»Gewaltiger Enthusiasmus« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 64 / 128

SONNTAGSZEITUNGEN »Gewaltiger Enthusiasmus«

Bislang verteidigt der Springer-Verlag mit der »Welt am Sonntag« und der »Bild am Sonntag« sein sonntägliches Zeitungsmonopol. Doch jetzt drängen mit »FAZ« und »Tagesspiegel« ernst zu nehmende Konkurrenten auf den lukrativen Markt.
Von Oliver Gehrs und Marcel Rosenbach
• aus DER SPIEGEL 11/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Giovanni di Lorenzo das Münchner Schickerialokal »Schumann's« betritt, hebt sich schlagartig seine Laune. Täglich hängt dort am Zeitungsständer ein frisches Exemplar des Berliner »Tagesspiegel« und signalisiert ihm, dass sein Blatt auch fernab der Hauptstadt Anerkennung findet.

Zu gern würde Chefredakteur Lorenzo aus seiner Berliner Lokalgröße eine bundesweite Nummer machen - als Stimme aus dem Zentrum der neuen Republik. Beim Stuttgarter Holtzbrinck-Verlag ("Handelsblatt«, »Zeit") träumt man in die gleiche Richtung und präsentiert Lorenzos Blatt auf der Konzern-Homepage bereits mutig unter der Rubrik »Überregionale Zeitungen«.

Um das ehrgeizige Ziel zu erreichen, soll nun vor allem der republikweite Vertrieb der »Tagesspiegel«-Sonntagsausgabe vorangetrieben werden, die sich schon jetzt auch außerhalb Berlins gut verkauft. Unter Lorenzo hat sie sich zum bundesweit konkurrenzfähigen Premium-Produkt hochgerackert - mit Prominenten-Interviews und üppigen Fotostrecken.

Die muntere Metropolenmischung will der Verlag jetzt auch fernab Berlins absetzen - vor allem in Städten, die man publizistisch für unterversorgt hält.

»Warum sollte sich ein gebildeter Mensch mit der Wochenendausgabe der 'Kieler Nachrichten' zufrieden geben?«, fragt ein Holtzbrinck-Manager, und auch Lorenzo hat am Sonntag »eine journalistische Lücke« ausgemacht, die es zu stopfen gelte: »Wir sind für alle Schandtaten zu haben.«

Die Zeit wäre reif dafür, denn der Tag des Herrn gilt unter vielen Verlegern als ein gesegneter. An keinem Tag der Woche haben potenzielle Leser so viel Muße, in der Zeitung zu blättern. Doch ausgerechnet am Sonntag ist das Presse-Angebot mehr als dürftig. Für manchen Verleger der schiere Alptraum, dass mangels Alternative Millionen Menschen latent gelangweilt die »Lindenstraße« konsumieren oder beschäftigungslos auf dem Sofa dösen.

Nicht nur beim »Tagesspiegel«, auch bei der »Frankfurter Allgemeinen« sinnt man auf Abhilfe. Seit etwa vier Wochen testet die »FAZ« ihre »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« in Hamburg, München, Dresden, Stuttgart und bundesweit im Bahnhofsbuchhandel - »mit positiven Ergebnissen«, so der für das Projekt zuständige Neu-Herausgeber Dieter Eckart.

Noch in diesem Jahr soll das bisher vor allem im Rhein-Main-Gebiet vertriebene Blatt bundesweit unter die Leser gebracht werden, als schwergewichtige Alternative zu den bunten Sonntagsblättern des Springer-Verlags, die sich bislang - von der Konkurrenz weitgehend unbehelligt - den lukrativen Markt aufteilen.

Seit Jahrzehnten verteidigt Springer mit »Welt am Sonntag« ("WamS") und »Bild am Sonntag« ("BamS") sein Sonntagsmonopol. 29 000 Straßenverkäufer, die Tankstellen und seit 1997 auch viele Bäckerläden bringen die Springer-Blätter zum Leser - Meinungsvielfalt Fehlanzeige. Vor gut zwei Jahren wurde mit dem Anlegerblättchen »Euro am Sonntag« erstmals seit langem eine neue Sonntagszeitung eingeführt - vom Münchner Finanzen-Verlag, ausgerechnet einer Springer-Tochter.

