VERTRIEBENE Gift und Eiter
Ein schmaler Weg führt durch die verschneiten Felder zum polnischen Dorf Gostchorze, rund 30 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Die meisten der etwa 300 Bewohner leben von kargen Erlösen aus der Landwirtschaft. Viele Häuser und Höfe sind baufällig, Dächer brechen ein, und Putz fällt von den Wänden. Etwas abseits, direkt an der Uferböschung der Oder, liegt die Herz-Jesu-Kirche. Sie erstrahlt in weißgetünchtem Glanz.
Vor zehn Jahren hatte ein Feuer das Gotteshaus zerstört. Damals habe das ganze Dorf beim Wiederaufbau geholfen, erzählt Ex-Bürgermeister Stanislaw Rajca: »Seitdem sind wir besonders stolz auf unsere Kirche.« Und nun dieser Brief aus Deutschland.
»Rechtsverwahrung und Antrag auf Eigentumssicherung« steht über dem Schreiben, mit dem ein Fremder förmlich Anspruch auf Kirchgebäude und 25 Hektar Land geltend macht. »Unser Grundeigentum liegt in einem - von der Volksrepublik Polen - im Jahre 1944/45 besetzten Reichsgebiet«, heißt es in dem Schriftstück belehrend, »Enteignungen privaten Eigentums in eroberten oder besetzten Gebieten durch die Besatzungsmacht sind nach zwingendem Völkerrecht untersagt und rechtlich wirkungslos«.
Absender des Briefs ist Wolf-Dieter Sperling, 57, aus Groß Kreutz bei Potsdam. »In diesem Haus bin ich 1941 zur Welt gekommen«, sagt er und zeigt vergilbte Fotos aus jenen Jahren, als das Dorf Gostchorze noch Goskar hieß und die heutige Kirche das Haupthaus des wohlangesehenen Landwirts und Bürgermeisters Albert Sperling war.
»Wir wollen unser Eigentum zurück«, sagt nun Sperling junior, der mit seinen Eltern im Juni 1945 binnen zweier Stunden den Hof in Richtung Westen verlassen mußte. Mehr als zehn Millionen Deutsche wurden damals aus ihrer Heimat östlich von Oder und Neiße vertrieben, Hab und Gut blieben zurück.
Jetzt haben sich zum Schrecken der Polen Tausende von Vertriebenen bei Gemeinden und Privatpersonen gemeldet. In ehemals deutschen Städten wie Stettin, Breslau, Grünberg, Stolp, Oppeln oder Posen stapeln sich Briefe und Einschreiben aus Deutschland, »... fordere ich die Rückgabe und freie Verfügbarkeit über mein Privateigentum«.
Anläßlich der Verhandlungen über den geplanten EU-Beitritt Polens sehen viele Vertriebene einen neuen Hebel, längst verloren geglaubten Besitz zurückzubekommen. Das wird kaum gelingen, doch die massiv vorgebrachten Ansprüche belasten das Verhältnis zwischen beiden Ländern erheblich.
Daß einige Vertriebene sogar verbreiten, am liebsten wieder in ihre alte Heimat ziehen zu wollen, empfindet mancher in Polen als Drohung. Sperling, der sofort seine Koffer packen würde, kann das nicht verstehen: »Die lassen doch eh alles verkommen da.« Die Lage seines Anwesens am Fluß sei sehr idyllisch, sagt er, »das könnte man prima touristisch nutzen«.
Bewohner von Gostchorze, die nun um ihre Kirche bangen, macht diese Absicht wütend: »Sollen sie doch kommen, diese Hitlersöhne«, sagt Rentner Julian Kulka, der bis heute unter den Folgen von Mißhandlungen durch die Gestapo leidet. »Ich kann aber nicht garantieren, daß sie ihr Vaterland dann wiedersehen werden.«
Alte Wunden und Ängste vor dem westlichen Nachbarn sind in Polen wieder aufgebrochen. Das Land hatte neben der Sowjetunion am ärgsten unter dem Wüten der Nazis zu leiden, sechs Millionen Polen kamen während des Krieges um.
