DDR Gestrichenes D
Kurt Hager, DDR-Professor und Spitzengenosse der SED, hielt eine Rede an die deutsche Nation. Er beschwor das »Interesse des deutschen Volkes« an »schrittweiser Annäherung« der beiden deutschen Staaten, »ihrer schließlichen Zusammenarbeit in einer deutschen Konföderation und der späteren Wiedervereinigung«. Das war 1963.
Zehn Jahre später, Mitte letzten Monats, hörte sich Hager anders an. Auf einer »wissenschaftlichen Konferenz« ("125 Jahre Kommunistisches Manifest") des SED-Zentralkomitees schalt der Professor alles Sinnen auf Wiedervereinigung und Gesamtdeutsches als »neorevanchistische Konzeption«, und er verkündete vorerst »für allemal«, die DDR sei »nicht durch irgendwelche »nationalen« Elemente und Besonderheiten mit der BRD verknüpft«.
Der Bannspruch -- den in jüngster Zeit durchweg die gesamte DDR-Prominenz aufsagen mußte -- signalisiert das heiße Bemühen der Einheitspartei, endgültig einen Spuk zu exorzisieren, der unter Walter Ulbricht sein Wesen trieb und der in alten Genossen noch immer rumort: die Idee eines nationalen deutschen Kommunismus, der deutschen Nation überhaupt.
Ulbricht, derweil auf dem Altenteil, hatte lange dafür gehalten, daß »trotz vorübergehender Spaltung die Wiederherstellung der Einheit der Nation unvermeidlich« sei. Und das Bonner Beharren auf dem Recht der Alleinvertretung gab dieser Formel auch taktisch ihren Sinn.
Nun, nach Abschluß des Grundvertrages, da diplomatische Anerkennung und Aufnahme in die Vereinten Nationen auf Ost-Berlins Wunschliste abgehakt sind, möchten die Männer um Erich Honecker nur noch die Partei, aber keine Deutschen mehr kennen. »Die würden«, sagt ein nostalgisch gestimmter Funktionär, »am liebsten das erste »D« aus DDR wegstreichen.«
Den Staatsnamen haben die SED-Oberen noch nicht angerührt, und auch in der DDR-Verfassung ist noch immer vom »Sozialistischen Staat deutscher Nation« die Rede. Aber sonst strichen sie »deutsch«, wo immer es ging:
* Der »Deutschlandsender« nennt sich seit einer Weile »Stimme der DDR«,
* der »Verband Deutscher Journalisten« (VDJ) firmiert inzwischen als »VdJ« (Verband der Journalisten der DDR),
* die DDR-Hymne ("Deutschland, einig Vaterland") wird nur noch gespielt, nicht mehr gesungen, und
* das Leipziger »Jahresverzeichnis des deutschen Schrifttums« mutierte zum umständlichen Verzeichnis »der Verlagsschriften und einer Auswahl der außerhalb des Buchhandels erschienenen Veröffentlichungen der DDR, der BRD und West-Berlins sowie der deutschsprachigen Werke anderer Länder«.
Mit dem Abschied von Deutschland nahm die rote Republik zugleich Abstand von ihrem Gründer. Walter Ulbricht, 79, Chef des DDR-Staatsrates und 25 Jahre lang erster Mann im deutschen Osten, unterliegt erst jetzt jener Persönlichkeitsdemontage, der im Ost-
* Am 22. März 1973 bei Übergabe des Beglaubigungsschreibens.
block noch jeder gestürzte Held unterzogen wurde.
Aus den Arbeiten des SED-Ehrenvorsitzenden wird prinzipiell nicht mehr zitiert, sein schriftstellerisches Werk (Titel: »Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung") erscheint, obwohl angekündigt, nicht weiter, und die bislang publizierten 13 Bände verschwinden allmählich aus den Regalen der Volksbuchhandlungen.
