Gewisses Risiko - DER SPIEGEL
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VERKEHR Gewisses Risiko

Mit einem befristeten Nulltarif für Bahnen und Busse locken Kommunen alte Autofahrer vom Steuer. Doch die Auswirkungen auf die Verkehrssicherheit sind fraglich.
• aus DER SPIEGEL 23/1980
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Mit 58 Jahren packte die Frankfurter Hausfrau endlich ihren Führerschein, doch schon nach wenigen Wochen Praxis war sie geschafft. »Das hat mich so belastet«, schildert die heute 72jährige ihre Fahrgefühle, »daß mir das Herz bis zum Hals schlug.«

Ihr wurde einmal »vor Schreck übel«, als ihr zwei jugendliche Radfahrer aus verkehrter Richtung in die Quere kamen. Bei der Einfahrt in eine Reparaturwerkstatt kriegte sie die Kurve nicht und rammte einen parkenden Wagen -- da entschied sie: »Nie mehr ans Steuer.« Und dabei blieb es.

Schon 85 Jahre und kein bißchen weise war ein Wiesbadener Rentner. Mit dem Auto kutschierte der Schwerhörige zum Polizeipräsidium, um seinen unleserlich und schmuddelig gewordenen Führerschein gegen einen neuen einzutauschen. Doch die Behörde schickte den alten Mann erst mal zum Medizinisch-Psychologischen Test beim Technischen Überwachungsverein.

Der Opa sträubte sich und focht die Anordnung zur Untersuchung an -zwei Jahre lang, bis letztinstanzlich auch der Hessische Verwaltungsgerichtshof in Kassel »Bedenken gegen die Eignung« zum Autofahren feststellte und ihn zur Tauglichkeitsprüfung verurteilte. Und da fiel er durch.

Einsichtige wie die Hausfrau werden jetzt mancherorts belohnt, Störrische wie der Rentner gelockt. Denn Kommunen gehen dazu über, den Oldtimern unter den Autofahrern ein Geschäft anzubieten -- den Führerschein gegen ein Freifahrticket.

In Solingen wurden innerhalb einer Woche 35 Senioren vom Steuer weggelotst, Heilbronns Stadtväter bewogen im Januar 415 Einwohner über 65 Jahre, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen, für ein Jahr kostenlos. Und in Osnabrück tauschten im April 439 Personen ab 63 Jahre ihren Führerschein gegen eine Jahresnetzkarte für die städtischen Busse -- ein »erheblicher Beitrag zur Steigerung der Verkehrssicherheit«, rühmte die Stadtverwaltung ihre Aktion.

Die kommunalen Bemühungen um betagte Aussteiger beleben die Diskussion über die Rolle, die Autofahrern älteren Jahrgangs am Unfallgeschehen zukommt. Von rasanten Fahrern werden sie unter den »Schnecken«, »Blinden« oder im »Greisverkehr« angesiedelt, die Senioren halten ihre Ruhe und Routine dagegen.

Es gibt fundierte Erkenntnisse über das Verhalten der Verkehrsveteranen. Wenn es kracht auf Deutschlands Straßen, S.46 dann war in relativ wenigen Fällen der Opa oder die Oma daran schuld. Gleichwohl steigen mit dem Alter auch gewisse typische Gefährdungsmerkmale.

Der Technische Überwachungsverein Bayern schlüsselte medizinischpsychologische Untersuchungen auf. Etwa jeder siebte der Durchgefallenen zählte zu der Kategorie »Ältere Führerscheininhaber mit langjähriger Fahrpraxis«, bei denen »erst in der letzten Zeit aufgrund von gesundheitlichen Störungen Verkehrsunfälle auftraten«.

Der natürliche Altersabbau, der die Reaktionen verlangsamt und die Konzentration mindert, hat zur Folge, wie Unfallstatistiken belegen, daß die betagten Fahrer eher mal das Rotlicht übersehen, die Einbahnstraße in verkehrter Richtung fahren oder auf belebter Straße wenden.

Vor allem bei Dunkelheit verlieren viele Alte leicht die Übersicht. Die »Dämmerungssehschärfe bei Blendung«, fand der Münchner Arbeitsphysiologe Wolf Müller-Limmroth heraus, »verschlechtert sich altersbedingt am stärksten«; nahezu jeder dritte Autofahrer zwischen 60 und 80 sei deshalb »für das Nachtfahren ungeeignet«.

Es sind vor allem Verkehrsmediziner, die eine schärfere Kontrolle bejahrter Fahrer fordern, zumal sich der Anteil der Automobilisten über 60 innerhalb der nächsten zehn Jahre um das Vierfache auf acht Millionen steigern wird.

Die Vorschläge reichen von der regelmäßigen medizinischen Untersuchung bis zur Festlegung eines bestimmten Höchstalters für Autofahrer. Zumindest sollte, wie etwa das »Deutsche Grüne Kreuz« verlangt, der Sehtest obligatorisch werden.

