewehren und Granaten auf dem schlüpfrigen Boden das Gleichgewicht bewahren.
Hinter den vietnamesischen Linien haben die Khmer kleine verstreute Stützpunkte errichtet, die wir mit Lebensmitteln und Munition versorgen sollen. Hauptaufgabe dieser Khmer-Basen ist, die vietnamesische Front zu destabilisieren, zum Beispiel indem sie die während der Regenzeit ohnehin schwierige Versorgung der vietnamesischen Stellungen mit Lebensmitteln unterbrechen.
Als wir nach acht Kilometer Marsch in einer der kleinen Basen hinter den vietnamesischen Linien ankommen, weist man mir eine Bambushütte zu; meine fünf »Leibwächter« knüpfen ihre Hängematten rund um meine eigene auf.
Obwohl wir so dicht an den vietnamesischen Stellungen sind, werden Feuer entzündet, um das Abendessen zu kochen - diesmal gibt es Hähnchen mit Reis und natürlich den unvermeidlichen japanischen Thunfisch. Die meisten S.199 Konserven, ebenso Bücher, Schulhefte, Bleistifte kommen aus Japan.
Srey Nuri, der erst 28 Jahre alte Kommandant dieses Dschungelstützpunktes, führt mich herum:
Rund dreihundert Mann sind damit beschäftigt, Springminen zu bauen - so genannt, weil sie, durch Nylonfäden verbunden, einen Satz von einem Meter machen, bevor sie explodieren, und man ihnen also kaum ausweichen kann. Außerdem bauen Spezialisten unter den Guerrilleros Geschosse von 105er-Kanonen zu Zeitbomben um - eine Mordmanufaktur mitten im Dschungel.
Wenn es dunkel wird, brechen sie in Gruppen von vier oder fünf Mann auf, um in die vietnamesischen Stellungen einzusickern und ihre Tötungsmaschinen anzubringen. »Die Vietnamesen sind Gefangene des Regens und der Minen«, sagt Srey Nuri. »Aber ich muß zugeben, daß auch bei uns beim Morgenappell manchmal Soldaten fehlen.«
Er verabschiedet jeden einzelnen Mann des Sabotagekommandos, das an diesem Abend aufbricht, und redet mit mir noch bis tief in die Nacht. »Wir leben hier im Rhythmus der Jahreszeiten«, philosophiert er, »in der einen bereiten wir uns darauf vor, daß wir in der anderen sterben.«
Trotzdem sind seit der politischen Kehrtwendung der Roten Khmer sogar aus den fest in vietnamesischer Hand befindlichen Gebieten viele Freiwillige zur Guerilla gestoßen, erklärt Srey Nuri. »Sie vertrauen auf den Kurswechsel des Regimes.« Ich würde gern mit einem dieser jungen Freiwilligen sprechen, doch keiner von ihnen kann Englisch oder Französisch, und eine Unterhaltung im Beisein des Dolmetschers erscheint mir überflüssig - sie würden doch nur sagen, was man offiziell hören will.
Dann beginnt der lange mühsame Rückweg, wieder im Bogen um die vietnamesischen Linien herum ins nächste Lager. Dort hat man sich auf die Herstellung von Menschenfallen spezialisiert, wie sie in Kambodscha seit Jahrhunderten Tradition sind:
Angespitzte Bambuspfeile werden während der Regenzeit in Schlammlöchern vergraben, die dann in der Trockenperiode wie Beton die messerscharfen Pfeilspitzen umschließen. Baumstämme werden mit Bambuspfeilen gespickt und an Lianen zwischen dem Laubwerk über den Dschungelpfaden aufgehängt. Verfängt sich der Fuß eines Vorübergehenden in den Schlingpflanzen, stürzt der Baumstamm herunter.
Noch einmal müssen wir nun durch die Einschußzone der Vietnamesen, danach geht es etwa 110 Kilometer weit durch die sogenannten »befreiten Gebiete«, in denen vor allem Zivilbevölkerung lebt. Die Militärcamps der Guerilla, in denen wir übernachten, befinden sich stets außerhalb der Dörfer - eine Vorsichtsmaßnahme, um die Dorfbewohner nicht unnötig zu gefährden.
Als wir wieder an unserem Ausgangspunkt ankommen - dem Lager dicht an der thailändischen Grenze, in dem ich Ieng Sary traf -, sind wir alles in allem 400 Kilometer marschiert.
Am letzten Abend führen ein paar Guerrilleros zu Ehren des ausländischen Gastes ein Theaterstück auf. Es ist eine Satire über den Krieg zwischen Kambodscha und Vietnam - zum Verwechseln ähnlich jenem Fronttheater, das noch vor wenigen Jahren die Vietnamesen über ihren Kampf mit den USA zu präsentieren pflegten.
S.192Übersetzung der Legende: »Militärische Lage im September 1981:Kampfgebiete; Guerilla-Gebiet; von den Roten Khmer (''DemokratischesKamputschea'') kontrollierte Zone; vorübergehend vom Feindkontrollierte Zone."*