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BERLIN Geld verschimmelt

Für seinen Wahlkampfschlager, ein neues S-Bahn-System, braucht West-Berlins Regierungschef Vogel einen potenten Geldgeber. Ein in Vergessenheit geratenes Vermögen könnte helfen.
• aus DER SPIEGEL 16/1981
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Berlins neuer Regierungschef setzt auf die alte S-Bahn. Seit seinem Amtsantritt liegt dem Sozialdemokraten Hans-Jochen Vogel das klapprige Transportmittel, 100 Jahre alt und einst schneller als die Stadtzüge in London und New York, am Herzen.

In seiner Regierungserklärung forderte er die »Integration in ein Schienenschnellverkehrssystem«, vor zwei Monaten übernahm er in einer eigens gegründeten Senatskommission, die nun Denkmodelle der S-Bahn-Modernisierung ventiliert, selber den Vorsitz. Und jetzt, im Wahlkampf für die Abstimmung am 10. Mai (Abgeordnetenhaus), kündet ein Plakat: »Die S-Bahn soll in das Nahverkehrskonzept der Stadt einbezogen werden.«

Das ist ein Novum. Denn früher und auch noch zu Zeiten von Vogel-Vorgänger Stobbe zeigte der West-Berliner Senat stets Desinteresse an der von der DDR-eigenen Deutschen Reichsbahn betriebenen Stadtbahn -- jenem Relikt aus der Viermächtezeit, dessen eben noch fahrtüchtige Elektrozüge zwischen West und Ost dahinholpern. 1976 offerierte die DDR das altersschwache West-Netz mit 77 Bahnhöfen und 145 Kilometer Strecke dem West-Berliner Senat zur Pacht -- wieder kein Interesse, und vor allem auch kein Geld.

Mittlerweile aber knüpfen sich an die alte Stadtbahn Hoffnungen auf die Lösung drängender Berliner Verkehrsprobleme: Von vier Satelliten-Vierteln haben drei weder S- noch U-Bahn-Verbindung. Und seit die Reichsbahn nach einem Streik im vergangenen Herbst den Schnellbahnbetrieb auf vier von sieben West-Berliner Strecken einstellte, brauchen die Berliner mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Wannsee nach Tegel heute zwei Stunden -- mit der S-Bahn waren es 50 Minuten.

Immer drängender fordern deshalb Bürgerinitiativen, Nahverkehrsexperten und Politiker, die Routen wieder zu öffnen, Wagen und Schienennetz zu erneuern und das Ganze an die U-Bahn zu koppeln -- kurz: ein neues Verkehrssystem in West-Berliner Regie.

Das freilich ließe sich nur mit Zuschüssen aus Bonn verwirklichen. Und so trat am Donnerstag vergangener Woche Berlins Regierungschef vor den Bundestag und erbat »Mittel für die Modernisierung der S-Bahn« -- ein »Gebot der verkehrspolitischen und finanziellen Vernunft«.

Daß die Millionen für den rot-gelben Rüttelexpreß auch anderswoher kommen könnten, teilten schon anderntags und in Berlin die Freien Demokraten mit. Im Schöneberger Rathaus verkündete der Rechtsanwalt und FDP-Landesvorständler Harald Loch ein verblüffendes Finanzierungsmodell: Die Erneuerung der S-Bahn solle mit Mitteln der S-Bahn bezahlt werden.

Der Liberale war auf einen Schatz gestoßen, der seit Jahrzehnten wohlgehütet und in Vergessenheit geraten ist: die Mittel der »Verwaltung des ehemaligen Reichsbahnvermögens (Vorratsvermögen) in West-Berlin« (VdeR), eines 1953 von den West-Alliierten eingerichteten und dem Berliner Finanzsenator zugeordneten Amtes, das die »nicht eisenbahnbetrieblichen Zwecken dienenden Objekte« (Paragraph 3 des Bundesbahngesetzes) der alten Reichsbahn verwaltet.

Auf 470 Hektar rechts und links der Gleise herrscht dieses Amt über alles, was nicht zum Zugverkehr gebraucht wird. Es vermietet rund 3000 Wohnungen und verpachtet Schuppen, Speicher und Lagerhallen an Kohlen- und Kartoffelhändler, Speditionen und Baustoffgrossisten. Kioske, Zeitungs- und Blumenläden, Buchhandlungen und Kleingärten bringen zusätzliche Einnahmen.

Welche Summen die VdeR jährlich einnimmt und welche Schätze sie schon angehäuft hat, lag bislang im dunkeln. Denn die Vermögensverwalter, vor 28 Jahren zur Zwangsbewirtschaftung eingesetzt, um den Abtransport von West-Berliner Reichsbahneigentum in den Osten der Stadt zu verhindern, umgeben sich mit Geheimnistuerei. Es sei, teilte der stellvertretende Amtschef Gerhard Austermann über die Vermögenslage mit, »nicht sinnvoll, das zu publizieren«.

So verschwiegen gibt sich ein Amt, das nach Schätzungen der Berliner FDP milliardenschwer ist. Allein der Grund und Boden, auf dem die VdeR-Objekte stehen, repräsentiert Hunderte Millionen Mark; Wohnungen, Lagerhallen und andere Gebäude sind nach Inventarrechnungen der DDR-Reichsbahn Milliarden wert.

Mindestens 48 Millionen Mark hat das Amt in Wertpapieren angelegt -- und wahrscheinlich noch viel mehr in Immobilien. Denn während das bei der DDR liegende Betriebsrecht horrende Verluste einbringt, seit West-Berliner nach dem Mauerbau die Bahn boykottierten ("Der S-Bahn-Fahrer bezahlt den Stacheldraht"), ist das VdeR-Geschäft hoch profitabel. Pro Jahr ziehen die Grundstücksverwalter aus Vermietungen und Verpachtungen erhebliche Gewinne, 1979 beispielsweise 16 Millionen Mark. Für das vergangene Jahr wurde ein Überschuß in Höhe von 18 Millionen erwartet.

Eigentümer des Vermögens ist noch immer das faktisch aufgelöste, juristisch aber noch existente Deutsche Reich, für das die VdeR am Halleschen Ufer in Kreuzberg Stellung hält. Darüber verfügt werden könnte sofort, es müßten nur die Alliierten gefragt werden -- ein Gedanke, auf den fast 30 Jahre lang offenbar kein Berliner Politiker gekommen ist.

Analog zum Verfahren in der Bundesrepublik wäre denkbar, das alte Reichsbahn-Eigentum der Bundesbahn oder einem anderen Verkehrsträger zu überlassen. Wenigstens die Überschüsse sollten, wie Freidemokrat Loch empfahl, ins neue Nahverkehrssystem investiert werden. Loch: »Das Geld verschimmelt doch sonst nur.«

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