BAUERN Geld verdient
Konstantin Freiherr von Heereman, der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, sprach von »Fortschritten wie seit langem nicht«. Doch so gut kann es Bauern gar nicht gehen, daß ihre Anführer nichts zu klagen hätten.
Bei einer Einkommenssteigerung um 15 Prozent, die Baden-Württembergs Bauern letztes Jahr erreichten, »haben wir«, so ihr Verbandspräsident Carl Dobler. »weniger Grund zur Zufriedenheit« -- schließlich gab es für die Kollegen im Norden kräftigere Einkommensschübe.
Und Heeremans Generalsekretär Rudolf Schnieders jammerte vergangenen Monat in der Stuttgarter Kongreßhalle, der deutsche Landmann verdiene »gerade ein Viertel dessen, was ein durchschnittlicher Facharbeiter« habe. Für die »Vereinigten Landwaren-Kaufleute« in Bonn errechnete der Spitzenfunktionär zur Erheiterung der Statistiker in Josef Ertls Landwirtschaftsministerium, daß ein Bauer »lediglich 12 000 Mark pro Jahr für wöchentlich 50 bis 60 Stunden harte, intensive Arbeit erhält«.
Das Lamento der Bauernverbändler kommt nicht von ungefähr. Mitte Februar legt Ertl seinen optimistischen »Agrarbericht 1977« vor; gleichzeitig gilt es, einen Angriff des Finanzministers Hans Apel auf die Steuerprivilegien der Landwirte zu konterkarieren.
Während der Bauernverband für das Wirtschaftsjahr 1975/76 einen Einkommenszuwachs von 14,9 Prozent ausrechnete, ermittelt der Agrarbericht der Bundesregierung nun bei den Vollerwerbslandwirten eine Steigerung der Reineinkommen je Familien-Arbeitskraft um 20,1 Prozent.
Seit 1968/69 wuchs das Einkommen der Landwirte alljährlich im Schnitt um 11,2 Prozent. Wenn trotzdem von Jahr zu Jahr die Zahl der Betriebe abnimmt, so liegt dies nicht, wie die Bauernführer gern behaupten, an den miserablen Verdienstmöglichkeiten in der Landwirtschaft. Schlecht sind nur die Einkommen der Kleinbauern, von denen auch im letzten Jahr wieder viele aufgegeben haben. Bei den größeren Höfen -- ab 25 Hektar -- registriert der Agrarbericht eine leichte Zunahme, dort wird Geld verdient.
Mit einem durchschnittlichen Reineinkommen von 25 488 Mark je Familien-Arbeitskraft scheinen die Einkünfte der Bauern allerdings nicht gerade üppig, zumal in dieser statistischen Meßziffer das Entgelt für die geleistete Arbeit, die Verzinsung des eingesetzten Kapitals und die Entlohnung der unternehmerischen Tätigkeit enthalten ist. Doch die Rechnung ist verzerrt, weil zur Ermittlung der Durchschnittswerte kümmerliche Klitschen und propere Höfe statistisch vermengt werden.
Auf eine genauere Aufschlüsselung haben Ertls Statistiker verzichtet; in dem gesamten Agrarbericht ist nur ein einziges Beispiel versteckt -- in dem Satz: »Mit durchschnittlich 47 747 Mark Reineinkommen je FAK erzielten die größeren Vollerwerbsbetriebe (über 50 000 StBE) erneut die weitaus höchsten Einkommen gegenüber nur 15 022 Mark in der unteren Größenklasse bis 20 000 StBE."*
Zu deutsch: Auf einem 38-Hektar-Hof verdient jedes mitarbeitende Familienmitglied knapp 4000 Mark monatlich, in einem 15-Hektar-Betrieb nur 1250 Mark.
Gefördert wurde die günstige Einkommensentwicklung der Landwirte nicht zuletzt dank großzügiger Steuergesetze. Die Einkommen der Bauern sind nahezu steuerfrei. Anders als etwa Lebensmittelhändlern oder Taxifahrern mag der Fiskus den meisten Bauern nicht zumuten, in einem Buch links die Einnahmen und rechts die Ausgaben zu vermerken. Nur fünf Prozent der Landwirte, Großagrarier wie Präsident Heereman, betreiben Buchführung fürs Finanzamt.
Ohnehin von Gewerbesteuer befreit und bei anderen Abgaben begünstigt. zahlen die Bauern auch kaum Einkommensteuer. Das Finanzamt ermittelt
* FAK Familien-Arbeitskraft: StBE Standard-Betriebseinkommen (1300 Mark je Hektar).
vielmehr den Gewinn nach Durchschnittssätzen, die so bemessen sind, daß auch Großverdiener weitgehend ungeschoren davonkommen. So zahlen zwei von drei Bauern überhaupt keine Steuern, und selbst wohlhabende Agrarier mit Höfen von 30 Hektar und mehr müssen nur ein Viertel ihres Einkommens versteuern.
Diese »staatlich legitimierte Steuerhinterziehung«, so Finanz-Staatssekretär Rainer Offergeld. will Finanzminister Apel nun abbauen. Der Nährstand und seine Lobby reagierten prompt.
Vergangene Woche verwahrte sich Bauernführer Heereman »energisch« dagegen, daß die Milliardenlöcher in den öffentlichen Haushalten »mit Bauerngeld gestopft werden«, und will nur über »gewisse Korrekturen« mit sich reden lassen; der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, Paul Röhner, Direktor des Bayerischen Bauernverbands, behauptet gar: »Von einer besonderen Privilegierung der Landwirtschaft -- das weiß die Bundesregierung und ihr Finanzminister genau -- durch die Einkommensteuerpauschalierung kann nicht geredet werden.«
Bauernminister Ertl, der kürzlich einen 20-Hektar-Hof im Oberbayrischen kaufte, möchte nicht, daß Kollege Apel etwas überstürzt: Ei-st einmal soll eine Kommission den Sachverhalt prüfen.
Ertls Parlamentarischer Staatssekretär Georg Gallus, Nebenerwerbslandwirt (25 Hektar) im württembergischen Hattenhofen« beruhigte die aufgebrachte Zunft: Die Kommission werde frühestens 1978 zu einem Ergebnis kommen.