Geld oder Leben
Tabitha Walrond aus der Bronx war 19 Jahre alt und hatte keine Erfahrung mit Kindern, als ihr Sohn Tyler auf die Welt kam. Doch dass der Neugeborene trotz Stillens nicht an Gewicht zunahm, beunruhigte sie. Zweimal trug sie ihn zum Arzt, zweimal wurde sie abgewiesen: Der Versicherungsnachweis für den Kleinen sei noch nicht angekommen, sagte man der Sozialhilfeempfängerin.
Zwei Monate später verhungerte der Säugling, keine fünf Pfund schwer, im Taxi auf dem Weg zur Notaufnahme. Eine frühere Brustverkleinerung seiner Mutter hatte das Stillen beeinträchtigt. Sie wurde im Mai wegen fahrlässiger Tötung verurteilt.
Matthew Cerniglia aus Sterling in Virginia war zwölf Jahre alt, als ein aggressiver Krebs festgestellt wurde. Die Standardbehandlung dafür ist eine elfmonatige Chemotherapie. Doch die Nebenwirkungen würden den geschwächten Jungen umbringen, sagten die Ärzte. Seine einzige Überlebenschance: eine kurze hoch dosierte Chemotherapie und eine Stammzellen-Transplantation.
Diese teure Behandlung sei in seinem Gesundheitsplan allerdings nicht vorgesehen, teilte Matthews Krankenversicherer HealthKeepers mit. Präsidentin Ellen Harrison schrieb: Es handele sich um »eine reine Vertragsangelegenheit«.
Uniklinik Las Vegas, vier Uhr nachts. Eine Frau wird mit Magenbluten eingeliefert. Sie ist krankenversichert. Dennoch weigert sich der herbeigerufene Spezialist, ohne das Okay der Kasse zu operieren. Über eine Stunde lang versucht er, die Versicherung zu bewegen. Der Frau wird inzwischen die vierte Blutinfusion verpasst. Als ihr Zustand sich lebensgefährlich verschlechtert, droht der Arzt, die Presse zu verständigen. Die Kasse gibt nach.
Horrorgeschichten von abgewimmelten Kranken und verweigerten Medikamenten sind in den USA Alltagsgespräch. Nur die Tabakindustrie wird derzeit ähnlich verteufelt wie die Phalanx der Krankenkassen. Das System der »managed care«, das in den vergangenen zehn Jahren die traditionelle Krankenversicherung weitgehend verdrängt hat, steht unter dringendem Verdacht, sich mehr für Profite zu interessieren als für Patienten.
Während die Kunden immer mehr Eigenanteil für immer weniger Leistung bezahlen müssen, treiben die Macher der großen börsennotierten Health Maintenance Organizations (HMOs) mit brutalen Einsparungen und Beitragserhöhungen den Kurs ihrer Unternehmen nach oben. 1996 verdiente die oberste Garde der Kassenmanager durchschnittlich zehn Millionen Dollar Jahresgehalt.
Mittlerweile sind die Privatkassen so teuer, dass viele sich diesen Luxus nicht mehr leisten können. 1998 mussten 44,3 Millionen Amerikaner ganz auf Krankenversorgung verzichten, eine Million mehr als 1997. Im Land der Hightech-Industrie sind 16,3 Prozent der Bevölkerung unversichert.
Dabei waren die ersten HMOs in den sechziger Jahren angetreten mit dem hehren Ziel einer besseren, billigeren Medizin für alle. Kleine Gruppen schlossen sich damals zu gemeinnützigen Organisationen zusammen, denen Patienten beitreten konnten. Die Mitglieder bezahlen einen Jahresbeitrag. Die Health Maintenance Organizations ihrerseits stellt Ärzte gegen ein Festgehalt an.
Anders als bei herkömmlichen Kassen schränken HMOs die freie Wahl von Ärzten, Medikamenten und Dienstleistungen ein. Der Weg zum teuren Facharzt führt nur über einen Allgemeinarzt. Das senkt unnötige Kosten und ermöglicht auch Ärmeren, die sich bislang keine Versicherung leisten konnten, einen Schutz.
Der Durchbruch für dieses Modell kam Ende der achtziger Jahre. Diejenigen Unternehmen, die in den USA die Krankenversicherung für ihre Angestellten bereitstellen, flohen vor den hohen Kosten der Hightech-Medizin zu den günstigen Health Maintenance Organizations.
