CHEMIEWAFFEN Gift oder Knoblauch
Auf 120 Seiten hatte Wolfgang Gerhardt seine Erinnerung an die schrecklichsten Tage seines Lebens aufgeschrieben. »Mein Weg durch die Angst« nannte der Techniker aus Köln sein Buchmanuskript. Es handelte von einem Martyrium - das freilich da noch ein gutes Ende zu nehmen schien.
Während der Golfkrise, wenige Monate vor dem Krieg, hatte Saddam Hussein den Monteur der Firma Klöckner-Humboldt-Deutz (KHD) als menschlichen Schutzschild gegen die möglichen Luftangriffe der Alliierten gefangen gehalten: 86 Tage lang, bis Gerhardt am 27. Oktober 1990 freikam.
»Eigentlich wäre diese Geschichte nach den 120 Seiten zu Ende gewesen«, sagt Gerhardt - wäre da nicht im November 1993 das Karzinom an seinem linken Stimmband entdeckt worden. Saddams ehemalige Geisel war an Kehlkopfkrebs erkrankt, nach Meinung von Medizinern die Folge seiner Kasernierung in einer irakischen Giftgasfabrik: »Auf diese Weise wurde ich kleiner Sack nun ein zweites Mal Opfer der Weltpolitik.«
Doch das war nur der Anfang. Offenbar wurde Gerhardt, 58, nach seiner Freilassung auch noch Opfer der deutschen Bürokratie. Denn seit nunmehr acht Jahren versagt ihm die Maschinenbau- und Metall-Berufsgenossenschaft in Düsseldorf die Anerkennung des Krebsgeschwürs als Berufskrankheit und damit eine Entschädigung.
Gerhardt könne schließlich keinen »sicheren Nachweis« darüber beibringen, dass Saddams Gas die Krebskrankheit verursacht habe. Und so wird der Fall Gerhardt auch zu einem Musterbeispiel dafür, wie schwer sich die deutsche Gerichtsbarkeit damit tut, über die menschlichen Folgen kriegerischer Auseinandersetzung zu urteilen.
Wolfgang Gerhardt lag am 2. August 1990 frühmorgens in Zimmer 170 des Kuwait Sheraton Hotels; der Fachmann für Dieselmotoren hatte in Kuweit für seine Firma die Boote eines holländischen Unternehmens betreut. An diesem Tag überfielen Saddams Truppen nicht nur den Nachbarstaat, sie nahmen auch Ausländer fest, die sie später als Geiseln benutzen wollten.
Zusammen mit einem Kollegen und sechs weiteren Deutschen wurde Gerhardt in den Irak verschleppt, dort mehrmals hin und her transportiert - bis er in einer streng bewachten Industrieanlage landete. Nur ein einziges Mal hörte seine Familie daheim etwas von ihm direkt: »Ich möchte mitteilen, dass es mir gut geht und dass es mir an nichts fehlt«, musste Gerhardt in die Kamera des irakischen Staatsfernsehens sprechen - die Bilder gingen um die ganze Welt.
Wenig später bekamen die Geiseln aus dem Ausland auch noch Besuch von einem irakischen General, der sie zynisch als »Helden des Friedens« bezeichnete. Da wurde den Deutschen klar, dass Saddam sie von nun an als menschliche Schutzschilde für seine Chemieanlagen missbrauchen würde.
In der Fabrik war Gerhardt in einem Raum untergebracht, durch dessen Wände sich ätzende Flüssigkeit gefressen hatte. Der Gestank war beißend, er nahm ihm den Atem. Der Kölner bekam kaum noch Luft: »Mein ganzer Hals war ein Schleimklumpen.«
Erst später erfuhren Gerhardt und die anderen Gefangenen, wo sie sich befanden: in einem Labor, rund 80 Kilometer westlich von Bagdad - einer Fabrik zur Chlorherstellung und Wasseraufbereitung, wie die Wächter sie beruhigten. Doch in dem Report eines US-Senators wurde die Anlage nach dem Krieg als Giftgasfabrik bezeichnet. Vorprodukte chemischer Kampfstoffe sollen dort hergestellt worden sein - für die Nervengase Sarin und VX sowie Senfgas.
