FREIZEIT Germans to the front
Halten Sie Ihr Rückgrat gerade und Ihren Kopf aufrecht ... übertreiben Sie die Armbewegung nicht ... lassen Sie Hände, Hüften, Knie und Knöchel entspannt ... machen Sie sich keine Gedanken über die Schrittlänge. Tun Sie einfach, was bequem ist.«
So erklärte das amerikanische Verbraucher-Magazin »Consumer Guide« seiner Millionen-Leserschaft die Grundregeln der ursprünglichsten Fortbewegung der Welt -- Gehen.
Amerikaner pflegen diese Tätigkeit, wie alle Menschen, im Alter zwischen zehn Monaten und zwei Jahren zu lernen. Doch die Fähigkeit kann verkümmern, Nachhilfeunterricht im Laufen kann nötig werden. Denn in Amerika kommen auf 230 Millionen Einwohner über 150 Millionen Autos, holt der Schulbus die Kinder vor der Haustür ab, fahren die Eltern sie stets im Auto zum Schwimmbad, kommunizieren die Menschen im Büro per Gegensprechanlage, mähen sie zu Hause den Rasen mit dem Kleintraktor.
Zu Fuß geht nichts und niemand in Amerika, und das hat sichtbare Folgen: Die Gesäße werden breiter, das Fleisch, besonders von den Kniekehlen aufwärts, wird wabbelig.
Allein 70 Meilen Fußweg pro Person gehen jährlich verloren, so haben Findige errechnet, weil die Amerikaner in allen Räumen Telephonanschlüsse haben.
Die Technik bremst die Eigenbewegung und hat den Amerikaner in einen Sitzriesen verwandelt. Und doch ist seine Abneigung gegen das Gehen älter als Autos und Computer, Telephon und Television: Anders als das alte Europa kennt die Neue Welt nicht das Spazierengehen als kulturelle Verrichtung.
Dafür gibt es in Amerika nicht einmal ein passendes Wort. »to stroll«, was dem Begriff »spazierengehen« am nächsten kommt, hat den negativen Beiklang von »ziellos herumstreifen«.
Ein Amerikaner aber hat stets ein Ziel vor Augen. In seiner puritanisch geprägten Kultur ist Muße gleich Müßiggang, Zeitvertreib gleich Zeitverschwendung, und Geschwindigkeit war in den Staaten noch niemals Hexerei.
»Jedermann, der hundert Yards zurückzulegen hat, fährt oder reitet«, schrieb schon 1854 die britische US-Besucherin Isabella Lucy Bird. Der Einwanderer Albert Einstein galt auch deshalb als Kauz, weil er in der Universitätsstadt Princeton stets zu Fuß in sein Institut ging und Mitfahr-Angebote ablehnte: »Nein, ich muß laufen.«
Zu Fuß gehen aber bedeutet geradezu unamerikanisches Verhalten. »Pedestrian«, wörtlich »fußgängerisch«, wurde im amerikanischen Synonym für »lahmarschig« und »langweilig«. »Streetwalker« steht heutzutage für »Prostituierte«. Da findet man denn auch vielerorts, es sei völlig unnötig, Bürgersteige anzulegen.
Denn richtige Amerikaner fahren oder -- neuerdings -- joggen. Wer geht, enttarnt sich als Außenseiter. Spaziergänger im New Yorker Central Park oder am Potomac-Fluß in Washington sind meist Ausländer oder Neueinwanderer. Deren Kinder brechen spätestens in den Flegeljahren mit dem alten Brauch. Typische Erklärung: »Spazierengehen -- das ist doch sinnlos!«
Sie sehen Laufen, Gehen, Wandern als Qual an, der man sich höchstens unterzieht, wenn sie einen Zweck erfüllt: etwa, wenn man einen Rekord aufstellen will, wie jene Wandergruppe, die am 12. April in San Francisco aufbrach, um die Vereinigten Staaten von Küste zu Küste zu durchqueren.
Einen Sinn hat auch ein »walkathon": Schüler vereinbaren mit einem Gönner, daß der -- für die Krebshilfe zum Beispiel -- einen Dollar für jede Meile spendet, die der Jugendliche an einem »walkathon«-Sonntag zurücklegt. Nachmittags feiert die Familie den braven Jungen, der das Opfer auf sich genommen hat, zu gehen.
Aber Amerika wäre nicht Amerika, wenn nicht eine Minderheit die Lust am Gehen und Spazierengehen entdeckt hätte.
Von Kalifornien über Colorado bis Massachusetts machen sich Menschen auf die Socken. Oft mit Bayernhut, Stock und Rucksack -- so wie sich Amerikaner einen Spaziergänger vorstellen -- marschieren sie durch Parks und Vorstädte.