Weil Springer am Sonntag das einzige flächendeckende und historisch gewachsene Vertriebsnetz betreibt, ist der Markt abgeschottet. »Überall, wo es die Vertriebsstellen gibt, hat Springer ein Quasi-Monopol«, gibt Finanzen-Verlagsleiterin Birgitta Heinze im Branchendienst »Kress Report« unbekümmert zu Protokoll. Und: »Das aufzuweichen ist die eigentliche Hürde.«

Spediteure und Lieferanten bekommen nämlich nicht nur Geld dafür, »WamS« und »BamS« zu den Verkaufsstellen zu bringen; der Verlag zahlt für lange und teure Überland-Lieferfahrten zusätzliche Zuschüsse. Im Gegenzug müssen sich die Händler verpflichten, auf diesen Touren nur Springer-Produkte zu transportieren.

Das kann zu bizarren Situationen führen: So wird in Köln der regionale Springer-Konkurrent »Sonntags Express« in einem Extratransporter über Land gekarrt. Im gleichen Auto wie die Springer-Ware darf er nicht mit.

»Völlig unsinnig« findet das ein Pressegroßhändler, aber die Grossisten kommen aus ihren Verträgen mit dem Springer-Verlag kaum heraus. Die Umsätze der Pressehändler stagnieren schon seit Jahren, und so hoffen sie jetzt auf neue Sonntagstitel. »Bei uns wird keine Schutzglocke über Springer gestülpt«, sagt der Lübecker Großhändler Martin Salzmann: »Wir würden für neue Titel sofort eigene Touren starten.«

Anders als in England oder Frankreich hat sich in Deutschland bisher kein Verleger getraut, mit neuen bundesweiten Blättern auf den Markt zu kommen. Die Produktion ist am Wochenende deutlich kostspieliger als in der Woche, und auch die Redakteure erhalten teure Zulagen - zumal es samstags spät werden kann. Eine Sonntagszeitung ohne Lottozahlen und ausführliche Bundesliga-Berichterstattung hätte keine Chance.

Dennoch scheinen die Aussichten für neue Titel gut wie noch nie. Durch die gelockerten Ladenöffnungszeiten hat schon heute mehr als ein Drittel der 118 000 Presseverkaufsstellen in Deutschland auch sonntags geöffnet - vor allem Bäckereien und Tankstellen, die bereits 13 Prozent aller Zeitungen und Zeitschriften verkaufen. Zur Freude der Betreiber: »Ein prall gefülltes Zeitschriftenregal ist eindeutig verkaufsfördernd«, frohlockt das Fachmagazin »Tankstelle«.

Zudem fühlt sich ein großer Teil der Zeitung lesenden Bevölkerung am Wochenende offenbar geistig unterfordert. Gerade einmal 18 Prozent aller Tageszeitungsabonnenten bekommt von seinem Blatt eine Sonntagsausgabe geliefert, 40 Prozent hätten gern eine.

Kein Wunder, dass die deutschen Verleger neidisch nach Amerika schielen, wo Blätter wie die »Washington Post« oder die »New York Times« ihren Kunden am Sonntag mehrere Kilo schwere Pakete vor die Haustür legen, voll gestopft mit Anzeigen und Beilagen.

Auch hier zu Lande könnte sich ein verstärktes Engagement auszahlen. Schließlich mutiert der gemeine Abonnent laut einer Studie der »Zeitungs Marketing Gesellschaft« am Wochenende zu einer Art Superleser, der sich nicht nur langmütig auch noch durch die längsten Artikel kämpft, sondern selbst die sonst eher unbeliebten Anzeigen hingebungsvoll studiert - fallen doch viele Entscheidungen für größere Anschaffungen in der Freizeit. »So ein Auto kauft man ja nicht auf dem Weg zur Arbeit«, sagt ein Zeitungsmanager, »da redet man auch gern mal am Familientisch drüber.«

»Sonntag ist der Tag der Reflexion, der Diskussion und der Lektüre«, glaubt »Tagesspiegel«-Geschäftsführer Joachim Meinhold, und auch bei der »FAZ« setzt man auf sonntägliche Mußestunden im Ohrensessel. Dafür soll sich die Frankfurter »Sonntagszeitung« bis zu ihrem bundesweiten Auftritt noch deutlich wandeln. »Fast nichts bleibt beim Alten«, kündigt ein Mitarbeiter an.