Nachdem der heutige Uno-Generalsekretär Kofi Annan mit dem Versuch gescheitert war, die gefangenen Ausländer aus dem Irak zu holen, erschlich sich Gerhardt mit einem Gedicht an den großen Führer Saddam die Entlassung, sein Werk endete mit Strophe vier:
Dieses Volk hat Blut gegeben,
hat geopfert vieler Leben,
auf das Irak ewig lebt.
17 Tage nachdem er seinen Aufpassern das schmeichlerische Stück Lyrik übergeben hatte, war der Kölner Techniker frei.
Doch daheim litt er bald immer stärker an Heiserkeit und Schluckbeschwerden. Nach einer Operation stellten Mediziner schließlich die Diagnose: Plattenepithelkarzinom - Kehlkopfkrebs. Mehrere Operationen folgten. Danach dauerte es jeweils mehrere Wochen, bis Gerhardt seine Stimme wieder zurückbekam.
Ein Arzt von KHD beantragte für ihn die Anerkennung des Krebses als Berufskrankheit. Doch die Berufsgenossenschaft wollte nicht zahlen, und so landete die Sache vor dem Sozialgericht. Ein Gutachtermarathon begann.
Der erste Sachverständige hielt einen Zusammenhang mit Giftgas für unwahrscheinlich. Thomas Deitmer, damals Chefarzt der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde in Augsburg, hingegen erklärte, der Zusammenhang zwischen Senfgasproduktion und Krebs sei belegt. Das habe Zahlenmaterial aus dem Zweiten Weltkrieg gezeigt. Vieles, so der Professor, spreche dafür, dass die »kriegerische Internierung« Gerhardts die Ursache für das Karzinom sei.
Heinz Maier, Professor am Bundeswehrkrankenhaus Ulm, arbeitete sich in Berichte aus den USA ein und plädierte schließlich ebenfalls für die Anerkennung als Berufskrankheit - auch wenn Gerhardt früher einmal eine Weile lang geraucht habe. Doch ein Assessor der Berufsgenossenschaft hielt die Erklärungen des Gutachters »nicht für überzeugend«.
Und so zog sich der Streit um die Anerkennung als Berufskrankheit hin. Zwischenzeitlich hatte Gerhardt bei der Dortmunder Firma Uhde nachgefragt, ob sie ihm nicht helfen könne. Bei seiner Internierung war er darauf gestoßen, dass die Tochterfirma der ThyssenKrupp AG einstmals am Bau der irakischen Anlage beteiligt war. Im Februar 2000 antwortete Uhde lapidar, dass es sich dabei um eine Verwechselung handeln müsse.
Wenig später gab die Firma dann aber doch zu, die Chloranlage geliefert zu haben - diese sei »aber nicht in der Lage gewesen, chemische Kampf- und Nervengase zu produzieren«. Am Schicksal Gerhardts trage sie deshalb keine Schuld - das Gegenteil kann niemand beweisen.
Der Fall entfachte vor Gericht bald zudem einen bizarren Streit über die Gerüche in fremden Ländern. Gerade der von Gerhardt »geschilderte Knoblauchgeruch« sei ein »weiteres wichtiges Indiz« für eine mögliche Gefährdung durch Senfgas, stellte Gutachter Maier fest - das gefährliche Gift riecht ein wenig wie Senf, Meerrettich oder Knoblauch.
Gerhardt selbst habe früher darauf hingewiesen, entgegnete die Berufsgenossenschaft kühl, dass »in arabischen Staaten die Entwicklung von Knoblauchgeruch nicht ungewöhnlich sei«.
Um seine Vergiftung mit Senfgas belegen zu können, sagt Gerhardt inzwischen resigniert, »müsste ich wohl schon eine Bestätigung von Saddam Hussein bekommen«. UDO LUDWIG