Der plötzliche Ansturm rief die großen Versicherungsgesellschaften auf den Plan. Aus den Non-Profit-Organisationen wurden in Windeseile profitorientierte Unternehmensgiganten, die sich mehr ihren Investoren verpflichtet fühlen als ihren Patienten.
Knapp sieben Jahre nachdem Hillary Clintons Vorstoß für eine gesetzliche Krankenversicherung für alle scheiterte, ist weniger als die Hälfte der 180 Millionen Privatkassen-Kunden zufrieden mit der jetzigen Lösung. Eine staatliche Grundversorgung existiert nur für die 39 Millionen Menschen über 65 (Medicare) und die knapp 36 Millionen Sozialschwachen (Medicaid).
Die im Grunde positive Kostendämpfung der Kassen nahm mit zunehmender Konkurrenz groteske Züge an. Teure Patienten werden möglichst abgeschoben, nur ein gesunder Kunde ist ein guter Kunde. Das Verweigern von Leistungen wurde zum beliebtesten Sparinstrument. Hospitalaufenthalte verkürzten sich dramatisch, manche HMOs schicken niedergekommene Frauen bereits nach acht Stunden wieder nach Hause. Ärzte erhalten Prämien, wenn sie Patienten nicht behandeln. Auf keinen Fall sollen sie ihren Patienten von kostspieligen Therapien erzählen.
Viele Patienten misstrauen bereits ihren zwangsverordneten Ärzten und weichen auf Mischmodelle aus, die die HMO-Versorgung etwa mit freier Arztwahl koppeln - natürlich gegen kräftige Zuzahlung.
Dabei sind die Ärzte den HMOs ähnlich ausgeliefert wie die Patienten. Verschreibt ein Arzt zu viel teure Medizin, wird er zur Rede gestellt. Fällt er als Wiederholungstäter auf, ist sein Job gefährdet.
Geradezu gespenstisch aber mutet an, wie die HMOs die Medikamentenkosten dämpfen. Sie beauftragen Kontrollfirmen, so genannte Pharmacy Benefit Management Companies (PBM). Diese Agenturen sammeln, über die computerisierten Mitgliederkarten, Daten über deren Medikamentenkonsum. Wer per Karte seine Arznei abholt, muss weniger Eigenanteil zahlen - nicht ahnend, dass die Rezeptdaten von der PBM gespeichert werden. Fortan kann die Firma kontrollieren, beobachten und eingreifen. Ein Agent besucht dann den überraschten Arzt, um mit ihm die Behandlung eines Patienten zu diskutieren oder ein neues Medikament vorzuschlagen.
So sinnvoll das sein kann im Einzelfall, als Nebenwirkung bleibt das Orwellsche Gefühl der totalen Überwachung. Zumal die intimen Daten auch den Arbeitgebern zugänglich gemacht werden. Mehrere Mitarbeiter, so wurde etwa der Geschäftsführung von Motorola gemeldet, nehmen regelmäßig Antidepressiva ein. Die HMO empfehle ein spezielles Pflichtprogramm für die Betroffenen.
Die Geschäftsführung von Motorola wollte die Namen der Betroffenen nicht wissen. Im Prinzip jedoch sind die so erlangten Personendaten dem Arbeitgeber frei zugänglich.
Die Sparmethoden der Kassen ließ vor drei Wochen das US-Repräsentantenhaus reagieren. Mehrere republikanische Abgeordnete stimmten mit den Demokraten für ein neues Patientenrecht. Darin wird Notwehr festgeschrieben: Patienten dürfen in Zukunft ihre HMO verklagen, wenn diese ihnen notwendige Leistungen vorenthält.
Denn obgleich die Vereinigten Staaten das medizinisch fortgeschrittenste Land der Welt sind, liegt die Gesundheit von US-Bürgern durchschnittlich unterhalb des Levels anderer Industriestaaten. Nur Amerikaner, die sich die teure Vollversicherung leisten können, genießen die beste Krankenversorgung der Welt.
In diesem Jahr rechnen US-Unternehmen mit einer Kostensteigerung für ihre Krankenversicherung von neun Prozent, nach einer über sechsprozentigen Erhöhung im vergangenen Jahr. Die Patienten sind auf »ihre« Kasse allesamt nicht gut zu sprechen.
Als Helen Hunt im Oscar-gekrönten Film: »Besser geht's nicht« ihre HMO als profitgierige Organisation beschimpfte, gab es in den Kinos des Landes stehende Ovationen. MICHAELA SCHIEßL