»Viele sehen den geplanten EU-Beitritt unseres Landes nur als eine Falle der Deutschen, die dann zurückkommen werden, um uns auf die Straße zu setzen«, sagt Zofia Kulikowska vom Grundbuchamt in Zielona Góra, dem früheren Grünberg. Sie schreibt unentwegt höfliche Absagen an deutsche Anspruchsteller und weist dabei auf internationale Verträge hin, in denen die polnische Westgrenze - auch von Deutschland - garantiert wird. Ändern kann sie aber nicht, daß in vielen Grundbüchern immer noch Deutsche als rechtmäßige Eigentümer von Immobilien und Grundstücken stehen.
Da beruhigt nur mäßig, daß Bundeskanzler Gerhard Schröder nichts davon hören will, eine Entschädigung der Vertriebenen zur Bedingung von Polens EU-Beitritt zu machen, und sein grüner Außenminister Joschka Fischer in Warschau die Forderungen der Vertriebenen als »anachronistisch und absurd« bezeichnet.
Tatsächlich ist die Frage von Eigentum und Entschädigung der Vertriebenen noch immer ungelöst. Bei den deutsch-polnischen Verträgen von 1990/91 blieb das Problem außen vor. »Die Bundesregierung hat die Vertreibung der Deutschen und die entschädigungslose Einziehung deutschen Vermögens immer als völkerrechtswidrig angesehen«, stellte das Auswärtige Amt unter Fischer-Vorgänger Klaus Kinkel wiederholt fest. Dieser Standpunkt sei gegenüber Polen »stets mit Nachdruck vertreten« worden.
Auch wenn die neue rot-grüne Regierung das politisch anders werten mag, ein Dilemma bleibt: Deutschland kann nicht im Namen der Vertriebenen auf deren private Entschädigungsansprüche verzichten. Andernfalls würden diese sich mit milliardenschweren Forderungen an die Bonn-Berliner Regenten halten.
Die Entschädigungsfrage ist verfahren - auch jenseits der Oder-Neiße-Grenze. In Polen gibt es immer noch kein Gesetz, um die nach 1945 rechtswidrig von den Kommunisten enteigneten eigenen Staatsbürger zu entschädigen. Im Sejm, dem polnischen Parlament, liegt die seit 1991 bereits 22. Gesetzesvorlage. Denn dabei stellt sich sogleich die Frage, ob auch die vertriebenen Deutschen daraus Ansprüche herleiten könnten. Nach dem gegenwärtigen Stand sollen nur jene ihr Eigentum zurückerhalten oder entschädigt werden, die 1945 polnische Staatsbürger waren. Die ausgesiedelten Deutschen bekommen nichts. Daß dieser Ausschluß im Rahmen der EU rechtlich Bestand haben könnte, bezweifeln auch polnische Juristen.
»Die lästige Eigentumsfrage muß endlich so oder so gelöst werden«, sagt der polnische Publizist Jerzy W. Solecki, »entweder die Vertriebenen verzichten offiziell, oder sie erhalten eine Entschädigung.« Dies könnte ja durchaus in einem europäischen Rahmen geschehen.
Das hätte auch der deutsche Bund der Vertriebenen (BdV) gern so - wenn auch in anderer Absicht: »Die EU ist schließlich eine Wertegemeinschaft«, sagt Präsidentin Erika Steinbach, 55, »und Vertreibungen sind Unrecht, wo immer sie geschehen.«
Die Frankfurter CDU-Bundestagsabgeordnete ist eine Freundin drastischer Formulierungen. Sie spricht von einem »Eiterherd«, der die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland »vergiften« werde, wenn der östliche Nachbar die Forderungen der Vertriebenen nicht erfülle: »Polen und Tschechien müssen vor einem EU-Beitritt das an den deutschen Vertriebenen begangene Unrecht heilen, sich entschuldigen und ihnen ein Recht auf Rückkehr in Würde einräumen.«
Selbst skurrile Gruppierungen fühlen sich blendend von der obersten Vertriebenenfunktionärin vertreten. »Sie ist ein Glücksfall für uns«, sagt Karl-Heinz Rinkens aus Düsseldorf, »ihre Vorgänger waren doch alles nur Jasager.« Rinkens ist Mitglied im »Danziger Komitee«, einem Verein, der dem vergangenen »Freistaat« Danzig anhängt. Der pensionierte Bankkaufmann will ein Grundstück in der Innenstadt wiederhaben, gleich neben dem Rathaus. Längst hat er seine Forderung schriftlich auf den Weg gebracht, nun hilft er anderen mit Vordrucken aus, damit auch sie ihre Ansprüche juristisch korrekt formulieren können.
