Gerhard Schröder,
49, niedersächsischer Ministerpräsident, erhielt von seinem Freund und Berater Oskar Negt ein mehrdeutiges Geschenk. Der hannoversche Soziologieprofessor bedachte »den Landesfürsten« mit einer Reclam-Ausgabe von Machiavellis Traktat »Der Fürst«, in dem der florentinische Staatstheoretiker Rücksichtslosigkeit und Gewalt als möglicherweise notwendig für die Errichtung der bestmöglichen politischen Ordnung rechtfertigt. In einer handgeschriebenen Widmung empfiehlt Negt den Machiavelli als Lektüre zwischen den Terminen »zur Ermahnung": Schröder möge »mit den Kriterien des Machterwerbs und -erhaltes sorgsam umgehen«. Seitdem rätseln Schröder-Vertraute, ob der machtbewußte Regierungschef eher zur Abschreckung oder etwa zur eigenen Vervollkommnung in dem schmalen Büchlein liest, das seitdem ständig in Reichweite auf seinem Schreibtisch liegt.