Geste für die Deutschen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 60 / 121

RUSSLAND Geste für die Deutschen

• aus DER SPIEGEL 28/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Duma in Moskau will Präsident Wladimir Putin auffordern, sich am 28. August für Gewaltmaßnahmen während der Stalin-Zeit bei den Russlanddeutschen zu entschuldigen. Anlass für die überfällige Geste ist der 60. Jahrestag der Deportation etwa einer Million Sowjetbürger deutscher Abstammung aus ihren traditionellen Siedlungsgebieten nach Sibirien und Kasachstan.

Die Russlanddeutschen, erinnert der Beschluss der Parlamentarier, sind »das einzige unterdrückte Volk Russlands, das bis jetzt politisch nicht rehabilitiert ist«. Mehr noch: Es ist die einzige nationale Minderheit, der die Wiederherstellung der Autonomie bis heute verweigert wird. Initiatorin des Beschlusses ist die kommunistische Abgeordnete Tamara Plitnjowa, selbst Russlanddeutsche. Der Parlamentariervorstoß aus der weitgehend auf Putin-Kurs getrimmten Duma findet das Wohlwollen der Kreml-Administration. Für Putins Deutschland-Besuch im September erscheint eine derartige Geste gegenüber den Nachfahren der deutschen Kolonisten hilfreich.

Angesichts des unerwartet schnellen Vormarsches der deutschen Wehrmacht hatte das Präsidium des Obersten Sowjet aus Angst vor Kollaborateuren am 28. August 1941 eine Zwangsumsiedlung der Sowjetdeutschen befohlen. Bei dem gewaltsamen Abtransport aus dem Wolgagebiet, der Krim und dem Kaukasus kamen schätzungsweise 300 000 Menschen um.

In der Nachkriegszeit setzte das sowjetische Regime die ethnische Diskrimierung fort. Deutschstämmige erhielten keinen Unterricht in ihrer Sprache und wurden am beruflichen Aufstieg gehindert. Von 1955 an verfügte die sowjetische Regierung eine schrittweise Teilrehabilitierung der Sowjetdeutschen, ohne sich je für das Unrecht zu entschuldigen. Die Nachkommen der Russlanddeutschen, die von der aus Deutschland stammenden Zarin Katharina II. 1763 ins Land gerufen worden waren, um sich »in unserer Einöde häuslich niederzulassen«, können kaum auf materielle Entschädigung hoffen. Dazu fehlen dem heutigen Russland sowohl die finanziellen Mittel als auch der politische Wille.

Zur Ausgabe
Artikel 60 / 121