ENGLAND / SCHIFFBAU Geleerte Docks
Nach langem Zögern erst erteilte der
Interessenverband der englischen Werfteigner, die »Schiffbau-Konferenz«, das Plazet zu der Veröffentlichung eines Berichts, der ihr vom Minister für Technologie und Naturwissenschaften übermittelt worden war. Die Vorsicht hatte gute Gründe: In der Studie wird festgestellt, daß Englands Werften international nicht mehr konkurrenzfähig sind.
Das Department for Scientific and Industrial Research (DSIR), ein von der Regierung beaufsichtigtes Institut, hat in monatelanger Fleißarbeit herausgefunden, woran das liegt. Der Studie zufolge wurde in Großbritanniens Schiffbau-Industrie während der vergangenen zehn Jahre
- zuwenig Geld für die Verbesserung der technischen Ausrüstung ausgegeben,
- die Arbeit an der Entwicklung von
Schiffsmotoren vernachlässigt,
- wurden Rationalisierungsmaßnahmen versäumt und
- veraltete Arbeitsmethoden angewendet.
Seit langem können deshalb andere Werften in Europa und Japan mit vorteilhafteren Kostenvoranschlägen aufwarten als die britische Konkurrenz. Schiffbau-Angebote von skandinavischen und deutschen Werften liegen im Preis bis zu 30 Prozent unter denen britischer Werften. Überdies vergrämen die Engländer ihre Kunden mit ausgedehnten Lieferzeiten. Schiffstypen, die in Japan durchweg nach acht Monaten von Stapel laufen konnten, waren in England 19 Monate in Bau.
Immer mehr Kunden vergeben ihre Schiffbau-Aufträge an das Ausland. Selbst britische Reeder bestellten 1959 insgesamt 449 000 Bruttoregistertonnen bei ausländischen Schiffbauern, während Englands Werften Auslands-Aufträge über nur 115 000 Tonnen ergattern konnten. Am Weltschiffbau -Export ist der stolze Anteil Albions dadurch von 49 Prozent im Jahre 1951 auf klägliche drei Prozent geschrumpft.
Auch nach der absoluten Produktionshöhe gerechnet, die für die Weltschiffbau-Rangordnung maßgebend ist, büßten die Engländer ihre Spitzenstellung ein.
Es waren die Japaner, die sie von ihrem Thron stießen. Mit 1 715 000 Bruttoregistertonnen Schiffsraum ließen sie rund 400 000 Tonnen mehr von Stapel als England mit 1 366 000 Tonnen.
Auch die Bundesrepublik kam mit 1 202 100 Tonnen den Briten gefährlich nahe (siehe Graphik).
Während Japan seinen Anteil am Weltschiffbau zwischen 1950 und 1959 von zehn auf fast zwanzig Prozent verbesserte, die Bundesrepublik mit knapp vierzehn Prozen dicht an den deutschen Vorkriegsstand von sechzehn Prozent herankam und Schweden ein Quantum von zehn Prozent behaupten konnte, fiel Großbritannien in dieser Zeitspanne auf 15,7 Prozent zurück. 25 Prozent aller Dock's auf der britischen Insel stehen leer.
Die Wissenschaftler des DSIR berichten, ihrer Ansicht dach seien Unternehmer und Arbeiter gleichermaßen daran schuld, weil sie es an Anstrengung und Initiative fehlen ließen. Die von Englands Schiffbauern oft zitierte Behauptung, ausländische Konkurrenten genössen unmäßige Steuervorteile oder Subsidien, lehnt der Bericht als Ausrede ab. Den Arbeitnehmern bescheinigen die Kritiker, daß es in kaum einer anderen Industrie so viele Gewerkschaftsvorschriften gibt, die das Arbeitstempo künstlich behindern, um möglichst viele Arbeitsplätze zu sichern. Sie erinnern ebenso an die Unsitte, lange Teepausen zu veranstalten, wie an die »idiotischen Streiks« ("Daily Mirror") wie jenen im vergangenen Jahr, der elf große Werften 58 Tage stillegte. In diesem Fall stritten zwei Gewerkschaften miteinander über die Frage, wessen Mitglieder weiße Kreidelinien auf das zu verarbeitende Metall zeichnen dürften.
Der Manchester »Guardian« lamentierte über die Ergebnisse der Untersuchung: »Es wird in absehbarer Zeit schwere Arbeitslosigkeit auf den englischen Werften geben, wenn sich nicht Arbeitgeber und Gewerkschaften aus ihrer bequemen Überzeugung, rütteln lassen, die übrige Welt werde tatenlos zusehen, wie sie fortfahren, Schiffe in ihrer eigenen Weise und nach ihrem eigenen Tempo zu bauen.«
Auch die »Times« nahm den Report zum Anlaß, Ihrer Majestät Schiffbauer zur Umkehr auf dem Pfad der Hochnäsigkeit zu mahnen. Sie schrieb mit wehmütigem Nationalstolz: »England hat die Welt viel, wenn nicht alles über den Bau von Schiffen und ihren Motoren gelehrt. Es ist verständlich, daß Betriebsleitungen und Belegschaft die Einsicht schwerfällt, daß die Schüler nun etwas zu lehren haben.«
»Zum Teil aus Prestigegründen, aber auch aus Gründen der Beschäftigungslage«, so kündete Englands Verkehrsminister Ernest Marples an, gedenke die Regierung der Cunard-Reederei 18 Millionen Pfund, etwa 210 Millionen Mark, zu leihen. Mit diesem Geld wird ein neuer Ozeanriese gebaut werden, der die allmählich veraltete »Queen Mary« (81 000 BRT) ersetzen und das Renommee der seefahrenden Nation wieder aufbessern soll.
Werften-Förderer Marples
Lernen von den Schülern