BUNDESWEHR Glanz ohne Gloria
Das Debakel war vorauszusehen. Schon im Frühjahr, bei einer Besprechung mit seinen Generalen, prophezeite Heeresinspekteur Hans Poeppel, zur Manöver-Zeit im September werde die Armee wegen Benzinmangels stillstehen.
Nun ist es soweit. Die wichtigsten Großübungen können zwar, wenn auch im kleineren Umfang als geplant, in den nächsten Wochen stattfinden, nachdem das Kabinett im Mai einen Sprit-Nachschlag von 155 Millionen Mark bewilligt hat. In einer eilends einberufenen Sitzung mit seinem Stab und den Kommandierenden Generalen der drei deutschen Heereskorps strich Poeppel am vergangenen Donnerstag jedoch Dutzende kleinerer Übungen auf Brigade- und Bataillonsebene.
Poeppels Entscheidung stieß in der Generalsrunde auf Kritik. Denn der Wert großer Herbstmanöver ist unter den Militärs umstritten. Wichtiger als im großen Stil den Ernstfall zu proben, so der Einwand, sei es, kleinere Kampfeinheiten in Garnisonsnähe mit ihren Waffen und Geräten vertraut zu machen.
Großmanöver dienen vor allem der Schulung der Stäbe sowie dem Zusammenspiel zwischen Heer und Luftwaffe. In den vergangenen Jahren hatte sich immer wieder gezeigt, daß Fernmeldeverbindungen nicht klappten, deutsche und amerikanische Offiziere sich nicht über die richtigen Befehle einigen konnten, die Truppen nicht S.23 schnell genug vorankamen und Luftunterstützung zu spät angefordert wurde.
Die Wehrpflichtigen aber wußten meistens nicht, warum sie überhaupt fahren oder stoppen mußten, warum die Schiedsrichter sie für tot erklärten, ohne daß auch nur ein Übungsschuß gefallen war. Von den Feldwegen durften sie häufig ohnehin kaum herunter, um Flurschäden zu vermeiden.
»Nach meinem Gefühl«, mäkelte Weltkrieg-II-Oberleutnant und Bundeskanzler Helmut Schmidt im vergangenen Jahr beim Manöver-Besuch, »stehen die sehr offen im Gelände herum.«
Von kleineren Gefechtsübungen haben die Wehrpflichtigen mehr: Ohne daß sie auf Äcker und Wiesen Rücksicht nehmen müssen, können die Soldaten auf dem Truppenübungsplatz den Umgang mit Panzern und Geschützen lernen. Nun werden Zehntausende für den Rest des Jahres in den Kasernen herumgammeln -- die Bundeswehr wird zum Putz- und Pflegeverein.
Daß der Heeresinspekteur sich gegen die Praxis entschied, hat vor allem politische Gründe. Von vernünftiger Planung zeugt es nicht.
Nachdem Ende Juli das Kabinett die wichtigsten Daten für den Haushalt 1982 verabschiedet hatte, gab Verteidigungsminister Hans Apel seinem Staatssekretär Joachim Hiehle die Order, schon 1981 weitere 200 Millionen Mark einzusparen. 160 Millionen hatte Finanzminister Hans Matthöfer als »globale Minderausgabe« gefordert, 40 Millionen mußten zusätzlich aufgebracht werden, weil die Ausbildung von Piloten und Panzerfahrern in den USA, Kanada und Großbritannien wegen des gestiegenen Dollar-Kurses immer teurer wurde.
Während Apel auf der Ostsee segelte, machte sich Hiehle ans Streichen. Doch so sehr er sich auch mühte: Kürzungen bei den Telephon- und Reisekosten, den Lebens- und Arzneimittelvorräten brachten nicht den erwünschten Erfolg.
Die Idee, den Wehrpflichtigen künftig nicht mehr zwei, sondern nur noch eine Ausgehuniform zu verpassen, verwarfen die Militärs als zu revolutionär, obwohl die Wehrpflichtigen die »Bundestracht« (Soldaten-Jargon) nur selten tragen.
Hiehle strich schließlich nicht nur bei den ohnehin schon knapp bemessenen Etat-Rubriken für Wartung und Instandsetzung, sondern auch beim Manöver-Titel. Statt 180 Millionen sollten nur noch 160 Millionen ausgegeben werden.
Inzwischen aber hatten die Vorbereitungen der Amerikaner für die Herbstmanöver in der Bundesrepublik begonnen. 14 000 GIs fliegen aus den USA ein, um mit ihren Waffenbrüdern vor Ort zu üben.
Eine Absage der Deutschen hätte nach dem Dauerstreit zwischen Washington und Bonn um Pershing-Raketen, Cruise Missiles und Neutronenbomben zusätzlichen Ärger gebracht. Caspar Weinberger, Präsident Reagans starker Mann im Pentagon, wartet nur darauf, seinem ungeliebten deutschen Kollegen auf der Dezember-Tagung des nordatlantischen Bündnisses in Brüssel neue Vorwürfe machen zu können.
Apel weiß, daß er es auf dem Treffen schon schwer genug haben wird. Denn die Bundesrepublik erreicht 1982 nicht das Nato-Ziel, den Verteidigungshaushalt jährlich um real drei Prozent anzuheben. Apels Etat wird im kommenden Jahr um 4,3 Prozent auf 43,7 Milliarden Mark steigen -- bei den zu erwartenden Preissteigerungen eine Bilanz von plus/minus Null.
Kurzerhand befahl Apel deshalb, es dürfe überall gespart werden, nur nicht bei den Nato-Großübungen. Wo immer das Bündnis Flagge zeige, müsse die Bundeswehr dabeisein. Ausbildungsstand und Einsatzbereitschaft der Wehrpflichtigen hätten dagegen zurückzustehen.
1982 wird sich der Verteidigungsminister so nicht mehr durchmogeln können. Der Etat ist derart eng geschnitten, daß die Militärs bis Jahresende um grundsätzliche Entscheidungen nicht herumkommen.
Generalinspekteur Jürgen Brandt etwa muß sich mit der Frage befassen, ob es wirklich sinnvoll ist, daß ständig 495 000 Soldaten unter Waffen stehen. Kadereinheiten mit Offizieren und Unterführern, die im Krisenfall mit Reservisten verstärkt werden, tun es nach Expertenmeinung auch.
In der Militär- und Verwaltungsbürokratie (Apel: »Ein Wasserkopf") könnten zudem mühelos Stellen gestrichen werden -- Ministerium, Führungsstäbe, Heeres-, Luftwaffen-, Marine- und Beschaffungsämter befassen sich oft mit denselben Aufgaben.
Heeresinspekteur Hans Poeppel muß das nicht mehr kümmern: Er geht am 30. September in Pension.
Über seinen Nachfolger Meinhard Glanz spotten bereits die Soldaten. Beim Manöver »Scharfe Klinge« sollte der Kommandierende General des II. Korps seine Führungsqualitäten beweisen.
Doch in der Bundeswehr heißt das Kriegsspiel »Scharfe Klinge« schon jetzt »Glanz ohne Gloria«.