FESTE Germanen auf dem Horrortrip
Die Deutschen haben der Amerikanisierung des Alltags hier und da tapfer widerstanden. Trotzig in die Bratwurst gebissen, obwohl der Hamburger bereits importiert war. Die Kölsche »Lindenstraße« fürs Fernsehen erfunden und damit die Serien »Dallas« und »Denver« verdrängt. Allwinterlich die Echt-Tanne im Wald abgesäbelt und mühsam in den Ständer gewuchtet, obwohl praktisch veranlagte US-Bürger längst vorgemacht haben, dass es der wieder verwendbare Plastikweihnachtsbaum auch tut.
Doch man kommt nicht umhin: Es gibt auch Niederlagen. In diesen Tagen verwandeln sich unzählige Deutsche freiwillig und ungebeten in grottenhässliche Gespenster. Halloween, das amerikanische Spukfest, hat sich - scheinbar wie durch Geisterhand - in Deutschland ausgebreitet.
Bei Halloween handelt es sich um einen vorchristlichen keltischen Zauber: Druiden zelebrierten den Beginn des Winters. Die Iren brachten den Brauch nach Amerika. Der Geisterboom in Europa ist somit nichts anderes als eine Rückkehr zu den Wurzeln - »back to the roots«, wie es auf Neudeutsch so schön heißt.
Der Kürbis, das Markenzeichen von Halloween, war noch vor wenigen Jahren ein eher vergessenes Gemüse und höchstens als gruseliges Überbleibsel der deutschen Eintopfküche verschrien. Inzwischen grinst die ausgehöhlte Frucht mit geschnitzter Fratze von den Fensterbänken in der Hamburger Ise- wie auch in der Münchner Isabellastraße. Lauter Kochbücher (etwa: »Kürbisköpfe - Vom lustigen Gesicht zum leckeren Gericht«, Nicolai-Verlag) erklären, was mit dem Inhalt des orangenen Kopfes anzustellen ist: vom Kürbispie über den Kürbisbrei bis hin zum gebackenen Püree - die Nouvelle Cuisine auf dem Horrortrip.
In der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November sind außerdem allerorten feuchtfröhliche Geisterstunden angesagt. Tausende Halloween-Partys, private und kommerzielle, werden in Deutschland gefeiert. Hier ist das Fest eher eine Gaudi für Jugendliche, während in den USA vor allem die Kinder Schabernack treiben, von Tür zu Tür ziehen und ihre Nachbarn verschrecken.
Vor wenigen Jahren begannen private Fernsehsender, in der nebligen Jahreszeit amerikanische Filmschocker wie John Carpenters »Halloween« auszustrahlen. Zaghaft versuchten deutsche Marketing-Leute, auch hier zu Lande Schauerartikel zu lancieren, denn sie wussten um das einträgliche Grusel-Geschäft in den USA: Dort sind die Umsätze zum Geisterfest fast so hoch wie zur Weihnachtszeit und weit höher als zu Ostern. Der Versuch klappte: Schminke, nach deren Anwendung die Nutzer aussehen, als hätten sie sich nächtelang übergeben. Plastikkürbisse, die auf Knopfdruck hämisch »Happy Halloween« grölen. Lichterketten, an denen Fratzen baumeln - mit solcherlei Ramsch lässt sich Reibach machen.
Vergangenes Jahr bot die Kaufhauskette Karstadt zum ersten Mal das horrible Zeug feil, nach zwei Wochen war es in etlichen Filialen vergriffen, also schaufelt der Konzern in diesem Jahr ein Vielfaches in die Geschäfte. Das schwedische Bekleidungsunternehmen »H&M« zieht mit und hält T-Shirts mit Skelettaufdruck bereit, kombinierbar mit kürbisfarbenen Westen.
Vorbei die Zeit der Besinnlichkeit? So friedliche wie niedliche Lampionumzüge, ehrfürchtiges Totengedenken - alles verdrängt vom Kürbis-Spektakel?
Halloween sei eigentlich keine Konkurrenz für die traditionellen Feste im Herbst, sondern eher ein Ersatz für Karneval, vermuten Freizeitforscher. Gerade die 15- bis 25-Jährigen fänden die derbe Bierzeltseligkeit im Fasching spießig, hätten aber trotzdem Lust auf Maskerade. Da bedienten sie sich gern bei der kulturellen Leitmacht Amerika.
Halloween biete zudem die Möglichkeit, sich gegen die depressive Aura von traditionellen Gedenktagen wie dem Totensonntag oder dem Volkstrauertag mit der Flucht in die ironische Maskerade zu wehren, vermutet die Züricher Anglistin und Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen: »Die Amerikaner hatten immer schon ein spielerisches Verhältnis zu jenseitigen Welten.« Und die Deutschen spielen nun gerne mit.
Doch Volkskundler beruhigen Bedenkenträger, die befürchten, dass das Halloween-Getue reine Nachmacherei und damit Ausdruck endgültiger Amerikanisierung sei. Der Marburger Ethnologe Martin Scharfe weist darauf hin, dass Feste und Rituale schon immer von einer Kultur in die andere wanderten, und jede Kultur, die sich partymäßig bediente, habe über kurz oder lang etwas Eigenes daraus gemacht. Selbst die christlichen Feste Ostern und Weihnachten sind durch fremde Riten beeinflusst: Christen haben das Datum ihres Weihnachtsfestes auf den Tag verlegt, an dem die Römer »Sol invictus«, die unbesiegte Sonne, feierten. Ostern ist eine christliche Umdeutung des jüdischen Passahfestes.
Auch die Kirche, Voll-Profi in Ritualbelangen, hat inzwischen erkannt, dass Brauchtum und Gottes Segen mit der Zeit gehen müssen. Beim Erntedankfest vor vier Wochen standen in einer Hamburger Kirche neben Ähren und Äpfeln auch Prosecco-Flaschen vor dem Altar. Prost, Herr Pfarrer, wann kommen Sie im Halloween-Kostüm? SUSANNE BEYER