Geliebter Leonid - DER SPIEGEL
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SOWJET-UNION Geliebter Leonid

Kreml-Chef Leonid Breschnew ist bereit zu Verhandlungen mit dem Westen und auch zu »brüderlicher Hilfe« für Polen.
• aus DER SPIEGEL 10/1981
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Sogar die Ehrengäste unterlagen der Zensur. Was die Genossen von der italienischen KP auf dem 26. Parteitag der KPdSU zu Afghanistan vortragen wollten, strichen ihnen die Gastgeber aus dem Text, und so trugen die Besucher dann gar nichts vor.

Von ausländischen Kommunisten verbat Leonid Breschnew sich »kategorisch« Kritik, vor allem solche, die »sozialistische Realitäten verfälscht und damit, gewollt oder ungewollt, der Propaganda der Imperialisten, unserer Klassenfeinde, in die Hände spielt«.

Doch der Inkarnation des Klassenfeindes, Ronald Reagan, nahm der Sowjetchef die präsidialen Einführungsworte von den Moskauer »Lügnern und Betrügern« offenbar so wenig übel, daß er dem US-Präsidenten ohne große Umstände vorschlug, man sollte sich doch demnächst zusammensetzen.

So wirkte Moskaus Verhandlungsbereitschaft für viele Kommentatoren wie ein erster Erfolg Reagans, noch ehe dessen Politik in Fahrt gekommen ist. Doch hätte Breschnew den Reagan-Mannen mit den gleichen Tönen heimgezahlt, mit denen die angetreten waren, wäre es für Reagan nur noch leichter gewesen, seine Hochrüstungspolitik daheim und bei den zögernden Europäern zu verkaufen -- eine Politik, die Moskau fürchtet, weil es dabei nichts gewinnen kann.

Breschnews Anregung zu einer Konferenz der Staatschefs aller im Uno-Sicherheitsrat vertretenen Länder ist wohl von vornherein zum Scheitern verurteilt: Was soll schon herauskommen bei einem Treffen, an dem Breschnew und der Chinese Hua teilnehmen?

Auch Breschnews »Moratorium«-Vorschlag (siehe Seite 19) war nicht originell: Ein Einfrieren der beiderseitigen Raketen-Rüstung in Europa hatte Moskau schon 1979 vorgeschlagen, als rund 50 SS-20-Raketen weniger auf Westeuropa zielten als heute.

Als Bonn öffentlich anmerkte, daß die neuen Moskauer Vorschläge einen Rückschritt gegenüber 1979 bedeuteten, reagierten die Russen böse.

Eine solche Haltung, so Tass, sei zumindest »befremdlich«. Das Einfrieren betreffe nicht nur die quantitativen, sondern auch qualitativen Aspekte aller Mittelsreckenwaffen in Europa -- was immer dies heißen mag.

Wadim Sagladin, 53, Erster stellvertretender Leiter der Internationalen Abteilung des Zentralkomitees, erläuterte zusätzlich, der Moratoriums-Vorschlag schließe auch eine mögliche Reduzierung dieser Waffen ein. Die sowjetischen Vorschläge seien nicht Ergebnis des harten Kurses der Reagan-Administration, sondern lediglich die logische Fortsetzung der sowjetischen Friedenspolitik seit einem Jahrzehnt.

Das DDR-Organ »Neues Deutschland« machte trotzdem einen »historischen Wendepunkt« aus, der »den Weg zum Weltfrieden ebnet«. »Alle Probleme, die wie ein Damoklesschwert über der Menschheit hängen«, könnten nun gelöst werden, folgte man nur Breschnews Plänen.

Auch die block- und hausinternen Probleme der UdSSR? Der sowjetische Parteichef erinnerte Warschau sehr nachdrücklich daran, daß die UdSSR und ihre Verbündeten stets bereit stünden, Polen jede brüderliche Hilfe zu leisten, falls die Grundpfeiler der sozialistischen Ordnung sackten.

Polens Kania hingegen dankte den Russen steinernen Gesichts ausdrücklich für ihr Vertrauen, »daß unsere Partei und Volk die polnischen Probleme selbständig lösen« könnten -- ein Vertrauen, das so kein verantwortlicher Russe je ausgesprochen hat. Und daß in Polen der Sozialismus nach wie vor gefährdet sei, das fanden auch Genossen aus weiter Ferne, die diesmal (1976: Polens Gierek) als erste Ausländer auftreten durften: Fidel Castro aus Kuba und Le Duan aus Vietnam.

