»Giftig und nachtragend«
SPIEGEL: Andrej Alexandrowitsch, die Medien der Moskauer Most-Gruppe sind starkem politischem Druck ausgesetzt ...
Tscherkisow: ... weil Putin unter Pressefreiheit etwas ganz anderes versteht als wir. Er lügt nicht, wenn er sich für Meinungsfreiheit ausspricht. Aber er meint damit ein bequemes Werkzeug in der Hand des Staates.
SPIEGEL: Wodurch vor allem hat sich der private Fernsehkanal NTW den Zorn des Kreml zugezogen?
Tscherkisow: Wir halten es für eine schwere, untragbare Verletzung der Menschenrechte, was seit anderthalb Jahren in Tschetschenien geschieht. Außer uns wagt es niemand mehr, diese Position zu beziehen.
SPIEGEL: Wenn NTW morgen abgeschaltet würde, gäbe es keine Pressefreiheit mehr in Russland?
Tscherkisow: Genau so. Und diese Gefahr ist für uns greifbar und sehr ernst.
SPIEGEL: Sie äußern tagtäglich in Radio und Fernsehen Ihre Meinung so radikal und brachial wie keiner sonst. Ist Tscherkisow nicht der schlagende Beweis für eine intakte Freiheit des Wortes?
Tscherkisow: Mit mir ist ja alles klar: Mich kann man nur totschlagen. Aber ich brauche doch ein Instrument, um etwas sagen zu können - ein Mikrofon, eine Fernsehkamera. Wie meine Kollegen kann man auch mich jederzeit mundtot machen.
SPIEGEL: Das wäre rechtswidrig - und Putin ist mit dem Wort von der »Diktatur des Gesetzes« angetreten.
Tscherkisow: Klingt schön, ist aber absolut inhaltsleer. Hitler ist völlig legal an die Macht gekommen.
SPIEGEL: Das ist nicht zu vergleichen.
Tscherkisow: Das Stalin-Regime hat Kinder erschießen lassen, streng nach dem Gesetz. Viele glauben bei uns immer noch, Gesetz und Recht seien dasselbe. Putin ist durch und durch ein Produkt der Sowjetzeit, wie unser Volk eben.
SPIEGEL: Ihr Chef Wladimir Gussinski steht in Spanien unter Hausarrest, Moskau verlangt seine Auslieferung. Erwarten Sie einen Schauprozess, wenn das schief geht?
Tscherkisow: O ja, und zwar einen mit starken antisemitischen Untertönen. Zuvor wird man versuchen, schon in der Untersuchungshaft seine Persönlichkeit zu brechen.
SPIEGEL: Wird Gussinski jemals an die Spitze seines Unternehmens zurückkehren können?
Tscherkisow: Sein Geschäft kann er heute, dank der modernen Kommunikationstechnologie, von überall aus betreiben. Und auch nach Russland wird er zurückkommen, wenn auch vielleicht nicht morgen und nicht in einer Woche.
SPIEGEL: Nun haben elf Ihrer NTW-Kollegen eine Audienz im Kreml erhalten ...
Tscherkisow: ... wenn der Präsident einlädt, kann man nicht Nein sagen ...
SPIEGEL: ... und sie haben in der Sache nichts erreicht.
Tscherkisow: Wieso? Das Ergebnis ist doch nicht schlecht. Putin hat gewiss verstanden, dass NTW nicht in aller Stille erwürgt werden kann. Und einige Kollegen sind ihre Illusionen losgeworden, Putin sei ein gutmütiger Zar, der nur schlecht informiert werde. Er war über alles blendend unterrichtet.
SPIEGEL: Sonst gab es keine positiven Auswirkungen des Spitzengesprächs?
Tscherkisow: Eine, die Anton Titow, Chef der Most-Finanzabteilung, am eigenen Leibe verspüren musste. Er saß in einer Einzelzelle in der Butyrka und wurde danach in eine Gemeinschaftszelle mit 38 Kriminellen verlegt, was als Hafterleichterung gilt. Praktizierter Leninismus: Formal korrekt, de facto Schikane.
SPIEGEL: An schwarzem Humor hat es Hausherren des Kreml nie gemangelt.
Tscherkisow: Deshalb hatten sich politische Häftlinge der Stalin-Zeit auch zur Regel gemacht: um nichts bitten, sonst wird es nur schlimmer.
SPIEGEL: Die NTW-Redaktion hat sich dem Präsidenten als eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten präsentiert. Eine, die ein anderes Russland will als der Präsident?
Tscherkisow: Eindeutig. Ich will auch ein anderes Russland als Putin. Eines, wo niemand auf dem Klo kaltgemacht wird ...
SPIEGEL: ... wie es Putin den Freischärlern in Tschetschenien angekündigt hatte ...
Tscherkisow: ... eines, wo Terrorismus nicht mit Flächenbombardements
und der Auslöschung ganzer Ortschaften bekämpft wird.
SPIEGEL: Was ist der eigentliche Grund für die Verfolgung Gussinskis?
Tscherkisow: Weder Schulden noch ein unterschiedliches Verständnis von Pressefreiheit. Im Kern ist Putins Konflikt mit Gussinski nichts anderes als persönliche Vendetta. Vergessen Sie nicht: Putins Beruf ist das Anwerben von nützlichen Leuten. Dieser Beruf ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Er lockt, er wirbt an ...
SPIEGEL: ... wofür?
Tscherkisow: Er will die beschissenen Zustände der Sowjetzeit zurückhaben. Und wer sich dafür nicht ködern lässt, den verfolgt er giftig und nachtragend.
SPIEGEL: Nur finden zwei von drei Russen, die Medien genössen genügend oder gar zu viele Freiheiten. Eine Reaktion wie jüngst in Tschechien, wo Bürger für ein unabhängiges Fernsehen auf die Straße gingen, können Sie nicht erwarten.
Tscherkisow: In Moskau vielleicht doch. Aber sonst verhält sich das russische Volk wie ein naives Kind, welches noch nicht versteht, dass es ohne unabhängige Medien nichts mehr erführe aus dem zerbombten Grosny, nichts mehr über seine Mitbürger im Fernen Osten, die ohne Heizung zu erfrieren drohen.
SPIEGEL: US-Medienmagnat Ted Turner, Großspekulant George Soros und Oligarch Boris Beresowski haben sich bereit erklärt, den angeschlagenen Most-Konzern finanziell flottzumachen. Bringt das die Rettung?
Tscherkisow: Wenn diese Jungs und die von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung dazu in unser Geschäft einstiegen, könnte das Schuldenproblem gelöst und politischer Druck reduziert werden. Nur: Ob sie wirklich eine Vorstellung vom Russland-Risiko haben und ob Gasprom, der Hauptgläubiger des Most-Konzerns, überhaupt an diese Investoren verkaufen darf - das sind die wirklich spannenden Fragen der Zukunft.