GESTORBEN 2006 GESTORBEN JOACHIM FEST
JOACHIM FEST , 79. In Frankreich wäre einer wie er kaum aufgefallen. In Deutschland hingegen blieben Weg und Wirkung des konservativen Publizisten einzigartig: Als Chefredakteur des NDR, dann 20 Jahre lang als Feuilleton-Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bewies Fest immer wieder untrüglichen Sinn für Öffentlichkeit. So fertigte er Regie-Experimentierer 1971 im SPIEGEL mit der Schlagzeile »Wozu das Theater?« ab. Grobschlächtig aber wurde er nie. Seine millionenfach verbreitete Biografie »Hitler« (1973) ließ ihn in die vorderste Reihe deutscher Historiker aufrücken; Werke wie die Italien-Impressionen »Im Gegenlicht« (1988) zeigten, dass hinter seiner kühlen Grandezza wache ästhetische Einfühlungsgabe steckte. Den Freund kluger Bohemiens - etwa des genial-anarchischen Zeichners Horst Janssen - fesselte lebenslang die urdeutsche Dualität von Künstler und Bürger, die er bei Thomas Mann vorgeprägt fand, aber auch in Hitlers Architekt Albert Speer erkannte. Am Ende gelang dem Utopie-Skeptiker, der mitunter wie eine historische Figur wirkte, ein Abgang nach Maß: Er starb am 11. September unmittelbar nach Erscheinen seiner Jugend-Memoiren »Ich nicht«, die die Resistenz der preußisch-katholischen Familie Fest gegenüber der NS-Ideologie schildern.