Gewendete Zensoren - DER SPIEGEL
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Gewendete Zensoren

• aus DER SPIEGEL 9/1990
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Ehemalige Vollstrecker der SED-Medienzensur führen sich in der DDR-Provinz zunehmend als Vorreiter der frischgewonnenen Pressefreiheit auf. So stecken hinter der Gründung einer neuen Tageszeitung im südthüringischen Meiningen fast ausschließlich ehemalige Honecker-Genossen. Als Herausgeber beim Meininger Tageblatt (Auflage: 10 000), das erstmals am Dienstag der vergangenen Woche erschien, zeichnet Siegfried Herzog. Der Journalist war bislang stellvertretender Chefredakteur der jetzt unabhängigen Suhler SED-Bezirkszeitung Freies Wort (Auflage: 180 000). Herzog steht als verantwortlicher Redakteur Horst Rochol zur Seite, noch in der vergangenen Woche hauptamtlicher Mitarbeiter des PDS-Bezirksvorstandes Suhl und früherer Chefzensor der ehemals 22 SED-Zeitungen des Bezirks. Auch Rochols Ehefrau Elisabeth, bislang bedingungslose Vollstreckerin der alten SED-Informationspolitik, ist mit von der Partie. Sie verantwortete noch im Februar die Meininger Lokalseite bei der Tageszeitung Freies Wort und saß bis zur Oktober-Revolution im Sekretariat der örtlichen SED-Kreisleitung. Probleme, einen Partner für ihr Unternehmen zu finden, hatten die Ex-Zensoren trotzdem nicht: Gedruckt wird das Meininger Tageblatt von einem bundesdeutschen Verlag.

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