WEIZSÄCKER Geringeres Risiko
Ernst Freiherr von Weizsäcker, Sohn des weiland Ministerpräsidenten von Württemberg, Marineoffizier und Diplomat, befürwortete zeit seines 68jährigen Lebens eine »konstitutionelle Monarchie« für Deutschland, wie er in seinen »Erinnerungen"*) bekennt. »Diktatoren verzichten erfahrungsgemäß auf nationale Ziele und optische Erfolge schwerer als Monarchen, die ihr Werk den legitimen Erben überlassen«, schreibt der ehemalige Flagg-Leutnant der Schlacht am Skagerrak, in dessen »Erziehung es freilich nicht gelegen hat, einen Menschen zu töten«, wie er selbst gesagt hat. (Siehe Auszug Kordt).
Der Staatssekretär im Auswärtigen Amt von 1938-1943 hat beim Genfer Völkerbund der Stresemann-Zeit an der Quelle studiert, daß es wenig zweckvoll ist, den Krieg deklamatorisch zu ächten, wenn man nicht geneigt ist, die Folgen von alten Kriegen und damit die Ursachen für neue Kriege zu beseitigen. An der Innenpolitik, wie er selbst schreibt, nicht sonderlich interessiert, versuchte Weizsäcker unter Hitler als prominenter deutscher Diplomat, den Frieden zu erhalten. ("Was konnte mir selbst dabei zustoßen? Doch nicht mehr, als im politischen Schützen-Graben zu fallen.") Seine Bestrebungen ermöglichten die Kapitulation von München, die rückschauend betrachtet ein Unglück war. Sie fanden ihr Ende am 1. September 1939. Am 2. September fiel Weizsäckers Sohn Heinrich als Leutnant in Polen.
Das wohlabgewogene und vornehme Buch enthält Werte und Wertungen, aber keine Neuigkeiten. Es wäre tödlich für Herrn von Ribbentrop, wenn er noch lebte, und wurde im Gefängnis geschrieben. Dazu Weizsäcker: »Wollte ich meine Erfahrungen mit der amerikanischen Anklagebehörde darstellen, dann käme ich in den Verdacht der Subjektivität. Ein Lob kann ich mir aber nicht versagen: das physische Risiko war bei ihr geringer als bei Hitler.«
*) Ernst Freiherr von Weizsäcker: »Erinnerungen«, Paul List-Verlag Garmisch, 391 Seiten, DM 11,80.