ARBEITER Geh langsam
Er habe »Manschetten davor«, mit den Arbeitern zu sprechen, bekannte kürzlich ein sowjetzonaler Gewerkschaftsfunktionär namens Wetzel, Vorsitzender der Betriebsgewerkschaft im Volkseigenen Betrieb »Buchbindereimaschinen-Werk«.
Dieses immerhin erstaunliche Faktum, daß ein Gewerkschaftsführer des Bauern- und Arbeiterstaates »Deutsche Demokratische Republik« sich fürchtet, mit seinen Arbeitern zu sprechen, steht keineswegs isoliert da. Mitte Juni enthob der Chef der sowjetzonalen Gewerkschaften (FDGB), Warnke, zwei Funktionäre im Sekretariat des Leipziger Bezirksvorstandes der »Industriegewerkschaft Metall/Metallurgie« ihrer Posten, weil sie - ähnlich wie Wetzel sich vor Aussprachen mit der Arbeiterschaft gedrückt hatten.
Offenkundig war diese rigorose Maßnahme gegen diese beiden Leipziger Arbeitervertreter - Schröder und Schubert mit Namen - als ein warnendes Beispiel für viele andere FDGB-Funktionäre gedacht, die seit einiger Zeit von ungewohnter Schüchternheit befallen sind.
Wenig später - nämlich unmittelbar vor Beginn des 5. Partei-Kongresses der SED Mitte letzter Woche - folgte denn auch eine weitere Strafaktion. Warnke enthob den Vorsitzenden des Zentralvorstandes der Industriegewerkschaft Chemie, Willim, seines Amtes. Mit ihm mußte eine ganze Reihe anderer Vorstandsmitglieder und Bezirksfunktionäre gehen. Warnke erhob gegen Willim die gleichen Vorwürfe wie gegen Schröder und Schubert: Er habe kein »richtiges Verhältnis zur Arbeiterschaft hergestellt«.
Tatsächlich hat FDGB-Chef Warnke für seine pädagogischen Demonstrationen zwingende Gründe. Der sowjetzonale gewerkschaftliche Einpeitsch-Apparat ist bei den Arbeitern mit neuen Lohn-Planungen auf so erbitterten Widerstand gestoßen, daß selbst die Arbeits-Sergeanten des Pankower Regimes sich scheuen, ihren Hennecke -Bataillonen von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten.
Diese Planungen laufen letzten Endes darauf hinaus, die seit 1953 kaum geänderten Arbeitsnormen - Solls für Mindestleistungen - zu erhöhen und höhere Leistungen aus den Arbeitern herauszuschinden. Daß die Pankower solche Pläne haben, konnte die Arbeiterschaft der Sowjetzone an einem Gesetz ablesen, das vor mehr als vier Monaten - Anfang Februar - von der Volkskammer erlassen worden war.
Die Verfasser dieses Gesetzes hatten sich viel Mühe gegeben, seinen wahren Zweck zu kaschieren. Sie nannten es eine Maßnahme zur »Vervollkommnung und Vereinfachung der Arbeit des Staatsapparates« und versprachen darin die Verwirklichung eines so unverdächtigen Ziels wie »die Teilnahme der Werktätigen an der Lenkung der Produktion«.
Die wahren Ziele und Hintergründe des Gesetzes waten indes andere. Als im Jahre 1953 die gegenwärtig gültigen Arbeitsnormen festgelegt wurden, war die maschinelle Ausstattung der Arbeitsplätze in der sowjetzonalen Industrie im Durchschnitt noch sehr schlecht. Die Produktivität war mithin aus zwingenden Gründen niedrig.
Inzwischen sind jedoch zahlreiche Betriebe der Sowjetzone modernisiert worden. Mit den neuen Maschinen erzielen die Arbeiter häufig Leistungen, die weit über ihren Arbeitsnormen liegen und ihnen Zusatz-Prämien einbringen.
Paradoxerweise aber bleiben selbst Betriebe, in denen Arbeiter individuelle Übersoll-Erfüllungen erzielen, hinter den globalen Soll-Forderungen zurück, die den Betrieben gestellt worden sind. Der Widerspruch erklärt sich daraus, daß die individuellen Arbeitsnormen auf Grund der mangelhaften maschinellen Arbeitsplatz -Ausstattung von 1953 errechnet sind, während die Betriebs-Solls neueren Datums sind und die inzwischen vorgenommene Modernisierung des Betriebes in Rechnung stellen.
Die nach dem Februar-Gesetz verkündete Parole, man solle die operative Leitung der Betriebe »an die Basis« verlegen, bedeutet nun offenkundig nichts anderes als den Versuch, die Diskrepanz zwischen den individuellen Arbeitsnormen und den Betriebs-Solls abzubauen. Die in der Tat unrealistischen Arbeitsnormen von 1953 sollen der tatsächlichen Leistungsfähigkeit der Betriebe angepaßt werden.
Sollten aber im Zuge dieses Versuchs die Arbeitsnormen tatsächlich erhöht werden, so ergibt sich zwangsläufig, daß für viele Arbeiter Übersoll-Erfüllungen unmöglich werden - mithin auch die dafür gezahlten Prämien wegfallen. In dieser Tatsache liegt der Grund für die Widerborstigkeit der sowjetzonalen Arbeiterschaft, wie sie zur Zeit vornehmlich in modern ausgestatteten Betrieben zu beobachten ist.
Besonders peinlich für die FDGB-Führung ist dabei, daß sie gerade bei der Metallarbeiterschaft des sächsischen Industriegebietes, die das bei weitem stärkste FDGB-Kontingent ausmacht, auf den härtesten Widerstand stößt. Die Arbeiterschaft des am höchsten entwickelten sowjetzonalen Industriegebiets reagiert auf die SED-Planung mit einer stillschweigenden »Geh langsam«-Bewegung.
So entschloß Warnke sich, die erste demonstrative Strafaktion in Sachsen vorzunehmen. Anfang Juni beauftragte er den FDGB-Bezirksvorstand Leipzig, sich mit den »ideologischen Problemen der Gewerkschaftsarbeit der Industriegewerkschaft Metall/Metallurgie« zu beschäftigen.
In dem Beschluß, den die Delegierten der von Berlin anbefohlenen Sitzung schließlich zustande brachten, wurden den leitenden Funktionären der Industriegewerkschaft Metall im Bezirk Leipzig, Schröder und Schubert, die schlimmsten Vorwürfe gemacht, die es zur Zeit im sowjetzonalen Schimpf-Katalog gibt, nämlich Revisionismus, Opportunismus und ideologische Interessengemeinschaft mit der »Gruppe Schirdewan-Wollweber«.
Die eigentliche Schuld der daraufhin ihrer Posten enthobenen Funktionäre Schubert und Schröder bestand aber gar nicht darin, politisch rebelliert zu haben Vielmehr hatten sie in der Auseinandersetzung mit der Arbeiterschaft über die Arbeitsnormen einfach gekniffen - im Kirchenlatein des Marxismus-Leninismus ausgedrückt: Sie hatten nicht dafür gesorgt »ein richtiges Verhältnis zur Sozialistischen Einheitspartei und damit auch zur Arbeiterklasse« herzustellen.
Auf den Kern der Sache kam ein Delegierter der Pankower FDGB-Zentrale zu sprechen: »Wie lange wollen die Metallarbeiter noch zulassen, daß die Betriebe des Maschinenbaus bei einer durchschnittlieben Normerfüllung von 170 Prozent dennoch 16,5 Tage Planrückstand aufweisen? Alle Ergebnisse der übrigen Industriezweige ... werden dadurch zunichte gemacht.«