Gekaufter Elan - DER SPIEGEL
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Gekaufter Elan

Einige Länder schummeln beim internationalen Pisa-Test: Sie motivieren ihre Schüler mit Geld oder Geschenken.
• aus DER SPIEGEL 49/2007
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Amerikanische Schüler, die ihr Taschengeld aufbessern wollen, müssen nicht unbedingt bei McDonald's jobben oder Zeitungen austragen. Für sie reichte es im vergangenen Jahr, einfach das zu tun, was weltweit 400 000 Schüler aus 57 Ländern taten: einen Stift in die Hand zu nehmen und ein paar Aufgaben zu lösen - Testaufgaben für den internationalen Pisa-Vergleich der Schulen.

Bis zu 50 Dollar bekamen junge Amerikaner, wenn sie länger in der Schule blieben, um die Fragebögen auszufüllen. Immerhin 15 Dollar erhielten diejenigen, die sich während der normalen Unterrichtszeit mit den Aufgaben plagten. So steht es in einem internen Papier des Pisa-Konsortiums Deutschland, das noch mehr zweifelhafte Extras auflistet: In den Niederlanden bekamen die Schüler Zehn-Euro-Gutscheine fürs Mitmachen, in Großbritannien Geld, wenn bestimmte Teilnehmerquoten erreicht wurden, in Slowenien einen Tag schulfrei. Derlei Gaben sollten offenbar auch lustlose Testkandidaten beflügeln, sich mit Elan an die Arbeit zu machen.

Die Forscher des Pisa-Konsortiums, verantwortlich für den Ablauf der Tests in Deutschland, finden solche Motivationshilfen nicht sehr witzig. Sie argwöhnen, andere Länder würden ihre Ergebnisse womöglich schönen, indem sie mit Geschenken ein wenig schummeln - auch wenn die Extras diesmal offenbar nicht viel geholfen haben.

In ihrer Wertung bleiben die Experten unter Führung des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften an der Universität Kiel vorsichtig, sprechen von »möglichen Schwierigkeiten« und »Befürchtungen«, doch die Botschaft ist klar: Es gebe »Bedenken hinsichtlich der gewissenhaften Einhaltung der Pisa-Standards«. Im Klartext: Wo Geld an Schüler fließt, könnten Ergebnisse verzerrt werden.

Wenn Testkandidaten besonders eifrig mitmachen, nutzt das ihren Ländern gleich doppelt: Zum einen erreichen die Staaten leichter die nötige Mindestquote beim Rücklauf der Fragebögen. Pisa-Ergebnisse aus Großbritannien wurden 2003 nicht gewertet, weil weniger als 85 Prozent der Fragebögen zurückkamen - das hat sich inzwischen geändert. Zum anderen liefern motivierte Schüler womöglich bessere Testergebnisse, was für das Image ihres Landes gut ist: »Denkbar ist, dass eine Verschiebung von der durchschnittlichen Leistung« zur »Bestleistung erfolgt«, heißt es in dem Papier mit dem sperrigen Titel »Bewertende Stellungnahme zu den Maßnahmen zur Steigerung der Rücklaufquoten«.

Und so wird einiges getan, um Schüler und Kollegien in Teststimmung zu bringen. 2006 verteilten die Australier »Pisa-Promotion-DVDs« und »Snacks«. In Slowenien kassierten Lehrer, die die Tests leiteten, Sonderprämien. Die meisten Hilfen seien vielleicht »eher unbedenklich«, fanden die Deutschen. Aber eben nicht alle.

Zwar ging Bares für Schulen und Testleiter in ihren Augen noch als »unproblematisch« durch. Doch »kritischer« sei jede Form von Bezahlung für die Testteilnahme: »Sie könnte gegebenenfalls die Repräsentativität der Stichprobe verzerren.« Denn Schüler, die aufgrund »materieller Anreize« mitmachten, könnten »in ihren Eigenschaften als Testteilnehmer systematisch abweichen« von denen anderer, die nichts bekämen.

Die deutschen Pisa-Verantwortlichen mahnen an, künftig überall unter gleichen Bedingungen zu testen. Dies sei wichtig für »Vergleichbarkeit und Glaubwürdigkeit« der Studie.

Sich selbst finden die Deutschen da vorbildhaft: Zwar gab es auch hier ein Souvenir für die Kandidaten. Doch handelte es sich nur um Stifte mit dem Aufdruck »Pisa«. Das gilt als unbedenklich.

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