NIGERIA Geschäfte mit den Leichen
Vier Leichenschauhäuser suchte der Nigerianer Samuel Orgi ab, bevor sich seine schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten: In der Totenhalle des Krankenhauses von Lagos fand der 45jährige Kaufmann aus Ikeja, einem Stadtteil im Norden der westafrikanischen Metropole, den zerschundenen Körper seines 14-jährigen Neffen. Sunday hieß der, und an einem Sonntag war er auch gestorben.
Der Junge fiel einer Katastrophe zum Opfer, die mindestens 700 Menschen das Leben kostete: der Explosion eines Depots für Panzermunition mitten in einem geschäftigen Industrie- und Wohnviertel der Zwölf-Millionen-Stadt. Doch Orgis Neffe wurde nicht von einem jener Sprengsätze getroffen, die am vorvergangenen Sonntagabend Feuerwerkskörpern gleich über Ikeja und seinen Nachbarvierteln zerbarsten, brennend auf Wellblechdächer niederregneten, Kirchen, Fabriken und Wohnblocks zum Einsturz brachten und die Bevölkerung in Panik versetzten. Sunday ertrank.
Eine Woge angstvoller Menschen hatte ihn mitgerissen auf der Flucht vor Geschossen und der Feuersbrunst, die den Nachthimmel über Lagos fünf Stunden lang glutrot färbte. Wie ein Strohhalm auf stürmischer See wurde Sunday fortgetrieben. Weg von der Mutter, die seine vier jüngeren Geschwister mit aller Kraft an sich presste. Hinein in einen sumpfigen, von Wasserhyazinthen überwucherten Kanal, aus dem es kein Entrinnen gab.
Als sein Onkel ihn schließlich wiederfand, lag er mit geblähtem Bauch und zersplitterten Wangenknochen in der blutbesudelten Leichenhalle des Lagos State Hospital. Seit bei politischen Unruhen vor neun Jahren 118 Menschen binnen drei Tagen umkamen, hat das Krankenhaus nicht mehr derart viele Tote unterbringen müssen. Bis zu fünf Körper lagern übereinander, ihre Gliedmaßen in widernatürlichen Verrenkungen erstarrt. Aus den Mündern quillt gelblicher Schaum: Der Raum ist nicht gekühlt, Mittagstemperaturen von 35 Grad beschleunigen den Fäulnisprozess.
4500 Naira, umgerechnet rund 40 Dollar, mehr als einen Monatslohn, haben Angestellte der Leichenhalle Orgi für die würdelose Unterbringung seines Neffen abverlangt. »Diese Regierung mordet die eigene Bevölkerung - denn waren es nicht ihre Bomben, die da auf uns niederprasselten? Die Toten überlässt sie sich selbst. Und jetzt machen einige auch noch Geschäfte mit den Leichen«, sagt der Kaufmann aufgebracht.
Wie Orgi fühlt sich eine ganze Stadt von einer Regierung im Stich gelassen, die Demokratie und Bürgernähe versprach, als sie im Mai 1999, nach Jahrzehnten militärischer Gewaltherrschaft, ihr Amt antrat. Alle Vorwarnungen über den schlechten Zustand des Depots, über fehlende Feuerlöscher und Sprinkleranlagen sowie eine defekte Klimaanlage wurden ignoriert.
Dennoch war selbst Stunden nach dem Unglück kein Katastrophenschutz zur Stelle, um die Leichen zu bergen; Soldaten flohen, statt die Menschen aus der Gefahrenzone zu bringen; erst 24 Stunden nach dem Unglück meldete sich Staatspräsident Olusegun Obasanjo in einer Fernsehansprache zu Wort. Da trieben noch immer Leichen den Kanal hinunter.
75 leblose Körper habe er allein in der Unglücksnacht geborgen, sagt der Schreiner Layo Sunny, »alte und junge, kleine und große, Schwangere und Säuglinge, die noch auf den Rücken ihrer Mütter gebunden waren«. Ihre Habseligkeiten sind am Ufer zu kleinen Häufchen geschichtet: Gummilatschen und Halbschuhe, Kleidungsfetzen und Personalausweise liegen im Sand.
»Kaltschnäuzig«, empfindet denn auch der freiwillige Helfer Sunny, 45, habe die Regierung reagiert. Zwar soll jetzt eine Untersuchungskommission die Gründe für die Katastrophe klären, zwar wurde ein Hilfsfonds für die Hinterbliebenen und Obdachlosen eingerichtet. Und immerhin entschuldigte sich der Präsident für seine Abwesenheit am Unglückstag.
Doch die Tatsache, dass der mächtigste westafrikanische Staat sich nicht in der Lage zeigte, eine Katastrophe zu managen, die zudem noch zu verhindern gewesen wäre, hat ganz Lagos gegen Obasanjo aufgebracht. »Können wir einem Führer, der zu einer Zeit größten menschlichen Leids keinerlei Hoffnung spendet, noch Vertrauen schenken?«, fragte denn auch die angesehene Tageszeitung »This Day« Ende vergangener Woche. Wichtige Würdenträger hatten da bereits den Helfern am Kanal und den trauernden Angehörigen ihre Aufwartung gemacht: Der Gouverneur von Lagos war gekommen und der Verteidigungsminister, der Garnisonschef von Ikeja tat Abbitte im Namen der nigerianischen Armee und übernahm die Verantwortung für den Unglücksfall. Nur der Präsident blieb dem Ort der Verheerung fern.
Im nächsten Jahr wird er zu Neuwahlen antreten müssen. Aber in den Augen der Bevölkerung von Lagos hat er bereits jetzt als Staatsoberhaupt versagt.
BIRGIT SCHWARZ