Geld und Dank - DER SPIEGEL
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BIAFRA / CHARTERFLÜGE Geld und Dank

• aus DER SPIEGEL 33/1968
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In New Yorks Broadway-Restaurant »Lindy's« backte Henry Arthur Warton einst Käsekuchen für Prominente, in Miami Beach bei »Wolfie's« dänische Pasteten.

Heute backt »Hank« Warton, 51, keine Kuchen mehr, seine Geschäfte sind lukrativer geworden. Warton ("Ich mache alles, solange ich mit dem Herzen dabei bin") verdient am nigerianischen Bürgerkrieg: Seit einem Jahr fliegt er Nachschub für Biafra, Nigerias abtrünnige Ostregion.

Von Lissabon aus starten betagte Super Constellations seiner »North American Aircraft Trading Corporation« (Sitz: Miami) zum 17-Stunden-Flug ins eingekesselte Biafra. An Bord der Ex"Lufthansa«-Maschinen: Munition für Biafras Soldaten, Medikamente und Lebensmittel für Biafras hungernde Bevölkerung, mitunter auch Söldner, Bischöfe, Minister und Journalisten.

Wartons Preis pro Flug mit zehn Tonnen Waffen: 25 000 Dollar.

»Wenn er nicht schon Millionär ist, wird er es sein, noch bevor dieser Krieg vorüber ist«, sagt einer der Warton-Navigatoren. Der Luft-Reeder selbst behauptet, Biafra-Chef Ojukwu schulde ihm eine Million Dollar.

Zum Fliegen kam Warton im Zweiten Weltkrieg. 1937 war der deutschstämmige Heinrich Wartski nach Amerika gekommen und hatte sich freiwillig zur Marineinfanterie gemeldet. Als Flieger der US-Elitetruppe half er, Guadalcanal zu erobern.

Nach Kriegsende und kurzer Kuchenbäcker-Karriere ging Warton wieder in die Luft. 1948 bekam er die Berufsflieger-Lizenz, seither flog er immer und alles:

Waffen und Juden in den jungen Staat Israel, Moslem-Pilger ins heilige Mekka, Tee und Früchte für Nehrus »Air India«, Uno-Truppen und Nachschub in den Kongo, die internationale Ausgabe der »New York Times« von Paris nach Frankfurt, das US-Army-Blatt »The Stars and Stripes« von Frankfurt nach Paris, Luftfracht für Deutschlands »Lufthansa« und italienische Blumen nach Nürnberg.

Er flog und flog -- und flog auch wieder »raus. Denn: »Hank hatte brillante Ideen, aber er führte sie nicht immer aus«, meint Zoltan Havas, der Warton 1963 das »New York Times« -- Geschäft verschaffte. »Wir mußten ihn entlassen.«

Dem Entlassenen kam die Idee, für Nigerias Ibos eine Waffen-Luftbrücke einzurichten.

Als mohammedanische Haussa-Soldaten im Juli 1966 Nigerias Ibo-Staatschef Ironsi ermordeten und überall im Lande die Ibos jagten, begann Nigerias Ibo-Ostregion (Gouverneur: Oberstleutnant Ojukwu), mit Waffenkäufen den Krieg vorzubereiten. Warton transportierte die Konterbande. Sein erster Flug endete anders als geplant: Statt im ostnigerianischen Port Harcourt ging Wartons DC-4 samt sieben Tonnen Gewehren und Munition im Herbst 1966 in Nordkamerun zu Boden. Bruch-Pilot Warton kam ins Gefängnis (SPIEGEL 48/1966).

Nach -ein paar Monaten entfloh er aus Kameruns Verlies (wie später auch aus Gefängnissen in Liberia und Malta); Wartons Fluchthelferin: die deutsche Ex-Stewardeß Gitta ("Siggi") Harder.

Siggi hilft Warton auch heute weiter. In Lissabons feinem Hotel »Tivoli«, Wartons derzeitigem Standquartier, amtiert sie als seine Privatsekretärin.

