CHINA Gehandelt wie Vieh
Mehr als 50 Jahre nach der Revolution müssen Chinas Kommunisten wieder gegen ein Übel aus alten Zeiten kämpfen: den Menschenhandel. Weil immer mehr Frauen und Kinder entführt und verkauft werden, hat die Polizei jetzt eine dreimonatige Großrazzia begonnen. Seit Anfang April verhaftete sie bereits hunderte von Sklavenhändlern - nach Drogen- und Waffengeschäften ist der Menschenhandel mittlerweile drittgrößte Einnahmequelle der Mafia in ganz Asien. Im Reich der Mitte wurden 1999 der amtlichen »China Daily« zufolge über 6500 Frauen an Bordelle oder heiratswillige Männer verkauft - elf Prozent mehr als im Vorjahr. Mindestens 1600 Kinder gerieten in die Fänge des organisierten Menschenhandels, der sie an kinderlose Paare verkauft oder zu Bettlern und Taschendieben abrichtet. Die Dunkelziffer, fürchten Experten, liegt deutlich höher. Jährlich erlöst die Kriminalpolizei rund 10 000 Chinesen aus den Händen ihrer »Eigentümer«. Allein im 1000-Einwohner-Dorf Jiangcicun in der Provinz Jiangsu wurden in den letzten zehn Jahren mehr als 500 Frauen auf offener Straße gehandelt »wie Vieh«, berichtete ein Polizist. 200 Einwohner hatten sich an dem Geschäft beteiligt.
In China ist der Missstand eine Folge der Reform- und Öffnungspolitik. Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, Menschenhandel ist eine Geldquelle, an der auch korrupte Funktionäre mitverdienen. Zudem herrscht in vielen Dörfern akuter Frauenmangel, weil wegen der Ein-Kind-Politik inzwischen mehr Jungen als Mädchen überleben. Mädchen gelten vor allem auf dem Lande noch als minderwertig, weibliche Föten werden häufiger abgetrieben. Viele Bauern sind bereit, für eine Frau über 3000 Yuan (740 Mark) zu bezahlen, kleine Jungen kosten, als billige Arbeitskräfte, rund 8000 Yuan (knapp 2000 Mark).