Die später aufgerufenen Chefkommunisten aus Europa widmeten sich, wie Erich Honecker oder Todor Schiwkoff, dem Mann, dem noch am dritten Tag der Parteischau nachträglich ehrenhalber die »Delegiertenkarte Nummer eins« verliehen wurde; Leonid Breschnew, dem zwar die Live-Übertragung seiner Rede schon nach sieben Minuten abgeschaltet wurde, der aber Huldigungen erfährt wie vor ihm in der Geschichte der sowjetischen Kommunisten nur Josef Stalin.

Der »herausragende Führer unserer Zeit«, der »unermüdliche Kämpfer für den Frieden auf unserem Planeten«, der »titanische Arbeiter« und »wahre Leninist«, »bewundert von allen Revolutionären auf der ganzen Erde« -- so einige Lobpreisungen, die der 74jährige mit unbewegter Miene bis zu 13mal pro Redner über sich ergehen ließ (Rekordhalter war wie schon beim letzten Parteitag der aserbeidschanische Parteichef, S.126 der frühere Polizist Gejdar Alijew).

Doch der »geliebte Leonid Iljitsch« schiebt zwischen einem heftig applaudierten Zahlenrausch an Erfolgsstatistiken auch plötzlich einmal ein, daß es »noch immer Schwierigkeiten in der Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln gibt«, daß »Jahr um Jahr die Pläne für die Herstellung vieler Konsumgüter unerfüllt bleiben, vor allem bei Textilien, Strickwaren, Lederschuhen, Möbeln und Fernsehgeräten«.

Beifall auch, wenn der Chef den Finger wirklich an die Wunde legt: »Was wir hier diskutieren -- Lebensmittel, andere Konsumgüter und Dienstleistungen --, dies sind die Probleme des Alltags von Abermillionen Menschen. Tag für Tag gehen die Leute in Geschäfte, Kantinen, Wäschereien und Reinigungen. Was können sie kaufen? Wie werden sie behandelt, wie spricht man zu ihnen? Wieviel Zeit brauchen sie dafür? Nach der Effektivität, mit der diese Probleme gelöst werden, beurteilen die Bürger unsere Arbeit -- daran müssen wir uns stets erinnern, Genossen.«

Goldene Worte über den tristen Sowjet-Alltag, den der Generalsekretär seit Jahren treffend beschreibt, ohne daß sich bisher etwas zum Besseren gewendet hätte. Diesmal griff Breschnew zu einem durchgreifenden Wandel: Er empfahl dringend eine Revision des vor zwei Jahrzehnten beschlossenen Parteiprogramms, das den Sowjetbürgern genau für 1981 den bei weitem höchsten Lebensstandard der Welt weissagte, ein wahres Paradies mit minimaler Arbeit und Überfluß an allem.

Schwärmer schwelgen freilich weiter in Elogen. Gus Hall, Führer des Fähnleins der US-Kommunisten, sah die Welt von Moskau aus seitenverkehrt:

»Der Sozialismus gibt den Menschen Optimismus, das Gefühl des Mitredens an den Geschicken des Landes, Vertrauen in das Morgen. Der Kapitalismus verdammt die Menschen zur Verzweiflung, reißt eine tiefe Kluft zwischen Traum und wirklichem Leben auf, sperrt sie von aktiver Mitgestaltung ihres Lebens aus.«

Wer im Sozialismus das Leben, mindestens das Parteifest, mitgestaltet, wurde vorigen Montag in Moskau vorgeführt -- zum selben Zeitpunkt, da in Madrid Uniformierte ins Parlament eindrangen:

In jenen großen Kremlsaal, in dem Leonid Breschnew kurz zuvor so eindringlich den Frieden beschworen hatte, marschierten als geladene Ehrengäste zu den martialischen Klängen eines Siegesmarsches in zackigem Stechschritt Züge aller Waffengattungen der Streitkräfte durch die Gänge zwischen den Sitzreihen der Delegierten ein.

Fahnen flatterten voran. Genosse Generalmajor Kusmin erklärte den Delegierten im meist blauen Zivil die Lage: »Die Kräfte der Unterdrückung, des Materialismus und der Aggression schüren das Wettrüsten und stacheln zur Subversion gegen sozialistische Staaten an. Aber unsere Feinde sollen wissen, daß unsere Streitkräfte bestens gerüstet und bereit sind, jeglichem Aggressor eine vernichtende Abfuhr zu erteilen.«

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