RAUSCHGIFT Gewisser Touch
Die Angeklagte war nicht zum Prozeß erschienen, so muß ein neuer Termin festgesetzt werden. Das ist in Moabit Gerichtsalltag.
Auch der Fall scheint Routine. Die junge Frau war bei der Razzia in einer Neuköllner Dealer-Wohnung von Polizeibeamten entdeckt worden; weil sie zugegeben hat, sie sei gekommen, um sich mit Heroin einzudecken, und ein Amtsarzt in ihrer Armvene »frische Injektionsspuren« ausmachte, reichte das zu der üblichen Anklage - mehrfacher Drogenerwerb zum Eigengebrauch.
Aufhorchen ließ an diesem Fall nur der Name der Beschuldigten: Vera Christiane Felscherinow, 22. Sie war als »Christiane F.« die Hauptperson jener Fixerballade über die »Kinder vom Bahnhof Zoo« - die Anfang der achtziger Jahre aus allen erdenklichen Medien unter die Leute kam.
Die Geschichte vom Mädchen, das jahrelang auf dem Kinder-Strich das Geld fürs Heroin anschaffte und seine Freunde sterben sah, ehe es glücklich von der Nadel loskam, erfuhren Millionen in aller Welt als Leser, Fernseher, Ausstellungsbesucher, Kinogänger.
Das Elend als Marktrenner: 1,3 Millionen Buchexemplare wurden verkauft; eine ganze Teeny-Generation konsumierte die letztlich frohe Botschaft vom siegreichen Kampf mit dem Heroin, und wohl eben drum buchten viele Lehrer für ihre Klassen das Theaterstück zum Buch »wie das Weihnachtsmärchen« (so ein Dramaturg). Christiane F. war buchstäblich zur Kunst-Figur geworden.
Boulevard-Schlagzeilen ("Christiane F. heiratet in Hollywood") jagten das Mädchen vom Zoo auch noch, als es längst in andere Rollen geschlüpft war, etwa als Buchhändler-Lehrling, als Punk-Diseuse, als »Stern«-Beraterin.
Nur wenige mochten da Spielverderber sein, wie beispielsweise die ehemalige Berliner Jugendsenatorin Anke Brunn (SPD), die im Medienbild des Mädchens Christiane nur einen »Schatten ihres früheren Abbildes« erkannte, oder jene Theatermacher, die das »Christiane«-Stück mit dem gewissen Touch von »Heroin-Heldin« nicht auf die Bühnen bringen wollten.
Die vielen schrecklichen Bilder, glaubt die »Süddeutsche Zeitung«, haben eben auch »schrecklich faszinierend« gewirkt. Noch immer ist Christianes Kiez zwischen Zoo und Potsdamer Straße das Pilgerziel westdeutscher Jeansjacken-Scharen, wenn sie aufbrechen und die Spuren des Superstars suchen - Christianes Discos, ihre U-Bahnhöfe und jenes Berliner Schattenreich aus Neongeflacker und gestylter Düsternis, wo sich Christianes Umfeld in schriller New-Wave-Szenerie auflöst.
Mit der umliegenden Realität hat das alles wenig zu tun. Auf dem nahen U-Bahnhof Kurfürstenstraße stürzten sich schon drei Menschen binnen einer Woche vor den Zug. Es gibt 10 000 Süchtige in Berlin, für die das Happy-End gemäß Bestseller in weiter Ferne liegt. Jedes Jahr sterben Dutzende an der Spritze, ziemlich unbemerkt, da sie von den Blättern statt Storys meist nur fortlaufende Nummern erhalten.
Auch für das Medienkind Christiane F. herrschen andere Realitäten, seit sie den »Entzug der Droge Ruhm« ("Die Zeit") durchgemacht hat. Als im Kriminalgericht Moabit ihr Fall aufgerufen wurde, waren die Medien jedenfalls längst zu Bubi Scholz übergelaufen.