Vom »Tivoli«-Zimmer 228 aus dirigiert Hank Warton seine Biafra-Flieger obwohl das US-Außenministerium, erschreckt über Wartons unorthodoxes Treiben, seinen Paß längst für ungültig erklärte, obwohl Nigerias Bundesregierung sich seinen findigen Kopf angeblich 150 000 Dollar kosten lassen will -- oder 100 000 Dollar für jedes nach Lagos entführte Warton-Flugzeug.

Die Offerte aus Lagos verlockte noch keinen Warton-Piloten zum Nigeria-Abstecher. Doch der Flugunternehmer verlor auch so bereits vier seiner ursprünglich sieben Biafra-Frachter: Zwei stürzten ab, einen holten Nigerias Flak oder Düsenjäger beim Anflug auf das Rebellen-Land vom Himmel, der vierte steht ungenutzt auf der Mittelmeer-Insel Malta -- beschlagnahmt.

Mit der Rest-Flotte fliegt Warton weiter, denn: »Die Biafraner haben ein Lebensrecht wie jeder andere auch. Natürlich fliege ich Kanonen und Butter -- sie brauchen beides zum Überleben!«

Sie bekommen beides, Hank Warton bekommt Geld, Lob und Dank: Kirchenführer in Rom und Genf preisen ihn und sein »humanitäres Unternehmen«; dem Genfer Weltkirchenrat gilt er als »einziger Kanal« für Hilfssendungen nach Biafra.

Jüngst drohte ihm Konkurrenz. Andere Luft-Piraten, wie er am Hilfsflug-Verdienst interessiert, drängen mit Macht ins Biafra-Geschäft.

Denn immer mehr wird für Biafra gespendet, immer größer wird der Frachtraum-Bedarf -- viel größer, als Warton ihn anbieten kann.

Schärfster Rivale des »Tivoli«-Residenten ist Lucien Pickett: wie Warton amerikanischer Weltkrieg-II-Veteran, wie Warton einst im Mekkapilger- und Kongo-Luftbrückengeschäft tätig, wie Warton Herr einer in Miami registrierten Charterflug-Gesellschaft -- der »US Airways, Inc.« (US-Air).

Mit Dänemarks und Norwegens Kirchen-Nothilfe schloß Pickett einen Chartervertrag. Für 10 000 Dollar -- billiger als Warton -- flog eine Pickett-Maschine zehneinhalb Tonnen Grönland-Stockfisch von Madrid nach Spaniens Inselbesitzung Fernando Poo, der kurze Weiterflug nach Biafra sollte extra berechnet werden.

Doch dazu kam es nicht: Biafra ließ Picketts Maschine -- angeblich auf Betreiben des Konkurrenten Warton -- nicht einfliegen, und letzte Woche kündigte Nothilfe-Mann Axel Duch auf Fernando Poo den Chartervertrag.

Den Skandinaviern paßte auch Picketts Mann in Madrid nicht: US-Air-Vizepräsldent und Chef des Afrika-Geschäfts ist Otto Skorzeny.

Vom einstigen SS-Helden und Mussolini-Befreier aber wollen die Skandinavier keine Hilfe beim Helfen. Nothilfe-Generalsekretär Pastor Viggo Mollerup: »Wir können den Zweck nicht die Mittel heiligen lassen!«

Skorzeny zum SPIEGEL: »Ich habe in Madrid nur dabei geholfen, Zollschwierigkeiten für den Stockfisch-Flug auszuräumen.«

Die wurden ausgeräumt -- aber der Stockfisch kam bis heute nicht nach Biafra, wo täglich Tausende verhungern. Er lagert -- zusammen mit vielen hundert Tonnen anderer Hilfsgüter -- in den Rotkreuz-Silos auf Fernando Poo.

* Vor einem seiner Luftfrachter in Lissabon.

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