Geweihte Hand - DER SPIEGEL
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JAPAN /WAHLEN Geweihte Hand

• aus DER SPIEGEL 16/1971
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Als »Frauenliebling mit dem Millionen-Yen-Lächeln« empfahl sich Ryokichi Minobe, 67, Kandidat der Kommunisten und Sozialisten.

Tokios »Regierender Bürgermeister«, der Gouverneur, stellte sich letzten Sonntag zur Wiederwahl. Er warb um weibliche Wähler, denn in der größten Stadt der Welt hatten die Frauen die meisten Stimmen: In der Japan-Metropole (11,4 Millionen Einwohner) sind 4,6 Millionen Frauen und 3,4 Millionen Männer wahlberechtigt.

Minobes Gegenkandidat Aktra Hatano, 60, von der in Japan regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP) hatte sich als Repräsentant der militanten Männlichkeit empfohlen: Der gedrungene Hatano verkörperte die starke Staatsgewalt und Recht und Ordnung. Ihn unterstützte die Geschäftswelt, ihn nannten seine Gegner »Hampelmann der Plutokratie«.

Dreieinhalb Jahre lang hatte Hatano als Polizeichef von Tokio Härte vorgeführt: Seine Polizisten zwangen mit Gummiknüppeln die revolutionären Studenten zur Staatsräson. Er war der Mann des Ministerpräsidenten Eisaku Sato, dem die rote Regierung In Tokio unerträglich erschien: »Wir können nicht sagen, daß wir im Land gewonnen haben, wenn wir in Tokio verlieren.«

Für Hatano stellte Sato 40 Milliardon Mark bereit -- für Hatanos Wahlprogramm von einem schöneren Tokio. Hauptattraktion des fünfjährigen Sanierungsplans war ein integriertes Wohn- und Transportsystem; sogar den stinkenden Sumida-Fluß sollte Hatanos Telephonbuch-starker Plan zur »Seine Tokios« umwandeln.

Im Kampf gegen den »femininen Mann« (so ein Wirtschaftskapitän) Minobe konnte der männliche Mann Hatano auf Erfolge Minobes verweisen -- etwa die Stadtautobahn Nummer 8. Denn die Gelder für den Straßenbau kamen nicht aus der mageren Stadtkasse des Linken, sondern aus dem Staatshaushalt der liberaldemokratischen Regierung.

Um die Macht in der Hauptstadt zurückzuerobern, dem »Herz und Gesicht der Nation« (Sato), begleitete der Premier seinen Schützling Hatano persönlich auf die Wahlveranstaltungen.

Einst hatte der verstorbene Königsmacher der LDP, Shojiro Kawashima, den entscheidenden Machtkampf zwischen den konservativen Liberaldemokraten und den Kommunisten für die siebziger Jahre prophezeit. Der Gedanke scheint absurd: Bei den letzten Parlamentswahlen erhielt die LDP 47,6 Prozent der Stimmen, die KP nur 6,8 Prozent.

Aber die Kommunisten empfehlen sich mit Erfolg als Partei der Zukunft -- und die Zahl der von Marxisten und Sozialisten gelenkten Präfekturen und Städte wächst. Sogar in der alten Kaiserstadt Kioto wählten die Japaner einen roten Stadtchef.

So zeigten sich die Liberaldemokraten vor den Lokalwahlen nervös -- und im Juni finden Wahlen für das Oberhaus statt. Die LDP zahlte ihren Abgeordneten für den persönlichen Einsatz Im Wahlkampf 5000 Mark, für »gesellschaftliche Verpflichtungen«.

Linkskandidat Minobe, Professor der Nationalökonomie und (als Kommentator) Fernsehstar, kämpfte weniger mit Geld als mit Parolen: »Stoppt Sato«, riefen seine Anhänger. Minobe gehört der KP nicht an, aber sieht mit einem neuen Militarismus und Zentralismus Gefahren für die japanische Demokratie heraufziehen. Mit »Lächeln und Entscheiden« (so seine Wahlkampfparole) will er die Stadt Tokio in vier Jahren zu einer »echten Demokratie« gestalten, in der die Bevölkerung mehr als nur im Wahlakt mitbestimmt.

Doch zu den Wahlen wandten die Helfer Minobes die gleichen Illegalen Mittel an wie die Anhänger Hatanos: Dem strengen japanischen Wahlgesetz zuwider verteilten sie Reiswein, Einwickeltücher, Schürzen und Pralinen. Sie suchten die Wähler mit Regenschirmen zu bestechen und verschenkten Fische. In einem Stadtbezirk gab es sogar kostenlos Unterhosen.

Der zierliche Lächler Minobe hatte Trupps weiblicher Wahlhelfer auf seiner Seite, die mit politischen Aufrufen für den Junggesellen warben, und seinen Händedruck.

Eine Minobe-Wählerin, der das Händeschütteln glückte, hüllte ihre Rechte in einen Schutzverband: Selbst ihrem Ehemann verweigerte sie die Berührung der geweihten Hand.

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