SPIONAGE Gesetz der Wüste
Ehe das, was von ihm übrigblieb, nach England zurückkehrte, hatte der hochgewachsene, etwas gebückte Brite 32 Jahre in Moskau zugebracht, davon 20 in der Bibliothek des Instituts für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen.
Er las viel, schrieb wenig (über England) und sprach fließend Russisch ohne russischen Akzent. Sein Zimmer teilte er mit einem kleinen Amerikaner, der sich Stewart Smith nannte, einmal bei der US-Militärregierung in Deutschland gearbeitet hatte und dann - wie der Brite - nach Rußland übergetreten war.
Er selbst nannte sich Mark Petrowitsch Freiser. Vielleicht war das eine Erinnerung an einen Kollegen aus alten Zeiten, den Colonel W. Frazer, britischer Militärattache in Paris 1939. Aber von alten Zeiten redete Freiser nicht; anders als russische Instituts-Kollegen, die auch nach einem Dutzend Jahren Stalin-Lager ihre Erfahrungen austauschten, hatte er keine Vergangenheit.
Jeden Tag von früh bis spät saß er in seinem Büro; vertrat er sich auf dem Korridor die Füße, plauderte er nur über Allgemeinplätze. Eines Tages wurde im Sonderlesesaal des Instituts unter »Neuerscheinungen« ein Buch über die englischen Sowjetagenten Maclean und Burgess ausgestellt, mit ihrem Photo auf dem Schutzumschlag. Freiser sah das Buch und schaute dann wie unbeteiligt darüber hinweg. Er war Maclean.
Er war einmal Stalins wichtigster Mann im Westen gewesen. Einen Tag nach Stalins 30. Todestag, am 6. März, starb er, 69, an Krebs. In einem Nachruf der Regierungszeitung »Iswestija« erhielt er in russifizierter Form seinen wahren Namen zurück: »Donald Donaldowitsch Maklejn«, Mitglied der KPdSU, »ein Mensch hoher moralischer Qualität«, ein »feinfühliger und entgegenkommender Genosse«.
Seine Leiche wurde im Institut aufgebahrt, danach im Krematorium des Donskoi-Klosterfriedhofs eingeäschert, die Urne nach England geschickt und vorletzten Mittwoch im Familiengrab der Maclean-Sippe im Dorf Penn (Grafschaft Buckinghamshire) beigesetzt.
Nun war er wieder bei seinen Vätern. Die Macleans sind bestes britisches Establishment, der Verrat ihres Abkömmlings Donald hat Britanniens Weltgeltung wahrscheinlich mehr geschadet als jede außenpolitische Niederlage. Donalds Vater war Kabinettsminister, Donald selbst legte in Cambridge hervorragende Examina in Deutsch und Französisch ab, ehe er in den Auswärtigen Dienst eintrat.
So einer wurde keiner Sicherheitsüberprüfung unterworfen. Dabei hatte sich Jung-Donald eifrig an Friedens-Demonstrationen beteiligt und in einer Studentenzeitschrift die kapitalistische Gesellschaft, »das ganze hirnverbrannte kriminelle Chaos«, schlicht »zum Untergang verdammt«.
Mit seinen Kommilitonen Philby, Burgess und Blunt verband ihn 1933, er war 19 Jahre alt, ein linksradikales Weltbild, das er verbarg, als die vier durch die Institutionen marschierten: Kim Philby ging zum Geheimdienst und brachte es zum Chef der Gegenspionage, Burgess wurde wie Maclean Diplomat, Blunt - erst vor drei Jahren enttarnt - avancierte zum Kunst-Berater der Königin Elizabeth II.
Maclean kam 1939 an die Pariser Briten-Botschaft, 1944 an die Washingtoner und wurde Sekretär des angloamerikanischen Komitees für die Atomwaffenproduktion. Er bekam einen Dauerpaß, mit dem er die Zentrale der US-Atomenergiekommission in Los Alamos ohne Begleitung betreten konnte. Meist kam er nachts.
Als US-Präsident Truman in Potsdam seinem Alliierten Stalin den bevorstehenden Nuklearschlag gegen Japan eröffnete, war Stalin gar nicht überrascht - er wußte das schon, durch Maclean. Im Koreakrieg erfuhr Mao aus Moskau, welche strategischen Truppenbewegungen die Amerikaner planten. Moskau hatte seine Kenntnis von Maclean.
