BÜCHER Gern dreißig Frauen
Im Dezember 1764 sattelte, in »Beinkleidern aus Buckskin« und einen »Dreispitz mit massiver Goldtresse« unter dem Arm, der 24jährige schottische Landedelmann James Boswell ("Ich bin S.217 ein Prachtkerl") den Gaul, um sich und der Nachwelt ein Geschenk zu machen. Der berufsunwillige Jurist hatte sich in den Kopf gesetzt, den beiden verfeindeten Geistesheroen der europäischen Aufklärung auf den Zahn zu fühlen: dem bettelarmen Naturapostel Rousseau, 52, im heute eidgenössischen Motiers, und dem steinreichen Spötter Voltaire, 70, im französischen Ferney.
Ein Jahr zuvor hatte der als Salonlöwe beleumundete Prominentenjäger in London den Dichter und Lexikographen Doktor Samuel Johnson zum Freund gewonnen, über den er 1791 die vielleicht sinnenfroheste Biographie der englischen Literaturgeschichte zu Papier bringen sollte. Aber als Boswell in Motiers und Ferney die Klinken putzte, war er noch ein Nobody.
Das sensationelle Entree ins Haus des grantigen Misanthropen und einsamen »Zeilenschinders« Rousseau, der sogar seine fünf Kinder in ein Findelhaus abschob, hatte er sich mit einem ehrerbietigen Brief verschafft, den allerdings die nicht eben demütige Auskunft krönte: »Sie sehen in mir einen Mann von einzigartigem Verdienst. Sie werden froh sein, mich kennengelernt zu haben.«
Der Narziß lernte beide kennen. Den zahnlosen und langnasigen Schloßherrn Voltaire ("Candide") unter seiner Rokoko-Perücke und von dienstbaren Geistern hofiert; den seit zwanzig Jahren mit einer »Dienstmagd ohne jede Schulbildung« liierten Klausner Rousseau ("Emile"), der infolge eines Harnleidens ständig »wie auf Nadeln« sitzt, auch schon mal auf dem Nachttopf.
Die Gespräche, in denen der unverschämte Boswell den beiden Herren mitunter gehörig auf die Nerven fällt, drehen sich um Gott und die Welt. Dem »Beichtvater« Rousseau eröffnet der junge James, daß er nach orientalischem Brauch gern dreißig Frauen schwängern würde. Rousseau, der mit seiner Dienstmagd nicht mehr ins Bett schlurft, rät dringend ab. Der belesene Alte gibt auch auf Bücher nicht mehr viel und hat sein Herz an die Katzen verloren, »weil die Katze sich nicht versklaven läßt«.
Bei Voltaire bringt Boswell die Bewunderung seiner Landsleute für William Shakespeare vor. Der Meister kanzelt ihn ab: »Weil ihr keinen Geschmack habt.« Aber von den Launen seiner Gastgeber läßt sich der größenwahnsinnige Schotte keineswegs beirren. Im Hotelzimmer vertraut er die illustren Dialoge dem Tagebuch an. Eine Eintragung von Montag, dem 3. Dezember 1764, lautet: »Wenn Rousseau etwas besonders Treffendes sagte, drückte ich ihm die Hand oder klopfte ihm auf die Schulter.«