SCHWINDEL Gewagte Bilder im Gebetbuch
Für das Genfer Generalvikariat war die Affäre mehr als peinlich. Als Monsignore H. Petit jetzt die Bilanz zog, blieb nichts übrig als eine gute Lehre für die Zukunft.
»Wohl zum zwanzigsten Male ermahnen wir die Gläubigen«, zürnte Generalvikar Petit, »sich nicht von irgendeinem hergelaufenen Schwindler übertölpeln zu lassen. In unserem Land gibt es eine große Zahl von Kollektanten, die man genauestens überprüfen sollte. Verbrecherische Individuen führen ihre Betrugsmanöver in Priester- und selbst in Bischofstracht durch.«
Hätte Léon Page alias Léon Bellet de Marrat, »Bischof von Kamerun, Titularbischof von Tiberias und Apostolischer Vikar«, seine katholische Liturgie besser studiert und nicht »Gloria« und »Credo« durcheinandergebracht, wäre sein Genfer Fischzug erfolgreicher verlaufen. So endete er schließlich in der Beschaulichkeit einer französischen Gefängniszelle.
Als Monsignore Bellet, geschmückt mit goldenem Kreuz und Bischofsring, in violett gegürteter Soutane, dem Pfarrer von Sacré Coeur sein »Celebret« vorzeigte, glaubte man ihm den Bischof von Kamerun auf Anhieb. Still und fromm las er die Messe.
Als Abbé Haas, aus Rom zurück, der Pfarrjugend vom Heiligen Vater erzählte, ergriff auch Monsignore Bellet das Wort um von der Ewigen Stadt zu berichten. Rührung zitterte in seiner Stimme. Die andächtig Lauschenden erfuhren, daß der Apostolische Vikar erst unlängst von Papst Pius XII. in Audienz empfangen wurde:
»Der Heilige Vater nahm mich ergriffen bei den Schultern und sagte mir so viel gütige Worte, daß ich mich einfach nicht mehr halten konnte und wie ein Kind zu weinen begann. Der Heilige Vater aber ermahnte mich lächelnd und meinte, ein Missionar wie ich dürfe sich nicht so leicht von Rührung übermannen lassen.«
Einige Tage später wagte der falsche Kameruner den Sprung vor das große Publikum. Im Studio 10 lief der Film »Himmelszauberer«, der ein heiligmäßiges Pfarrerleben schildert. Kinodirektor Margadant hatte nichts dagegen, daß Monsignore Bellet im Anschluß an die Vorführung zum Publikum sprach. Auch hier Rührung und Beifall.
Zum Schluß seiner Rede kam der hohe Herr auf den eigentlichen Zweck seiner Rede zu sprechen. Mit hinreißenden Worten wußte er von der Not der armen Aussätzigen seines Bistums zu berichten. 337 Fränkli brachte die Kollekte.
Die wurden auf einer Genfer Bank deponiert, dann aber - auf Weisung des Bischofs - nach Frankreich überwiesen. Das kam allerdings erst später heraus.
Monsieur Margadant konnte sich einer Fotografie des Würdenträgers erfreuen. Mit Widmung und Unterschrift: Léon Bellet, Titularbischof von Tiberias, Apostolischer Vikar.
Inzwischen hatten der Pfarrer von Sacré Coeur und seine Vikare Verdacht geschöpft. Ueber den liturgischen Fallstricken des Aschermittwoch-Gottesdienstes strauchelte der Pseudo-Bischof. Diskret, äußerst diskret wurde recherchiert.
Ueblicherweise nehmen in Genf durchreisende Geistliche im Hospiz Sankt Bonifaz Quartier. Msgr. Bellet hatte es vorgezogen, als »möblierter Herr« bei Madame Dilpiano, Boulevard Georges-Favon Nr. 10, zu logieren. Nebenan, in der Konditorei Chevillat, pflegte er zu frühstücken. Wenn man den Bischof fragte, warum er nicht in Sankt Bonifaz wohne, erwiderte er: »Ich habe Besuche zu machen, Kranke aufzusuchen, bin viel eingeladen und muß oft spät nachts heimkommen. Das würde in Sankt Bonifaz stören.«
Nachdem nun aber einmal ein gewisser Verdacht aufgetaucht war, unterzog man das bischöfliche Eigentum einer eingehenden Prüfung. Im Gebetbuch fanden sich gewagte Bilder, die mit dem frommen Beruf eines Geistlichen - mochte er auch aus dem heißesten Erdteil kommen - nur schwer in Einklang zu bringen waren. Gendarmerie - Kommissar Panosetti allerdings verließ das Heim der Madame Delpiano unverrichteterdinge: die Papiere des lila Untermieters waren offenbar in Ordnung. Monsignore schimpfte unheilig hinter dem Polizisten her.
Erfolgreicher war das Mißtrauen der kirchlichen Amtsbrüder. Aber als feststand, daß es einen Bischof namens Bellet in der Personalliste des Vatikans nicht gibt, war der schon verschwunden. Den Genfer Gesetzeshütern blieb nur übrig, seine letzten Worte zu notieren. Sie lauteten: »Ich werde in Annecy die Messe lesen.« Annecy liegt in Frankreich.
In französischer Untersuchungshaft stellte sich bald heraus, was den Genfer Gläubigen von Sacré Coeur noch nachträglich Schreckensschauer über den Rücken jagt: Prälat Bellet, nun wieder Léon Page, ist ein ausgekochter internationaler Gauner mit Mädchenhandelspraxis. Mädchen, die sich »Missionaren« anvertrauten, wurden via Brüssel nach Afrika geschickt.
Der falsche Bischof war schon vor Monaten in vollem Ornat in Rom aufgetreten, hatte in Frankreich für die armen Aussätzigen von Kamerun gesammelt und in Notre Dame in Paris gepredigt.
Als er - in Räuberzivil - im französischen Städtchen Bourg-en-Bresse schließlich verhaftet wurde, fand man in seinen zerschlissenen Hosen das violette Käppchen, das Brusttuch und dem goldenen Bischofsring.