Bislang kann sich die ältere Generation noch ziemlich frei im Verkehr bewegen. Politiker scheuen vor allem den behördlichen Aufwand, den regelmäßige Kontrollen zur Folge hätten.

Es bleibt somit »ein gewisses Risiko«, beurteilt das Oberverwaltungsgericht Bremen die Lage, »das mit der Teilnahme älterer Kraftfahrer am motorisierten Straßenverkehr mehr oder weniger zwangsläufig verbunden ist«. Es könne deshalb, folgern die Verwaltungsrichter, auch »nicht jeder geringfügige normale Altersabbau« zum »Anlaß für die Entziehung der Fahrerlaubnis genommen werden«.

Mangels regelmäßiger Zugriffsmöglichkeit sind es meist Zufälle, die Verkehrsbehörden auf die Spur wackeliger Kandidaten führen. In Berlin fiel der Polizei ein Pkw auf, der »auf einer verkehrsfreien Straße laufend Schlangenlinien« fuhr. Nicht Alkohol war die Ursache: Beim 66jährigen Fahrzeuglenker stellten Ärzte eine »arteriosklerotisch bedingte Schädigung« und eine »schwerwiegende Beeinträchtigung der psychophysischen und intellektuellen Leistungsfähigkeit« fest.

Hinweise auf Verkehrsuntüchtigkeit erhalten Führerscheinstellen auch von Kliniken oder »besorgten Verwandten«, wie dem Leiter der Frankfurter Straßenverkehrsbehörde Hartmut Vogt auffiel, »wenn der Opa eine recht zittrige Fahrweise an den Tag legte und uneinsichtig war«.

Doch es sind kaum die widerspenstigen Alten, die durch die Aktionen »Freifahrschein bei freiwilliger Führerscheinrückgabe« von der Straße geholt werden können. In Osnabrück war nur jeder sechste, der den Tausch mitmachte, auch bis zuletzt noch gefahren. Von den Heilbronner Umsteigern hatte, wie die Auswertung ergab, immerhin »mehr als die Hälfte der Personen erklärt, daß sie bis vor kurzem den eigenen Kraftwagen oder aber gelegentlich einen fremden Kraftwagen geführt haben«.

Auf den Handel in Heilbronn gingen auch solche ein, die »durchaus noch voll fahrtüchtig schienen«, wie Stadtsprecher Wilfried Hartmann erkannte, der die Aktion in Gang gesetzt hatte. Die Unbelehrbaren aber »konnten auch wir nicht erfassen«, gestand Hartmann ein: »Das ist wie in der Kirche, wo der Pfarrer auch nur vor denen predigt, die ohnehin da sind.«

Was für manche Kommunen auch »ein bißchen Goodwill für die Alten« (Hartmann) ist, erscheint anderen schon als nicht mehr vertretbares Almosen. In Frankfurt, wo die FDP-Fraktion ("Schlechtweg eine gute Sache") die Umtauschaktion beantragte, stimmte der Magistrat jetzt dagegen.

Die Stadt geht davon aus, so heißt es in einem Magistratsbericht, daß ohnehin nur Führerscheininhaber angesprochen würden, »die bereits öffentliche Verkehrsmittel benutzen«, nicht diejenigen, die es »aus Verkehrssicherheitsgründen vom motorisierten Straßenverkehr auszuschließen« gelte.

Vorteile hätten, so die weiteren Argumente, auch nur die Privilegierten. »Denn wer«, folgert Amtsleiter Vogt, »konnte sich früher schon ein Auto leisten? Die würden dann jetzt noch honoriert werden.«

Auch die Münchner stoppten ihre beabsichtigte Alten-Aktion, gedacht »für Schwankende, denen man ein Zuckerl geben wollte«. Die Stadt mochte es nicht mit dem Seniorenbeirat verderben, der in dem Angebot die »landläufige«, aber »von der Wissenschaft widerlegte Auffassung von der Hilfs- und Schutzbedürftigkeit und der allgemeinen Passivität des Alters« bestätigt sah.

Solchem Vorwurf will Schleswig-Holstein vorbeugen. Vom Oktober dieses Jahres an soll, das plant die Landesverkehrswacht, ein halbes Jahr lang zum Nulltarif in weiten Teilen des Landes fahren können, wer bis zuletzt ein eigenes Fahrzeug lenkte und den Führerschein zurückgibt -- gleich welchen Alters.

Neben der Verkehrssicherheit spielen dabei im Norden auch ökonomische Gesichtspunkte eine Rolle. »Wir sprechen damit jeden an, der von der Straße wegwill«, erläutert Peter Schuster, Geschäftsführer der Verkehrswacht, »auch diejenigen, denen das Benzin zu teuer wird.«

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