Gesunde Ehe - DER SPIEGEL
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DDR HOCHSCHULEN Gesunde Ehe

• aus DER SPIEGEL 12/1969
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Studenten verbarrikadierten ihre Universitäten -- in Paris, in Warschau, in Frankfurt. Die akademischen Aufrührer schlugen sich mit der Polizei -- in Brüssel, in Prag, in Belgrad und in West-Berlin.

In der DDR jedoch, so sprach Walter Ulbricht, »sehen alle Studenten nur den Fortschritt und singen fröhliche Lieder«. Dort, im »ersten deutschen Friedensstaat«, gibt es weder Barrikaden noch Straßenschlachten.

Und doch: An den 44 Hochschulen der DDR zerbersten ehrwürdige Institutionen, verschwinden Talare und Barette, zerbröckeln versteinerte Traditionen. Nur kommt diese Revolution von oben, und sie findet im Saale statt.

Seit der VII. SED-Parteitag 1967 Order gab, Lehre und Forschung in die langfristigen Wirtschaftspläne einzubeziehen, sind Professoren wie Studenten in Bewegung. Von der SED geführt, verändern sie radikal, was in Westdeutschland zumeist erst gefordert wird: die Hochschulstruktur. Ziel der Reform allerdings ist eine Hochschule, wie sie von den revolutionären Studenten Westdeutschlands verachtet wird: die perfekte Leistungsuniversität. Bis 1975, 50 beschloß der Staatsrat im Januar, soll die Renovierung der DDR-Hochschulen im wesentlichen abgeschlossen sein.

Den Kampfauftrag formulierte der DDR-Staatsratsvorsitzende: »Entwicklung und Förderung der ideologischen und fachlichen Voraussetzungen, die für die Überwindung der Mittelmäßigkeit und des Nachlaufs in Forschung und Technik und für das Vordringen in international führende Spitzenpositionen notwendig sind.«

Die Marschrichtung wies der DDR-Minister für das Hoch- und Fachschulwesen, Professor Ernst-Joachim Gießmann (SED): »Unsere Hochschulen müssen sozialistische Fachleute ausbilden, die in sozialistischer Gemeinschaftsarbeit die notwendigen Pionierleistungen in Wissenschaft und Technik erzielen.«

Und was ein sozialistischer Fachmann ist, definierte der Sekretär des staatlichen Jugendverbandes FDJ« Dr. Wolfgang Herger (SED)·. »Er ist klassenbewußt, modern ausgebildet, disponibel ... und vor allem voll revolutionärer Leidenschaft.«

Um ihrer Vision vom produktiven, hochqualifizierten und zugleich parteiergebenen Wissenschafts-Pionier ein Stück näher zu kommen, verordneten die Hochschul-Experten aus dem SED-Zentralkomitee ihren sieben Universitäten, 34 Hochschulen und drei medizinischen Akademien zunächst einmal eine gründliche Entmuffung:

* Die herkömmlichen Fakultäten und Institute werden durch »Sektionen« für Forschung und Lehre ersetzt, die insbesondere die Zusammenarbeit einzelner Wissenschaftsdisziplinen und »Praxisnähe« zu Wirtschaft und Technik gewährleisten sollen.

* An die Stelle der traditionellen akademischen Senate treten das Konzil, »wissenschaftliche Räte« (aus den Vertretern der Sektionen) und »gesellschaftliche Räte« (in denen neben Professoren und Studenten auch Betriebe, der Staat und Massenorganisationen wie etwa die Gewerkschaften Sitz und Stimme haben).

* Der bislang eingleisige Studiengang wird aufgegliedert in ein vierjähriges kombiniertes Grund-, Fach- und Spezialstudium mit Forschungsarbeiten (Abschluß: Diplom) und in ein sich anschließendes etwa dreijähriges Forschungsstudium (Abschluß: Promotion für spätere »Führungskräfte der sozialistischen Gesellschaft").

Am 7. Oktober dieses Jahres, am 20. Jahrestag der DDR, will der wissenschaftliche Rat der Ost-Berliner Humboldt-Universität -- das versprach Prorektor Professor Erwin Rohde (SED) -- »der Republik eine neue Universität auf den Gabentisch legen«.

Schon 1968 lösten deshalb Ost-Berlins Hochschul-Neuerer sieben Fakultäten samt 169 Instituten auf und gründeten 23 Sektionen. Unter anderem für die Lehr- und Forschungsbereiche »Tierproduktion und Veterinärmedizin«, »Kybernetik und Operationsforschung«. Allein die medizinische und die theologische Fakultät blieben vorerst unangetastet.