Hilfestellung leistet zudem der »Bund für Gesamtdeutschland« in Duisburg. Die rechtsradikale Vereinigung hat in einer breit angelegten Kampagne nach eigenen Angaben rund 40 000 »Eigentumsvorbehalte« an Vertriebene verteilt.
Zu Tausenden wehren sich nun die Polen gegen die befürchtete Übernahme durch Deutsche. Sie lassen ihre gepachteten Häuser bei den Grundbuchämtern in Privateigentum umwandeln. Seit November ist dies leichter geworden - ein Zugeständnis an die Ängste der Bürger, die nach dem Krieg in die verlassenen Häuser der Deutschen gezogen waren. Oft sind sie selbst Vertriebene, die ihre an die Sowjetunion gefallene Heimat im Osten des Landes hatten verlassen müssen.
»Bei uns melden sich täglich mehrere Dutzend Leute«, sagt Zofia Bursztynowicz von der Stadtverwaltung in Stettin, allein in ihrem Bezirk gebe es rund 27 000 Erbpächter. »Um alle Anträge zu bearbeiten, bräuchten wir etwa elf Jahre.« Bis dahin ist Polen vermutlich längst in der EU.
Auch wenn nach Meinung der Regierung in Warschau ein EU-Beitritt Eigentumsfragen nicht berührt, will sie doch möglichst lange verhindern, daß sich allzu viele Deutsche im Land seßhaft machen. Die eigentlich garantierte Freizügigkeit innerhalb der Gemeinschaft soll deshalb zunächst eingeschränkt bleiben. Am liebsten wäre Warschau eine zehnjährige Übergangsfrist, während der Ausländer nur in
* Auf einer CSU-Wahlkampfveranstaltung im vergangenen September mit Peter Gauweiler und Otto von Habsburg.
Ausnahmefällen Grund und Boden erwerben dürften. Die Übergangsfrist soll polnische Empfindlichkeiten beruhigen.
Denn selbst in jenen, die längst Freundschaft mit dem einstigen Feind geschlossen haben, keimt wieder Mißtrauen: »Wie soll ich denn noch einen Deutschen in meine Wohnung hereinlassen, wenn ich das Gefühl habe, er möchte mich morgen an die Luft setzen?« fragt die Danziger Rentnerin Lucyna Zieli nska aus dem Haus 49 in der Straße Do Studzienki. Früher war dies der Heiligenbrunner Weg, und die meisten Häuser gehörten Deutschen.
Heute sind die Gebäude in einem erbärmlichen Zustand. Die Dächer sind leck, und Fenster schließen nicht richtig. »Die Leute, die jetzt ihr Eigentum zurückfordern, wissen nicht, was sie tun«, sagt Anwohnerin Krystyna Szuba. Etliche Wohnungen hätten bis heute weder Bad noch Toilette, und häufig funktioniere auch die Heizung nicht richtig. »Von mir aus können die Deutschen die Ruinen übernehmen«, lästert eine Nachbarin.
Mancher Vertriebene, der nun seinen früheren Besitz einklagen oder als Erbe beanspruchen will, hat in der Tat keine Ahnung, was ihn dann dort erwartet.
Eberhard Schwendt, 59, aus Bielefeld war fünf Jahre alt, als er mit seinen Eltern Danzig verlassen mußte. An den »sehr geehrten Herrn Staatspräsidenten Kwa sniewski« hat er bereits im September 1997 geschrieben, »daß wir unser Eigentum in Danzig-Langfuhr, Heiligenbrunner Weg 36-37b, bestehend aus 4 Häusern und 20 Mietern, in unsere persönliche Verwaltung übernehmen wollen«. Reagiert hat darauf bislang niemand.
Vielleicht fühlt sich keiner angesprochen. Die Häuser gibt es schon lange nicht mehr. ANDRZEJ RYBAK, HANS-ULRICH STOLDT
* Auf einer CSU-Wahlkampfveranstaltung im vergangenen Septembermit Peter Gauweiler und Otto von Habsburg.