Gerüstet für ihr Hobby sind sie durch ein 300-Seiten-Buch, das landesweit verkauft wird: »The Complete Book of Walking«.
( Charles T. Kuntzleman: »The Complete ) ( Book of Walking«. Simon & Schuster, New ) ( York; 312 Seiten; 5,95 Dollar. )
Aus diesem »vollständigen Buch des Gehens« wissen die Spaziergänger, daß sie etwas für ihr Herz und ihren Kreislauf tun, daß man wandernd abspecken und entspannen kann.
Zur Erlangung der »total fitness, step-by-step«, die das Buch in seinem Untertitel verspricht, gehört freilich auch noch Ausgleichssport. Empfehlenswert sind Kopfrollen und Liegestütz, weil die oberen Körperpartien beim Gehen kaum beansprucht werden.
Für die Füße empfiehlt die Fußgänger-Bibel nicht weniger als 32 verschiedene Schuhmodelle, und sie bietet Lebenshilfe für das Verhalten in einer fußgängerfremden Umwelt. Für den S.159 Fall, daß Autofahrer anhalten und fragen: »Hatten Sie eine Panne, soll ich Sie mitnehmen?«, empfiehlt das Buch folgende Antworten:
* Mutige sollten bekennen, daß sie bewußt zu Fuß gehen.
* Schüchterne könnten sagen, daß sie nur noch eine kurze Strecke bis zu ihrem Ziel vor sich hätten.
* Man könne sich auch einen Hund anschaffen, denn daß der schon mal zu Fuß gehen müsse, wisse jeder Amerikaner.
* Schließlich könne, wer absolut nicht gesehen werden will, seine Runden in einer Tiefgarage drehen.
Gehen in geschlossenen Räumen, so das Buch, habe sogar Vorteile, denn dort gebe es keine Schlaglöcher, und die Gefahr, angefahren zu werden, sei geringer.
Doch ungleich stärker als die Zahl der Untergrund-Spaziergänger wächst die Meute jener amerikanischen Fußgänger, die das Licht nicht scheuen.
Sie haben sich in der »American Volkssport Association« organisiert. Ihr Mitteilungsblatt »The American Wanderer« erscheint ausgerechnet im Cowboy- und Ölstaat Texas -- vom Pferd übers Auto zurück auf die Füße.
Die Wanderer-Zeitung berichtet von »wonder walkers« wie dem siebenjährigen Christopher Upeslacis, der 1980 an 97 »Volkswalks« teilnahm, Volkswandertagen, die US-Soldaten bei ihrem Europa-Aufenthalt kennengelernt und nach Amerika importiert haben.
In diesem Jahr gibt es eine Rekordzahl von mehreren hundert Spaziergänger- und Wander-Veranstaltungen. Bonns Botschafter in den USA, Peter Hermes, wird oft dazu eingeladen. Beim »Volksmarsch« (deutsch geschrieben, mit »sch") in Fredericksburg in Virginia war er dabei. Die Wanderer wünschen sich »Germans to the front«.
»Alles soll stilecht europäisch sein. Wir lassen die Leute Kilometer gehen und nicht Meilen«, erklärt Chuck Burrows, 42, Vizepräsident des »Washington D.C. Volksmarch Club« (der sich freilich mit »ch« schreibt). Burrows ist als Armee-Angehöriger in Stuttgart begeisterter Spaziergänger und Wanderer geworden. Seine Jacke zieren Dutzende von Abzeichen von Wandertagen in Europa und Amerika.
Zur Veranstaltung seines Klubs im Mai in Washington kamen über tausend Menschen. Gegen eine Teilnahmegebühr von fünf Dollar konnten sie sich zwischen sieben Uhr morgens und fünf Uhr nachmittags auf einem 10- oder 20-Kilometer-Kurs durch die Stadt begeben. Wer die Stempel der Kontrollstellen vorwies, erhielt eine Plakette.
Bei der Entgegennahme der Abzeichen vor dem Start-und-Ziel-Zelt am Pentagon strahlten Familienväter und Rentner, Kinder und Übergewichtige.
Nur einige Ehrgeizige, die -- von amerikanischem Wettbewerbsgeist getrieben -- die Strecke im Dauerlauf bewältigt hatten, waren enttäuscht: Ob es nicht Extraplaketten für die Schnellsten gebe?
»Das Motto ''Jeder Teilnehmer ein Sieger'' ist nonsense«, murrte ein Mann mit Stirnband und Rennläuferdreß. In Amerika muß es auch Verlierer geben.
S.158Charles T. Kuntzleman: »The Complete Book of Walking«. Simon &Schuster, New York; 312 Seiten; 5,95 Dollar.*unten: Erfrischungsstand.*Oben: beim »Washington Volksmarch« im Mai 1981;*