KRIEGSVERBRECHEN / DEFREGGER Geringeres Übel
Es müßte schon ein Wunder geschehen«, versicherte im vergangenen Juni der Münchner Oberstaatsanwalt Dr. Manfred Ludolph, »wenn Anklage gegen Weihbischof Defregger erhoben würde.«
Der Jurist behielt recht. Am Mittwoch vergangener Woche unterzeichnete er den Einstellungsbescheid im »Ermittlungsverfahren gegen Matthias Defregger ... wegen des Verdachts des Mordes (Kriegsverbrechen)«. Die »strafrechtliche Unschuld« des Beschuldigten sei erwiesen.
Tags darauf geschah doch ein Wunder: Weihbischof Defregger, 55, tat, was in der Geschichte der katholischen Kirche ohne Beispiel ist: Er trat von seinem Amt als Regionalbischof Süd der Erzdiözese München und Freising zurück. Er soll das Ordensreferat der Diözese übernehmen, »sobald seine Gesundheit, die leider empfindlich gelitten hat, dies zulassen wird« -- so Defregger-Chef Julius Kardinal Döpfner.
Freilich waren auch die Vorfälle, die Döpfners Mitbischof zum Rückzug aus der Öffentlichkeit bewogen, ohne Vergleich. Defregger hatte sich zum Bischof weihen lassen, obgleich er als Wehrmachts-Hauptmann im Zweiten Weltkrieg an einer Geiselerschießung in Italien beteiligt war. Und er hatte sich, als das Massaker im vergangenen Jahr bekannt wurde, zunächst versteckt und erst Wochen später in einem Fernseh-Interview gestellt.
Mit diesem Auftritt verprellte Defregger selbst Glaubensgenossen« die Ihm bis dahin wohlwollten. Er nörgelte, man habe Ihn »hochgehen lassen« und er müsse sich »fit« machen für »die nächsten Runden«. An dem Massaker von Filetto fühlte er sich »juristisch und vor allem moralisch unschuldig«, was freilich nichts daran ändere, daß er seither trotzdem eine »schwere Last« mit sich herumschleppe.
Derartige Widersprüche, vor allem aber »diese Mischung von Slang und Schwulst« (so der Literatur-Professor Walter Jens) und »diese Art Personalunion von Reserveoffizier und Bischof« (so der Literat Heinrich Böll) machten den geistlichen Würdenträger weithin suspekt.
Schnell mehrten sich die Stimmen aus der katholischen Kirche, die Defreggers Rücktritt forderten. Der Vatikan ließ es nicht an diskreten Hinweisen fehlen, daß Defreggers Demission nichts entgegenstehe.
Defregger zog sich zu innendienstlichen Beschäftigungen zurück, die er nur einmal im Spätsommer letzten Jahres unterbrach: Er predigte bei einem Trachtenfest im Chiemgau vom Teufel, »der auch heute genauso wie früher« umgehe. Döpfner, der anfänglich mit zwei Pro-Defregger-Erklärungen weit mehr Kritik als Beifall empfangen hatte, äußerte sich erst wieder, als ihm jetzt der 60 Seiten starke Einstellungsbescheid in Sachen Defregger auf den Tisch gelegt wurde.
In dieser Schrift hatte die Münchner Staatsanwaltschaft die Aussagen von rund 200 deutschen, italienischen und österreichischen Zeugen ausgewertet, die weithin bestätigten, was bereits vor einem Jahr über das Massaker im Abruzzendorf Filetto bekannt war.
Neu und bislang nicht bekannt war nur ein Zeuge namens Kotlarski« der zu Protokoll gab, was Defregger bei früheren Vernehmungen offenbar entfallen war. Zur Tatzeit hatte Kotlarski als Fernsprechunteroffizier trotz strengen Verbots ein Telephongespräch zwischen dem Hauptmann Defregger und dessen Divisionskommandeur belauscht, in dem der General drohte, er werde Defregger und notfalls noch zehn andere Offiziere an die Wand stellen lassen, falls dieser weiterhin den Befehl verweigere, alle Männer Filettos zwischen 16 und 60 Jahren zu erschießen.
Defregger zögerte die Erschießung hinaus, ließ einige Geiseln laufen und gab dann doch den Schießbefehl. Ausschlaggebend »für seinen Entschluß zur Befehlsausführung«, so Defregger in seiner Vernehmung, sei »letztlich der Umstand gewesen, daß er sein eigenes Leben und das seiner Offiziere nicht nutzlos opfern wollte«.
Die Staatsanwaltschaft hielt -- unabhängig von der Frage, ob die Geiselerschießung dem damals geltenden Völkerrecht entsprach -- die Unschuld des Beschuldigten In Jedem Fall durch zwei Schuldausschließungsgründe für erwiesen, weil er
* keine Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Exekutionsbefehls hatte oder haben konnte;
* unter Befehlsnotstand erst dann den Exekutionsbefehl ausgeführt hatte, nachdem ihm selber Erschießung angedroht worden war.
Kardinal Döpfner ließ es sich nicht nehmen, die ausführlichen Entschuldigungs-Argumente der Staatsanwaltschaft noch durch eigene Interpretationen in seiner »Ordinariats-Korrespondenz« ("ok") zu verklären.
Döpfner über den Hauptmann Defregger: » ... mußte Defregger einsehen, daß weiterer Widerstand die Erschießung nicht verhindern, sondern nur größeres Unheil zur Folge haben konnte. Er entschied sich für das, was ihm In dieser Situation als das geringere Übel erscheinen mußte und doch noch Hoffnung auf die Rettung weiterer Menschenleben ließ.«
Döpfner über den Rücktritt des Konfraters Defregger: » ... ist mir und wohl allen Gläubigen der Region Süd schmerzlich«.
Bischofskonferenz-Vorsitzender Döpfner hielt den Kreis der wegen Defreggers Abgang vermeintlich Betrübten aus Erfahrung so begrenzt. Denn von allen 22 katholischen Oberhirten der Bundesrepublik hat sich öffentlich bislang immer nur einer für Defreggers Bleiben eingesetzt -- Döpfner.
* Beim Trachtenfest 1969.