Die Technische Hochschule Magdeburg »Otto von Guericke« tat bereits den zweiten Schritt. Die Techniker stimmten ihre Lehrpläne mit der Industrie ab und vereinbarten mit sechs staatlichen Konzernen wie dem Ministerium für Schwermaschinen- und Anlagenbau langfristige »Verträge über wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit«.

Jenas »Friedrich-Schiller-Universität«, an der einst Karl Marx über Demokrit und Epikur promovierte, konzentriert 75 Prozent ihres Forschungspotentials auf den wissenschaftlichen Gerätebau. Ihr Vertragspartner ist der VEB Carl Zeiss Jena, mit dem sich die Universität -- wie Rektor Bolck (SED) und Generaldirektor Gallerach (SED) formulierten -- zum »Jenaer Ensemble« vereinte.

Die namenlose Universität Rostock orientiert Lehre und Forschung am Bedarf der Seewirtschaft (Schiffbau, Hochseefischerei, Meeresbiologie, Schiffstechnik). Dresdens TU arbeitet mit dem Radeberger Computerwerk »Rafena« zusammen -- zwecks »Entwicklung der elektronischen Datenverarbeitungs-Industrie besonders in Dresden und Radeberg.

Rostocker Wissenschaftlern, die besorgt fragten, ob die Universität »ein Dienstleistungsbetrieb der Wirtschaft« werden solle, hielt die »Ostsee-Zeitung« der SED entgegen. »Pionierleistungen in Wissenschaft und Technik können auf lange Sicht nur Produkte einer gesunden Ehe zwischen der Universität und hochorganisierten materiellen Systemen (der Wirtschaft) sein. Und Walter Ulbricht verkündete in Jena: »Die enge Verflechtung von Wissenschaft und Industrie muß zum Normalfall werden.«

Doch die Partei verspricht sich von dieser Vernunftehe nicht nur rasch verwertbare Forschungsergebnisse, sondern auch qualifizierten Führungsnachwuchs. Denn die DDR-Wirtschaft verlangt, seit die Betriebe im »neuen ökonomischen System« (NOS) von der Planzentrale unabhängiger wurden, nach ebenso dynamischen wie sachkundigen Jung-Managern. Die Hochschulen jedoch lieferten »Mittelmaß« (Walter Ulbricht).

Zwar mühte sich die Staatsführung seit je, den akademischen Elfenbeinturm zu sprengen. Sie schickte die Studenten zur Kartoffel-Lese auf die Genossenschaftsfelder, zur Wehrertüchtigung in die Camps der Volksarmee. Sie organisierte rund 75 Prozent der Kommilitonen im Jugendverband der Partei, in der FDJ. Sie zahlt 82 Prozent der etwa 75 000 »Direkt«-Studenten (Fern-Studenten: etwa 27 000) nach Elterneinkommen gestaffelte Stipendien zwischen 90 und 190 Mark sowie Leistungszuschläge von 40 oder 80 Mark und verlangt keinerlei Studiengebühr.

Ihre Sorge aber galt jahrelang weniger der wirtschaftlichen Effizienz der DDR-Hochschulen als der Sicherung und Festigung der eigenen Macht. Schon 1946 säuberten die deutschen Kommunisten Hörsäle, Kliniken und Labors von ehemals nationalsozialistischen oder konservativen Ordinarien, verbauten Kapitalisten- wie Bürgerkindern den Weg zu akademischer Bildung und ersetzten die Abhängigkeit der Universitäten vom NS-Staat durch die Bindung an die neue Staatsmacht.

Loyale Professoren und Dozenten erklommen die Lehrstühle. In die leeren Hörsäle zogen Arbeiter- und Bauernkinder (Anteil 1950: 40 Prozent; 1967: 36 Prozent). Losung: »Stürmt die Festung Wissenschaft.«

Um den Neuakademikern den richtigen Weg zu weisen, verordnete ihnen die SED-Führung eine zweijährige obligatorische Einführung in den Marxismus-Leninismus. Und damit Dozenten lehren und Studenten lernen, was die Partei denkt, verfaßte die oberste Hochschulbehörde« das DDR-Ministerium für das Hochschulwesen (früher Staatssekretariat), verbindliche Lehr- und Studienpläne für alle Disziplinen. Sie verfügte darüber hinaus -- gemäß der alten kommunistischen Regel »Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser« -- eine Leistungs- und Bewußtseinskontrolle: die alljährliche Zwischenprüfung.

