Rudolf Augstein und ich haben seit den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts manche Briefe gewechselt; über mancherlei Themen und Streitfragen - sie machen einen umfänglichen Aktenordner aus. Jetzt fand ich den Brief wieder, in dem ich ihm vor vier Jahren, zum 75. Geburtstag, meinen großen Respekt gegenüber seiner Lebensleistung bezeugt habe. Diesen Satz möchte ich heute gern dick unterstreichen.
Augstein war ein Selfmademan, als Journalist, als Teamchef, auch als Verleger. Zwar hatte er zu Beginn Henry Luce und dessen »Time Magazine« vor Augen; aber Augsteins SPIEGEL wurde schnell zu einem vollkommen eigenständigen Medium. Er hat den SPIEGEL einmal ein »Sturmgeschütz der Demokratie« genannt, tatsächlich war er selbst aber das Sturmgeschütz. Ohne ihn wären vielerlei üble Affären wie Betrug am Bundestag und an der öffentlichen Meinung unentdeckt und ungeahndet geblieben. Gewiss haben die SPIEGEL-Leute auch Lust am Enthüllungsjournalismus gehabt, jedoch hat sich Augsteins Nachrichtenmagazin im Ergebnis ein ganz großes Verdienst an der zweiten deutschen Demokratie erworben.
Allein die Existenz des SPIEGEL und seine Potenz zum Eingreifen, Untersuchen, Aufdecken und Kommentieren haben manch einen zur Einhaltung der Spielregeln und Gesetze
genötigt, der ansonsten dazu geneigt hätte, über die Stränge zu schlagen. Ohne kritische und ohne oppositionelle Medien bleibt die Demokratie nicht lebensfähig. Die tatsächliche Meinungsfreiheit in unserem Land verdankt ihre heutige Vitalität, das ist meine feste Überzeugung, zu einem unverzichtbaren Anteil dem Mut und dem Vorbild Rudolf Augsteins.
Dabei wurden die fälschlich so genannte SPIEGEL-Affäre (eigentlich war es eine Strauß-Affäre) zu Beginn der sechziger Jahre und der schließlich vollständige Sieg Augsteins und seiner mit ihm angeschuldigten Kollegen die entscheidende Etappe in der Abwehr der Tendenz zur Wiedererrichtung einer obrigkeitlichen justiziellen Einschüchterungspolitik gegenüber kritischen Medien. Gleichwohl ist, wie Conny Ahlers einmal gesagt hat, bei Rudolf Augstein ein generelles Misstrauen gegenüber einer politischen Justiz nachgeblieben, so übrigens auch bei mir; und ich meine nicht nur die so genannten politischen Prozesse vor Strafgerichten, sondern auch das Verfassungsgericht, welches allzu oft die gebotene richterliche Zurückhaltung vermissen lässt.
Natürlich hat Augsteins Ablehnung des Kanzlers Adenauer viele Leute geärgert, ebenso seine positive Begleitung von Brandts Ostpolitik oder seine negative Kritik an dem von mir herbeigeführten Nato-Doppelbeschluss; natürlich hat das bisweilen zynische Vergnügen der SPIEGEL-Journalisten an der Schmähung anderer die jeweils Betroffenen geärgert - und tatsächlich haben Augstein und der SPIEGEL insgesamt nur außerordentlich selten auch einmal einen Menschen gelobt, der eine andere Meinung vertrat. Aber entscheidend ist, dass sie ihr Grundrecht wahrgenommen und ausgeschöpft haben. Niemand war gezwungen, Augsteins oft sehr prononciert vorgetragene Meinungen zu teilen. Im Übrigen ist Häme auch innerhalb der politischen Klasse oder Schmähung auch zwischen Verbands- und Gewerkschaftsvorsitzenden gang und gäbe, in keineswegs geringerem Maße. Man muss dergleichen gelassen ertragen.
Rudolf Augsteins Tod ist schwer zu ertragen. Im Laufe weniger Jahre sind drei große Hamburger Journalisten von uns gegangen, zuerst Henri Nannen, dann Marion Dönhoff und heute Rudolf Augstein. Keiner von ihnen war in Hamburg geboren und aufgewachsen, aber sie alle haben sich in der liberalen Stadt wohl gefühlt - »woanders hätten wir gar nicht hingekonnt«, so hat Augstein gesagt, als man ihn zum Ehrenbürger ernannte. Hamburg ist durch den Heimgang dieser drei herausragenden Schreiber ärmer geworden. Aber schwerer wiegt: Die Gesellschaft, die Politik, die Publizistik unserer ganzen Republik haben einen Verlust erlitten. Wer wird eines Tages das Verlorene ersetzen?
Jedem alten Menschen, der davongeht, folgt alsbald ein jüngerer. Das wird auch im Falle des am Ende seines Lebens nahezu erblindeten Rudolf Augstein so sein. Aber in das Bewusstsein unserer Dankbarkeit für Augsteins Leistung und für seinen Dienst am öffentlichen Wohl mischt sich schon die Frage: Werden wir im neuen Jahrhundert Journalisten von gleicher Schärfe des Blickes, von gleichem Verantwortungsbewusstsein für die res publica, von gleicher Leidenschaft und von ähnlicher Fähigkeit zur Präzision haben?
Sozialdemokrat Helmut Schmidt, 83, war von 1974 bis 1982 Bundeskanzler und ist seit 1983 Mitherausgeber der »Zeit«.
* Mit Redakteuren Wolfgang Kaden und Erich Böhme.