Schon 1946 gelang es US-Staatsschützern, den Funkverkehr der Washingtoner Sowjet-Botschaft zu dechiffrieren. Sie stellten fest, daß ein Sowjet-Agent (Deckname: »Homer") den geheimen Meinungsaustausch zwischen Roosevelt und Churchill kannte; er sitze in der britischen Botschaft. Ein Sowjet-Telegramm enthielt die Nachricht, »Homer« müsse nach New York reisen, weil seine Frau ein Kind erwarte. Unter den britischen Botschaftsräten sah nur Macleans amerikanische Ehefrau Melinda Mutterfreuden entgegen.
Die Amerikaner unterrichteten ihren englischen Abwehr-Kollegen - und das war Macleans Genosse Philby. So wurde Maclean erst fünf Jahre später, inzwischen Leiter der Amerika-Abteilung im Londoner Foreign Office, identifiziert - als erster jener »Maulwürfe«, die hernach dem Amtskollegen John le Carre S.144 den Stoff für ein halbes Dutzend Agenten-Thriller gaben.
Die anderen waren Kim Philby, Guy Burgess und Professor Anthony Blunt. Von Macleans Enttarnung konnte Philby 1951 Blunt informieren, der warnte Burgess, und Burgess flüchtete mit Maclean in die Sowjet-Union. US-Außenminister Dean Acheson zur Nachricht von Macleans Entkommen: »Mein Gott, der Mann wußte alles]« Die CIA erwog, Maclean aus Moskau zu entführen: Luftaufnahmen wurden geprüft, sein Haus ermittelt und ausgemessen.
In Moskau trank sich Burgess zu Tode, Maclean wurde zunächst unter dem Namen »S. Madsojewski« Redakteur an der Zeitschrift »Internationales Leben«, dem inoffiziellen Organ des sowjetischen Außenministeriums. Als auch Ehefrau Melinda samt drei Kindern in der Sowjet-Hauptstadt eintraf, bezog er eine Vierzimmerwohnung an der Moskwa, Taras-Schewtschenko-Boulevard, bekam dann am Weltwirtschaftsinstitut ein Spitzengehalt von 400 Rubel und nahm an der landeseigenen kostenlosen Dentalversorgung teil; er lief ohne Schneidezähne herum.
1963 traf auch Philby in Moskau ein und soll fortan den damaligen KGB-, heutigen Parteichef Andropow in westliche Denk- und Lebensweise eingeführt haben. »Der alte Betrüger«, so John le Carre über den ehemaligen englischen Geheimdienstchef, »eben glücklich im Lande seiner Träume angelangt, stiehlt das einzige, was noch zu stehlen ist: die Frau Donald Macleans. Das ist das Gesetz der Wüste, und die Wüste ist alles, was er hat.«
Der alleingelassene Maclean hörte regelmäßig auf einem alten Kurzwellenradio BBC, begrüßte den Prager Frühling 1968 und verurteilte die Afghanistan-Intervention 1979.
»Seine früheren Kollegen in England und Amerika bewegten sich in einer großen vibrierenden Welt«, urteilt sein russischer Institutskollege Michail Woslenski, der danach den entgegengesetzten Weg ging, nach Westen, »er aber saß unter falschem Namen in der Institutsbibliothek, vom KGB beaufsichtigt und mit 1200 Mark im Monat sowie dem Orden des Roten Banners und des Roten Arbeitsbanners honoriert. Das hieß: Lebenslänglich.«
Maclean mag sich selbst damit beruhigt haben, daß er auf seine Weise die Welt verändert hatte - daß sein Atomverrat das US-Monopol brechen und damit jenes friedensfördernde Gleichgewicht begründen half, das heute vom Präsidenten der USA wie von der Sowjet-Generalität wieder angefochten wird.
Sein ganzes Leben, rief ihm die »Iswestija« nach, diente er den hohen Idealen des sozialen Fortschritts und Humanismus, des Friedens und der internationalen Zusammenarbeit. Ihm scheint ein Denkmal in der UdSSR, wie es schon für S.145 den Stalin-Spion Richard Sorge in Baku steht, gewiß zu sein.
Bei der Beisetzung seiner Asche in der Maclean-Begräbnisstätte vor einem großen Keltenkreuz sprach nur Ortsvikar Oscar Muspratt ein paar Worte des Gedenkens. Im Flackerschein von Fackeln hatten sich drei Trauergäste eingefunden, Bruder Alan samt Frau und Macleans 1946 in New York geborener Sohn Fergus.