Optisch aufgefrischt und mit einem deutlich ausgebauten Kulturteil aus der Hauptstadt soll das Blatt für Aufsehen sorgen, zudem arbeitet man an einem anspruchsvollen Politikteil und einer Lifestyle-Sektion. Denkbar ist auch, dass sich die in Berlin geschätzten »Berliner Seiten« in der Sonntagszeitung wiederfinden.

Das ambitionierte Projekt hat durchaus Chancen, denn Monopolist Springer ist bisher deutlich bemüht, seine Leser am Sonntag auf keinen Fall intellektuell zu überfordern. Vor allem die »Welt am Sonntag« setzt auf Herzenswärme und druckt gern Erbauliches, zuletzt die Memoiren von Liz Mohn ("Liebe öffnet Herzen"), der sprachgewaltigen Gattin von Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn.

Nächstenliebend geht es auch in der »Bild am Sonntag« zu, für die ZDF-Journalist und Theologe Peter Hahne wöchentlich in die Tasten greift und dann gern daran erinnert, dass »Geben seliger ist denn Nehmen«. In der »Welt am Sonntag« lächeln so viele Kolumnisten aus dem Blatt, dass dem Leser leicht Raum- und Zeitgefühl abhanden kommen kann. Die Rubrik Peter Bachérs beseitigt mögliche Verwirrung: »Heute ist Sonntag«.

Auch politisch ist die Kost eher mager - und gelegentlich etwas einseitig. So mutierte die »Welt am Sonntag« unter der Leitung des jetzigen »Bild«-Chefs und Kohl-Biografen Kai Diekmann während der CDU-Spendenaffäre zum wöchentlichen Sprachrohr des Altkanzlers, der dort exklusiv mit seinem Schicksal hadern durfte.

Die Gefahr übergroßer Politisierung scheint bei dem neuen »WamS«-Chef Thomas Garms nicht gegeben zu sein. Bislang profilierte sich der Musikwissenschaftler als Chefredakteur der Männerfibel »Men's Health«. Wirtschaftsminister Werner Müller wunderte sich neulich über einen Artikel, in dem beschrieben wurde, wie er am Pilsglas nippt und »zwischen zwei Zügen am obligatorischen Zigarillo« plötzlich aufschaut. Dabei hatte er mit dem »WamS«-Reporter nur telefoniert.

Solche Schludrigkeiten wird Springer-Zeitungsvorstand Mathias Döpfner in Zukunft kaum dulden. WamS-Chef Garms hat schon erkannt, dass sein Blatt »als qualitätvolle und familienorientierte Sonntagszeitung noch nicht ihr volles Potenzial im Markt ausschöpft«. Im Klartext: Die Zeit des ungestörten Wurstelns in der Nische ist vorbei.

Denn Konkurrenz droht auch aus der Provinz. So gibt im Südwesten ein Verbund von Regionalzeitungen - darunter »Stuttgarter Zeitung« und »Rheinpfalz« - das Blatt »Sonntag Aktuell« heraus. Mit großem Erfolg: Die Auflage hat inzwischen die Millionengrenze überschritten.

Aufmerksam registriert man den neuen Sonntagstrend bei der »FAZ«, deren Macher überzeugt sind, dass das Land eine Alternative zur sonntäglichen Springer-Presse braucht. »Bei uns herrscht bei dem Thema ein gewaltiger Enthusiasmus«, schwärmt Herausgeber Eckart in Vorfreude auf die geplante Expansion: »Die Zeit ist wirklich reif für etwas Neues.«

OLIVER GEHRS, MARCEL ROSENBACH

Zur Ausgabe
Artikel 64 / 128