Der ökonomische wie politische Gewinn dieser Verschulung der Hochschulen blieb gleichwohl mager. 1956 protestierten Medizinstudenten in Leipzig wie in Ost-Berlin gegen gesellschaftswissenschaftliches Grundstudium und obligatorische Russisch-Kurse. Sie forderten die Neuwahl der 1949 aufgelösten Studentenräte.

Und noch 1958 konstatierte die dritte Hochschulkonferenz der SED die »Vorherrschaft der bürgerlichen Ideologie in den meisten Fachrichtungen«. Die Partei verlangte einen »grundlegenden Umschwung«, die »sozialistische Umgestaltung unseres Hochschulwesens«.

Der Umschwung aber kam erst jetzt -- zehn Jahre später und durch ökonomischen Druck. Erleichtert schrieb

* An einer Radialbohrmaschine im Versuchsfeld der Hochschule für Maschinenbau.

das Ost-Berliner FDJ-Blatt für die junge Intelligenz »Forum": »Laßt uns heiter von der Vergangenheit scheiden.«

Manchen Professoren freilich fällt der Abschied schwer. Der Rektor der Ost-Berliner Humboldt-Universität« Karl-Heinz Wirzberger (SED), nannte den Grund: »Es herrscht im Lehrkörper eine Art Perfektionismus, sein Teilgebietchen, sein Gartenbeet ... möglichst hochzuzüchten, aber völlig zu vergessen, wo denn dieses Teilbeet in den ganzen Garten hineinpaßt.«

So mäkelten zur Zusammenarbeit mit Kollegen angehaltene Professoren der Merseburger Chemie-Hochschule »Carl Schorlemmer« im Reform-Jahr 1968: »Es ist noch nie so wenig geleistet worden wie in diesem Jahr.« Und auch an Ost-Berlins Mediziner-Fakultät sträubten sich Ordinarien -- wie in West-Berlin -- gegen mehr als einen Studenten im Fakultätsrat: »Es sind schon so viele Professoren drin, und wenn nun noch FDJler hinzukommen, wäre es zuviel.«

DDR-Studenten hingegen nutzten die Chance, in der Reform-Diskussion ihre Forderungen anzumelden.

Am philosophischen Institut der Ost-Berliner Humboldt-Universität zum Beispiel verlangten sie eine Debatte über die Vorlesungs-Konzeption ihrer Lehrer, »um zu verhindern, daß die Dozenten an unserem Niveau und unseren Interessen vorbeilesen«. Ein Herr aus dem Lehrkörper: »Ich diskutiere mit Studenten über meine Vorlesung, aber reinreden lasse ich mir nicht.«

Berliner Veterinärmediziner forderten »Problemvorlesungen«. Stud. med. vet. Dieter Weiß: »Können wir es uns leisten, in einen Hörsaal hundert lebende Schreibmaschinen zu setzen?« Und Ost-Berlins Biologen setzten in Gemeinschaftsarbeit mit dem Hochschulminister einen Lehrplan ihrer Professoren außer Kraft.

Doch nicht überall kommt die Reform so zügig voran. »Für viele Studenten«, klagte das »Neue Deutschland«, ist sie »nur eine Formsache, weil sich noch keine wesentlichen Änderungen für den einzelnen ergeben haben. Sie sagen, die Ausbildung ist noch so wie vor einem Jahr«.

Den Elan ihrer polnischen, jugoslawischen oder gar westdeutschen Kommilitonen zeigten DDR-Studenten bisher nicht. Eingezwängt in eine militant-autoritäre Ordnung, riefen sie weder zu Go-ins noch zu Sit-ins.

Sie rührten sich auch nicht, als die FDJ ihre Vertreter in die gesellschaftlichen Räte delegierte (in Jena fünf von 34), ohne die Studenten zur Wahl zu bitten. Und für ihren Reform-Eifer entschuldigen sie sich sogar.

Stud. math. Walter Langhammer von der Hallenser »Martin Luther-Universität« zum Staatsratsvorsitzenden: »Man möge uns verzeihen, wenn wir manchmal etwas über das Ziel hinausschießen.« FDJ-Chef Dr. Günther Jahn (SED) bedankte sich: »Die Partei der Arbeiterklasse kann sich immer auf die FDJ-Studenten verlassen.«

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