Die Standard-Briefmarkenserie der DDR, seit 1961 vielfarbig mit Ulbrichts Kopf bedruckt, soll demnächst eingestellt werden. Als jüngst die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi ihrem DDR-Kollegen Willi Stoph zuprostete und vor allen anderen Walter Ulbricht, nicht aber Erich Honecker erwähnte, witzelten Genossen in Ost-Berlin: »Also da unten am Ganges, da kennt ihn noch jemand.«
Daheim darf er gerade noch Beglaubigungsschreiben neuernannter Botschafter einsammeln und hin und wieder Ehrungen verteilen: Vorzugsweise 100jährige DDR-Bürger, wie etwa Adolf Heilandt in Falkensee oder Olga Sadde in Potsdam, erfahren von ihm zum Jubeltag »beste Wünsche für Gesundheit und Wohlergehen« -- und damit, daß es ihn noch gibt.
Sonst wird das DDR-Volk allenfalls noch erinnert, wenn der Name Ulbricht dort getilgt wird, wo er jahrelang nicht wegzudenken war -- so beim Ost-Berliner »Walter-Ulbricht-Stadion«, das neuerdings als »Stadion der Weltjugend« Erwähnung findet, so bei der Potsdamer »Deutschen Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft »Walter Ulbricht"« die seit einigen Wochen nur noch eine »Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft der DDR« ist,
Allenthalben widerlegt scheint der reichsdeutsche Kommunist Ulbricht, für den es zuvor »zwischen den Krupps und den Krauses ... keine nationale Einheit« geben konnte, der aber 1946 mit dem Leitsatz angetreten war: »Ohne die Einheit Deutschlands kann unser Volk nicht leben«, denn »Sachsen kann nicht ohne das Ruhrgebiet existieren und Bayern nicht ohne die Provinz Sachsen«.
Die Bayern können es ganz gut und die Sachsen etwas schlechter. So soll nun kein Zweifel mehr sein, daß die DDR für alle Zeit eine selbständige politische Einheit ist, daß da endlich, wie der Propaganda-Professor Albert Norden sagt, »die sozialistische Nation aufblüht«. Triebkraft für die Abgrenzung ist nicht allein die Befreiung vom Trauma der Anerkennung, sondern auch Sorge ums innere Gleichgewicht, das im Zuge ost-westdeutscher Entspannungspolitik gefährdet sein könnte.
Freilich: Die Einheitspartei wird dabei von liebgewonnenen Positionen lassen müssen. Künftig wird die Honecker-SED nicht mehr unter Berufung auf nationale Besonderheiten jenen Sonderstatus im Ostblock fordern können. den Walter Ulbricht für seine DDR stets reklamiert hatte. Denn gerade wegen der Teilstaatlichkeit, so warb Ulbricht bei seinen Partnern stereotyp um Verständnis, habe es die DDR besonders schwer. Sie müsse sich mit einem Klassengegner auseinandersetzen, der sich gleich nebenan organisiert habe, und sie müsse deshalb einen eigenen, eben besonderen Weg zum Sozialismus beschreiten.
Zugleich muß die Staatspartei auch im Innern ein neues geschichtliches Selbstverständnis aufrichten. War bislang alles Denken und Handeln auf Konkurrenz zur Bonner Republik angelegt und die Tendenz vorherrschend, die DDR (so der Erlanger Historiker Dr. Frank Reuter) »als die Krönung der gesamtdeutschen Nationalgeschichte ... zu präsentieren«, weist nun DDR-Historiker Ernst Dicht eine neue Richtung. Die »Entstehung der DDR«, so will Diehl den Lauf der Welt parteilich gedeutet wissen, »war die Krönung des ein Jahrhundert währenden Kampfes der deutschen Arbeiterbewegung«.
Immerhin soll gesamtdeutsches Kulturerbe aus der Zeit vor der Arbeiterbewegung doch weiter gepflegt werden -- mithin auch die von Ulbricht zu DDR-Ahnherren beförderten Luther und Münzer, Lützow und Scharnhorst. »Nicht einen progressiven Denker und Dichter, nicht einen Humanisten«, so forderte SED-Kulturexperte Hager, dürfe man »dem Gegner überlassen«.
Und sollte trotzdem einer vergessen werden, so ist da vorläufig noch immer das prominenteste Opfer der Abgrenzungspolitik -- Walter Ulbricht, der, wie Ost-Berliner Genossen kolportieren, jeden Dienstagmorgen an der Plenartafel des Politbüros Platz nimmt, an allem und allen etwas auszusetzen findet, um dann sächsisch zu resignieren: »Aber ihr habt mich ja abgesetzt, ja? Ich habe hier ja nichts mehr zu sagen.«